Weltuntergangsstimmung, Katastrophenszenarien und pessimistische Zukunftsaussichten gehören zu den wichtigsten Ingredienzien gesellschaftlicher Debatten über Klimaschutz, Artenvielfalt und Nachhaltigkeit. Da ist es erfrischend, ein Buch zu lesen, das einen ganz anderen Ansatz versucht und auf gute Nachrichten und konkrete Lösungen setzt. Hannah Ritchies Markenzeichen ist ihr geradezu störrischer Optimismus, der auch dieses Buch grundiert. Diese Haltung macht das Buch zu einer anregenden Lektüre – und ist gleichzeitig seine zentrale Schwäche.
„Keine Ausreden mehr!“ ist insoweit ein programmatischer Untertitel, als Ritchie mehr als einmal betont, wie sehr sie auf Daten, Fakten und korrekte Information setzt. „Klare Antworten auf 50 Mythen über den Klimawandel“ annonciert der Untertitel und verspricht somit, zur Entmythologisierung mancher Ideen beizutragen, die im Klimadiskurs umherschwirren. Dieses Bestreben wird bisweilen mit einer deftigen Medienschelte verbunden.
Viele überzeugende Antworten
Das Buch ist übersichtlich und sinnvoll gegliedert: Zwischen den „großen Fragen“ und dem Fazit bearbeitet Ritchie wichtige Fragen zu fossilen Brennstoffen, erneuerbaren Energien und Atomkraft, zu E-Autos, der Bedeutung von Mineralien und zu Heizen und Kühlen und zum Thema Lebensmittel, zu „Problembranchen“ wie Zement und Stahl sowie zu Negativemissionen und Geoengineering. Damit wird praktisch kein Problemfeld ausgespart, das für den Klimawandel und die Klimapolitik von Bedeutung ist. Dabei geht Ritchie meist zunächst grundsätzlich auf die jeweilige Frage ein und äußert sich anschließend dazu, was zu tun sei und „was wir im Hinterkopf behalten sollten“.

Diese Vorgehensweise gibt dem Buch eine lesefreundliche Struktur. Und tatsächlich findet es auf viele Fragen zum Klima-Thema überzeugende Antworten. Tragen kleine Länder überhaupt Verantwortung? Hängt nicht alles von China ab? Sind Windkraftanlagen wirklich Vogel-Killer? Ist „Reichweitenangst“ berechtigt? Welche Bedeutung haben Negativemissionen? Diese und 45 andere Fragen werden meist umfassend beantwortet. Auffällig ist die immer wieder geäußerte Überzeugung, dass der Klimawandel vor allem ein technisches Problem sei, das durch technische Mittel gelöst werden könne.
Besonders überraschend für deutsche Leser ist vielleicht das vehemente Bekenntnis zur Atomkraft, bei dem Ritchie tatsächlich schreibt: „Die öffentliche Wahrnehmung von Atommüll ist vermutlich ein größeres Problem als der Müll an sich.“ Das soll wohl Hoffnung machen. Auch die kritiklose Begeisterung für Chinas „Rekordtempo“ bei erneuerbaren Energien und E-Autos soll offenbar signalisieren, dass Klimaneutralität wirklich erreichbar ist. Ähnliches gilt für das Kleinreden der ästhetischen Dimension von Solaranlagen und Windkraftanlagen. Alles nicht so schlimm, so die Botschaft.
Ingenieure allein können das Problem nicht lösen
Das Problem dieses Buches ist nicht, dass es Hoffnung verbreiten will – sondern dass es Gefahr läuft, falsche Hoffnungen zu verbreiten. Denn wirksame Wege zur Klimaneutralität müssen nicht nur naturwissenschaftlich und technisch plausibel sein – sondern auch gesellschaftlich und ökonomisch. Sosehr man den Einfallsreichtum von Ingenieuren bewundern kann, wenn es um technische Lösungen der Klimakrise geht: Wo die Politik keine geeigneten ordnungspolitischen Entscheidungen trifft und ökonomische Akteure andere Prioritäten haben, da helfen auch die genialsten Erfindungen nichts. Und natürlich hängt schon die Wahrscheinlichkeit klimaschützender Innovationen an sich davon ab, welche politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen herrschen.
In diesem Sinne fasst Ritchie am Ende des Buches einerseits die Lage ganz richtig zusammen, übertreibt aber deutlich bei den Zukunftsaussichten. „Unsere Emissionen auf null zu bringen und gleichzeitig Milliarden von Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen, gehört zu den größten Herausforderungen der Menschheit. Wir können das schaffen, und nur wenige technische Hürden halten uns davon ab – aber einfach wird es nicht.“ Dass nur technische Hürden die Welt von klimaneutralem Wirtschaften abhalten, stimmt einfach nicht. Die Aussage, nur technische Probleme stünden der Klimaneutralität im Wege, ist bestenfalls naiv, schlimmstenfalls höchst kontraproduktiv.
In der Gesamtschau ist „Keine Ausreden mehr“ ein lesenswertes Buch für alle, die zentrale Fragen der Klimadebatte besser verstehen und die Antworten auf diese Fragen einordnen wollen. Es ist unterhaltsam geschrieben, über weite Strecken solide argumentiert und insgesamt eine hilfreiche Faktensammlung, die sich sogar als Nachschlagewerk eignet. Dass der gesamte Text durch einen fast schon naiven Technikoptimismus geprägt ist, trübt leider das Lesevergnügen. Diese Haltung versperrt Ritchie offenbar den Blick auf die politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Dimensionen der Transformation zur Klimaneutralität.
Da ist es konsequent, dass das Buch auf eine Weise endet, die in der Klima- und Nachhaltigkeitsliteratur mittlerweile wohl zum guten Ton gehört: die Versicherung, dass „wir“ es in der Hand haben, das Wissen über den Klimawandel in Maßnahmen umzusetzen. „Ob wir das tun, hängt von uns ab.“ Wenn es so einfach wäre, wäre das Menschheitsproblem des Klimawandels wohl schon längst gelöst.
Hannah Ritchie: Keine Ausreden mehr! Klare Antworten auf 50 Mythen über den Klimawandel. Piper, München 2026. 352 Seiten. 22 Euro.
