
Der deutliche Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt hat im Ausland unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Regierungsvertreter in Polen, Frankreich und Spanien äußerten sich besorgt, während Verbündete der Rechtsaußenpartei in Europa ihre Glückwünsche übermittelten. Im Kreml und im MAGA-Lager des amerikanischen Präsidenten Donald Trump wurde der AfD-Sieg ebenfalls mit Genugtuung registriert.
Auch internationale Medien berichteten über den Wahlausgang und gingen dabei auf ganz unterschiedliche Aspekte ein, von Bezügen zur deutschen Geschichte bis hin zur Einwanderungs- und Brandmauer-Politik:
Italien
Die italienische Zeitung „La Stampa“ erinnerte an die Zeit des Nationalsozialismus: „81 Jahre nach Hitlers Untergang, der das Land in Trümmern und mit der unauslöschlichen Schuld des Holocaust zurückließ, gewinnt eine Partei, die sich mehr oder weniger ausdrücklich auf jenes Deutschland beruft, die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.“
Frankreich
Auch die französische Zeitung „Ouest-France“ ging auf die Lehren aus dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg ein: „Zu sehen, wie sie an den Wahlurnen fast jeden zweiten Wähler hinter sich vereinen, ist ein Schock für Millionen von Deutschen, für die die AfD eine Bedrohung für ihre Demokratie, eine Beleidigung des Versprechens ‚Nie wieder‘ und ein Rückschlag für all die Arbeit ist, die in Bezug auf ihre Vergangenheit geleistet wurde.“
Die Zeitung „Les Dernières Nouvelles d’Alsace“ beleuchtete die „Brandmauer“-Politik: „Der Sieg der AfD ist ein dreifacher Misserfolg. Zum einen das Scheitern einer oberflächlichen Erinnerungskultur, die es nicht geschafft hat, lebendige Überlieferung zu werden. Zum anderen das Scheitern eines lange Zeit gepriesenen politischen Systems, das auf der Kunst des Konsenses und unwahrscheinlicher Koalitionen beruhte. Und schließlich das Scheitern der ‚Brandmauer‘, wie der Schutzwall auf Deutsch genannt wird.“
Großbritannien
Die britische Zeitung „Independent“ ging darauf ein, dass die Bundesregierung die von ihr geweckten Erwartungen an Reformen bisher nicht erfüllt hat: „Dieser Sieg ist der größte Erfolg in der dreizehnjährigen Geschichte der AfD und erfolgt in einer Zeit weit verbreiteter Unzufriedenheit mit einer unpopulären Bundesregierung, die die Wähler bislang nicht davon überzeugen konnte, dass sie die schwächelnde Wirtschaft des Landes wieder in Schwung bringen kann.“
Die Zeitung „The Times“ schrieb mit Blick auf die jüngere deutsche Geschichte: „Wie der Rest der ehemaligen DDR verlor auch Sachsen-Anhalt nach dem Fall der Berliner Mauer viele seiner jungen Menschen durch die Abwanderung in den Westen. Die staatlich geführten Fabriken waren zusammengebrochen, und die Arbeitslosigkeit stieg sprunghaft an. Die nationalistische Rechte hat ihre Wurzeln in diesem Gefühl der Verlassenheit. Dann öffnete die aus Ostdeutschland stammende christdemokratische Bundeskanzlerin Angela Merkel die Türen für eine Million Flüchtlinge, die vor dem Bürgerkrieg in Syrien flohen. Dies setzte Schulen und den Wohnungsmarkt unter enormen Druck. Seitdem schürt die extreme Rechte weiterhin Ressentiments gegenüber diesen Neuankömmlingen und in jüngerer Zeit auch gegenüber ukrainischen Kriegsflüchtlingen.“
Das schrieben Zeitungen aus anderen Ländern:
Die spanische Zeitung „El País“ ging auf die bisherigen Strategien zum Umgang mit der AfD ein: „Alles, was einst feststand, zerfällt, und viele der Instrumente, die einst dazu dienten, die extreme Rechte einzudämmen, haben sich als nutzlos oder gar kontraproduktiv erwiesen. Der überwältigende Sieg der AfD im kleinen ostdeutschen Bundesland Sachsen-Anhalt wird das demokratische Lager zwingen, seine Strategien der vergangenen Jahre zu überdenken und einige Wahrheiten neu zu bewerten, die bisher als unumstößlich galten.“
Die Migrationspolitik der vergangenen Jahre sieht das amerikanische „Wall Street Journal“ hinter dem AfD-Erfolg: „Das Signal ist deutlich, auch wenn die rechnerischen Mehrheitsverhältnisse der AfD womöglich keine handlungsfähige Mehrheit in der Landesregierung verschaffen. Die Wähler sind der etablierten Parteien überdrüssig. Dieser Frust speist sich vor allem aus der liberalen Einwanderungspolitik, die Berlin ein Jahrzehnt lang seit 2015 verfolgte, und die zurückzudrehen sich als schwierig erweist.“
Die belgische Zeitung „De Tijd“ sprach von einem politischen „Erdbeben“: „Das Rekordergebnis AfD in Sachsen-Anhalt zeigt, dass die rechtsextreme Partei für viele Wähler offenbar die einzige Alternative zur gescheiterten Politik der traditionellen Mitte-Parteien darstellt. (…) Das Wahlergebnis war nichts Geringeres als ein Erdbeben in der politischen Ordnung Deutschlands seit dem Ende des Krieges.“
Zur Bedeutung des AfD-Wahlsiegs schrieb die niederländische Zeitung „de Volkskrant“: „Die Bedeutung dieses Wahlergebnisses kann kaum überschätzt werden. Dass sich fast die Hälfte einer Wählerschaft für eine Partei entscheidet, die an einen weißen Ethnostaat glaubt, enge Beziehungen zu Russland unterhält, sich als alleinigen Vertreter ‚des Volkes‘ versteht und daher der Ansicht ist, dass sie anderen ihren Willen und ihr konservatives Weltbild auferlegen darf, ist schlichtweg schockierend und sollte jeden wachrütteln.“
Zu den Auswirkungen der Wahl auf die europäischen Nachbarländer schreibt die griechische Zeitung „Kathimerini“: „Obwohl weitgehend erwartet, löst der überwältigende Sieg der Alternative für Deutschland (AfD) in Sachsen neue Alarmstimmung in Berlin und Europa aus. (…) Nachkriegstabus, die sich über Jahrzehnte als demokratische Schutzwälle in einer Welt mit immer weniger demokratischen Schutzmechanismen gehalten hatten, geraten inzwischen unter dem Gewicht der politischen Entwicklungen in Deutschland ins Wanken.“
Auch die dänische Zeitung „Jyllands-Posten“ ging auf diesen Aspekt ein: „Auch Deutschlands Nachbarn und europäischen Partner können die Entwicklung nicht einfach ignorieren. Ein Deutschland, in dem die AfD zunehmend direkten oder indirekten Einfluss ausübt, wäre ein instabileres, auf sich selbst fokussierteres und vermutlich selbstbewusster auftretendes Deutschland.“
Zur „Brandmauer“ der CDU schrieb die tschechische Zeitung „Hospodarske noviny“: „In Sachsen-Anhalt leben nur rund 1,7 Millionen Wahlberechtigte. Der enorme Erfolg für die AfD ist daher sicher nicht repräsentativ für die gesamtdeutsche Politik. Es scheint jedoch klar, dass die Brandmauer, welche die CDU um die AfD errichtet hat, am Wählerwillen gescheitert ist.“
Die ungarische Zeitung „Nepszava“ beleuchtete das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland: „36 Jahre nach der Wiedervereinigung ist Deutschland wirtschaftlich um vieles einheitlicher geworden. Gefühlt hingegen entfernen sich Ost und West wieder voneinander. Diese Spaltung nutzt die rechtsextreme AfD heutzutage geschickter aus als jeder andere.“
