
Die Dusche im Gästebad meiner Freunde ist mein Feind. „Nasszelle“ finde ich gar kein so schlechtes Wort. Das Ding sieht zwar schick aus: durchsichtige Wände, die, wenn man sie nach innen faltet, tun, als wären sie gar nicht da. Eine gläserne Duschkabine lässt noch den winzigsten Raum größer wirken.
Aber was da so modern und elegant daherkommen soll, hat für mich den Charakter einer Folterkammer. Jedes Mal, wenn ich bei meinen Freunden übernachte, beginnt der Tag mit einer Prozedur, von der ich hoffe, dass mich niemals jemand dabei beobachten wird – weil ich sie als demütigend empfinde.
Ich beklage mich nicht über das Duschen selbst. Das Elend beginnt danach, also in dem Moment, in dem ich die Dusche ausstelle und so schnell wie möglich nach dem Handtuch greifen will. Schließlich wartet hinter der Armatur so dekorativ wie fordernd – der Duschabzieher. Ein Instrument, das offenbar erfunden wurde, um Arbeit zu sparen, in Wahrheit aber welche macht. Die Wasserspritzer an den Glasscheiben müssen weg, damit sich kein Kalk ablagert und das Bad wieder so picobello aussieht wie vor meiner Benutzung. Ich will meinen Gastgebern ja keine Arbeit machen.
Bei Kniebeugen ist man normalerweise wenigstens angezogen!
Also bleibe ich nass in der geschlossenen Kabine stehen – und fange an zu putzen. Ich ziehe den Gummiwischer über das Glas. Kein Problem, solange ich auf Sichthöhe zugange bin. Aber nach ein paar Bahnen wird es schwierig, auch den unteren Teil der Scheibe zu erreichen. Also muss ich in meinem gläsernen Schacht in die Hocke gehen, was sich auf dem rutschigen Wannenboden wackelig anfühlt. Kniebeugen sind ohnehin nicht meine Stärke. Aber dabei ist man wenigstens angezogen! Allmählich wird mir kalt. Und mit der zweiten Glaswand habe ich noch gar nicht angefangen.
Das kann ja irgendwie nicht sein, denke ich. Hieß es nicht einmal „form follows function“? Und hat der moderne Mensch bei seiner Morgenroutine nicht Besseres zu tun, als das Badezimmer zu putzen? Bin ich eigentlich der einzige Depp, der das entwürdigend findet?
Ein Anruf bei der Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft. Sanft, aber bestimmt sagt eine freundliche Dame am Telefon: „Wenn Sie eine Dusche wollen, müssen Sie den Raum vor den Spritzern retten.“ Ich schlucke. „Da ist eine Glastrennwand die ideale Lösung.“ Echt jetzt? „Natürlich müssen Sie dafür sorgen, dass Sie das kalkfrei halten.“ Ich bin frustriert. Inzwischen klingt die Dame, als erklärte sie einem badenden Kind, dass das Wasser aus der Wanne nicht auf den Fußboden gehört: „Abzieher sind ein ziemlicher Standard.“ Die ebenerdige Dusche mit Glastüre sei „sehr beliebt, wenn man sein Bad renoviert oder neu baut“.
Ich lege auf. Offenbar unterwirft sich ein beträchtlicher Teil der frisch geduschten Deutschen allmorgendlich dem Diktat des Duschabziehers. Meine Freunde haben ihre elegante Glaskabine übrigens ausschließlich für ihre Gäste reserviert. Sie selbst duschen ein Stockwerk tiefer in einer alten Badewanne. Davor hängt ein bunter Plastikvorhang als Spritzschutz. Vielleicht frage ich nächstes Mal einfach, ob ich ihr Badezimmer benutzen darf.
