Die AfD ist mit 38,2 Prozent der Stimmen stärkste Kraft in Mecklenburg-Vorpommern. Aussicht zu regieren hat sie nicht. Gewonnen hat sie trotzdem: Beim Kampf um die Direktmandate konnte sie sich in 22 der 36 Wahlkreise durchsetzen; vor fünf Jahren errang sie nur ein Direktmandat. Im neuen Landtag erhält die AfD-Fraktion 32 Sitze – damit hat sie sich mehr als verdoppelt.
Im Wahlkampf setzte die Partei mit Leif-Erik Holm und Enrico Schult auf ein Spitzenduo, das sich nach außen gemäßigt präsentierte. Anstatt etwa „millionenfache Remigration“ zu fordern, suchten die beiden mit Freundlichkeit und Bürgernähe zu überzeugen. Doch wie in Sachsen-Anhalt haben etliche Parteimitglieder Verbindungen ins rechtsextreme Milieu.
Der „Remigrationsbeauftrage der AfD“
Da sind etwa Nikolaus Kramer und Thore Stein. Beide gehören seit vielen Jahren zu den führenden Köpfen der AfD in Mecklenburg-Vorpommern. Kramer, der sich in der Vergangenheit als „Remigrationsbeauftrager der AfD“ bezeichnet hat, gilt als Hardliner in der Fraktion. 2020 löste er im Schweriner Landtag eine heftige Debatte aus, als er in der Auseinandersetzung um den Rundfunkstaatsvertrag die Berichterstattung öffentlich-rechtlicher Sender als einseitig und verzerrend kritisierte und erklärte, Goebbels hätte es nicht besser machen können.
Das Gutachten des Verfassungsschutzes zur AfD nennt ihn als einen, der vor einem angeblichen „Bevölkerungsaustausch“ durch Migranten warnt. Letztere bezeichnete er demnach als „Messermänner“. Für Schlagzeilen sorgte er auch, weil er nach einer NDR-Recherche in einem internen Chat ein Foto der „SS-Leibstandarte Adolf Hitler“ mit dem Satz „Ein schwarzer Block ist nicht grundsätzlich scheiße“ geteilt haben soll.
Aus dem internen Machtkampf der AfD, der Anfang des Jahres um die Spitzenkandidatur entbrannte, ging er als Verlierer hervor; einen Platz auf der Landesliste bekam er auch nicht. In den Landtag zieht der Polizist trotzdem ein – über ein Direktmandat im Wahlkreis 36 (Vorpommern-Greifswald V).

Stein hingegen trat auf Platz zwei der Liste an – direkt hinter dem Landeschef Enrico Schult. Er gewann auch sein Direktmandat im Wahlkreis 31 (Ludwigslust-Parchim IV). Der Agrarwissenschaftler ist stellvertretender Landesvorsitzender.
Burschenschaften, völkische Bünde und Identitäre Bewegung
Wie Kramer ist auch er bestens vernetzt in der völkisch-rechtsextremen Szene – bis in sein privates Umfeld hinein. Sein Schwiegervater, der rechtsextreme Aktivist Gernot Mörig, erlangte 2024 als Initiator des sogenannten Geheimtreffens in Potsdam bundesweite Bekanntheit. Wie Mörig, der in den Siebzigerjahren beim Bund Heimattreuer Jugend und dann in der inzwischen verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend aktiv war, pflegt auch Stein Medienberichten zufolge Kontakte in die völkische Szene. Fotos legen nahe, dass er 2009 an einem Treffen des sogenannten Sturmvogels teilgenommen hat, einer völkisch-bündischen Jugendorganisation, die wegen ihrer rechtsextremistischen Ausrichtung und neonazistischer Tendenzen vom Verfassungsschutz beobachtet wird.
Kramer und Stein stehen für den wachsenden Einfluss der Burschenschafter in der AfD. Stein ist seit Studienzeiten in der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn aktiv, die nach Angaben des Verfassungsschutzes Verbindungen in die rechtsextreme Szene pflegt. 2011 geriet sie in die Schlagzeilen, als sie eine Art „Ariernachweis“ für die Aufnahme in Burschenschaften forderte.

Die beiden suchen immer wieder die Nähe zur Identitären Bewegung (IB), den Vordenkern des „Remigration“-Begriffs. 2022 war Stein zu Gast im Podcast des rechtsextremen Vereins „Ein Prozent“, Kramer wiederum lud den Betreiber in seinem Podcast ein. Kramer holte 2024 außerdem den ehemaligen IB-Bundesvorsitzenden Daniel Fiß als Mitarbeiter in sein Landtagsbüro – trotz eines offiziellen Unvereinbarkeitsbeschlusses seiner Partei mit der völkischen Bewegung. Fiß ist seit Jahren in der Neonaziszene in Mecklenburg-Vorpommern aktiv, war einst Mitglied der NPD-Nachwuchsorganisation Junge Nationaldemokraten und stieg später zur Führungsfigur der IB auf. Heute ist er in Mecklenburg-Vorpommerns Landesverband der in diesem Jahr gegründeten AfD-Jugendorganisation Generation Deutschland (GD) im Vorstand aktiv.
Die Junge Alternative – Sprungbrett in die AfD
Kontakte zur IB hat auch Jan-Phillip Tadsen. Er war eine Führungsfigur in der IB; als er 2017 Referent im Innenausschuss für die AfD-Fraktion wurde, sorgte das noch für Berichte, verhinderte aber seine Parteikarriere nicht: Er ist mittlerweile im Landesvorstand. Er stand auf Platz sechs der Landesliste, zieht aber über das Direktmandat im Wahlkreis 32 (Ludwigslust-Parchim V) in den Landtag ein.
In der neuen AfD-Fraktion finden sich auch mehrere Funktionäre der inzwischen aufgelösten Jungen Alternative, etwa Tommy Thormann. Er wurde im Wahlkreis 33 (Vorpommern-Rügen IV) mit 44,26 Prozent in den Landtag gewählt. Der 36 Jahre alte Lokführer und ehemalige Berufssoldat sitzt im Landesvorstand der GD. In den sozialen Medien fordert er „millionenfache Remigration“. Im Falle eines Wahlsiegs kündigte er an, Asylbewerbern „das Leben so schwer wie möglich“ machen zu wollen. Die könne man „nicht so frei herumlaufen lassen“, solange der Asylstatus nicht geklärt sei, sagte er auf einer Wahlkampfveranstaltung auf Rügen im Frühjahr. Mit Blick auf linke Gegendemonstranten drohte er, die AfD werde sie – wenn einmal in Regierungsverantwortung – „in Grund und Boden verbieten“, dann würden diese morgens um sechs Uhr von der Polizei aus dem Bett geholt.
Kandidat in Rostock: Ein verurteilter Bankräuber
Eine der wenigen Frauen, die – zumindest zwischenzeitlich – in der ersten Reihe der AfD stand, ist Petra Federau. Sie ist Gründungsmitglied des Landesverbands, ehemaliges Vorstandsmitglied. Sie zog 2021 erstmals in den Landtag ein. Bei dieser Wahl kandidierte sie im Wahlkreis 9 (Schwerin II), unterlag aber Mandy Pfeiffer von der SPD, zieht aber wohl über ihren Listenplatz ins Parlament ein.
2016 musste ihre Kandidatur noch zurückziehen, als öffentlich wurde, dass sie in der Vergangenheit Frauen für einen Escortservice angeworben haben soll. Dieser soll Prostituierte vor allem in den arabischen Raum vermittelt haben, nach Abu Dhabi und Dubai. Federau soll die Frauen bei den Reisen teilweise selbst begleitet haben.
In diesem Wahlkampf führte das kaum mehr zu Aufsehen. Dafür sorgten andere erstaunliche Personalien: In Rostock kandidierte mit Sascha Gläser ein verurteilter Bankräuber für die AfD. Er hatte 2012 in Duisburg eine Bank überfallen und war zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Als das vor wenigen Wochen bekannt wurde, versprach er, sein Mandat nicht anzunehmen. Bei der Wahl unterlag er Sandra Wandt von der SPD nun – mit immerhin 25,68 Prozent.
