„Es geht für die CDU ums Ganze“, sagt Philipp Amthor. Über die AfD dürfe man sich keine Illusionen machen. „Die stellen die Systemfrage. Wenn wir uns darauf einlassen, dann ist das existenzgefährdend“, meint einer der wenigen jungen Hoffnungsträger der CDU: „Das ist eine Zäsur.“ Seine Partei hat verstanden, was die „Zeit“-Korrespondentin Mariam Lau ausdrückt: Die AfD sei für die Union „ein Todesgegner, die meinen es ernst“.
Das hat man bei der CDU kapiert; wie der „Todesgegner“ zu stellen wäre, allerdings noch nicht. Das ist auch in der vierteiligen ZDF-Dokumentation „Inside CDU“ von Steffen Haug und Denise Jacobs unverkennbar. Die erste, aus fünf Folgen bestehende Staffel ihrer Insidertour, gedreht vor und direkt nach der Bundestagswahl, zeigte eine Partei, die an sich glaubte. Die zweite Runde hingegen ist – fast – ein Abgesang, ein schmerzensreicher Stationenweg für Leidgeprüfte mit einem möglicherweise verheerenden Ende, das abermals die Journalistin Mariam Lau in Worte fasst.
Beim Haustürwahlkampf gibt es Schimpfkanonaden
Für Andreas Renner läuft es noch gut. Er kandidiert bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg im Wahlkreis Pforzheim. Beim Haustürwahlkampf bekommt er den Unmut der Menschen zu spüren, da fällt kaum ein gutes Wort, er wird mit Beschimpfungen eingedeckt, der Konkurrent von der AfD sitzt ihm im Nacken. Am Wahlabend aber gelingt Renner bei den Erststimmen der Wahlsieg, den der Spitzenkandidat Manuel Hagel auf Landesebene nicht erringt. Auf den letzten Metern hat diesen eine MeToo-Kampagne der Grünen erwischt. Da kann er dem Wahlsieger Cem Özdemir nur noch gratulieren.
Karoline Herrmann, die bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern im Wahlkreis Ludwigslust-Parchim für die CDU kandidiert, steht indes auf verlorenem Posten. Die Stimmung im Land sei „schon sehr blau“, sagt sie. Bürger an ihrem Wahlstand variieren in Schimpfkanonaden die AfD-Erzählung, das Land sei am Ende, und Schuld habe allein die CDU. Der Spitzenkandidat Daniel Peters verteilt derweil Fischbrötchen. „Die Mitte ist das Beste“, lautet das Wahlkampfmotto. Diese Mitte verschwindet dann mit einem Stimmenergebnis von 4,9 Prozent aus dem Landtag. Die AfD gewinnt 22 von 36 Wahlkreisen.
„Die CDU wähle ich nicht mehr“
Schaut man Christopher Förster beim Straßenwahlkampf zu, denkt man: Der junge Mann, der im Berliner Wahlkreis Neukölln 4 antritt, hat keine Chance. „Die CDU wähle ich nicht mehr“, bekommt er zu hören – wegen des unsäglichen Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner, wegen Friedrich Merz, wegen all der gebrochenen Versprechen. Im Wahlkampf zu sagen, mit der Schuldenmacherei sei Schluss, und nach der Wahl das Gegenteil ins Werk zu setzen, hat zum Ergebnis, dass der CDU niemand mehr glaube, sagt Förster. Dass er am Ende seinen Wahlkreis knapp gewinnen wird, hält man beim Anschauen von „Inside CDU“ nicht für möglich. Doch es gelingt ihm.
Die drei – und noch ein paar andere – stehen für den Teil des parteipolitischen Geschäfts, den Friedrich Merz während seiner Politik-Abwesenheit offenbar vergessen hat. Sie putzen Türklinken, laufen jedem einzelnen Bürger hinterher, lassen sich beschimpfen und bekommen den Unmut über „die da oben“ ins Gesicht geschleudert. An den AfD-Wahlständen herrscht derweil beste Brüllstimmung, wenn Kandidaten versprechen, Menschen abzuschieben, „bis die Startbahnen glühen“. „Deutschland zuerst“ – das kommt an.

Siegen und diese AfD besiegen kann die CDU allerdings auch. Das beweist sie bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz, bei der man das nicht unbedingt erwartet hat. Zum Vorteil gereicht dem Spitzenkandidaten Gordon Schnieder hier, dass er aus der Opposition kommt und eben nicht die Prügel für all das kassiert, was im Bundesland angeblich schlecht läuft. Zugleich kanzelt er mit dem bodenständigen Mitte-Pathos, das man bei vielen anderen schmerzlich vermisst, die Zerstörungsredner der AfD ab: „Die machen dieses Land kaputt.“ Und siehe da: Er hat Erfolg.
Bei der Union im Bund und in der Koalition funktioniert indes wenig. Philipp Amthor, der zu Beginn des Drehs noch nicht Staatsminister im Kanzleramt ist, und Carsten Linnemann, der während der Dreharbeiten vom CDU-Generalsekretär zum Gesundheitsminister umsatteln muss, sind die beiden Bundesprotagonisten, denen „CDU Inside“ folgt. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund. Man könne nicht immer nur reden, man müsse „ins Machen kommen“, hören wir, um dann zu sehen, wie das Chaos wächst und es immer mehr ans Eingemachte geht.

Amthor und Linnemann sind Antreiber und werden zu Getriebenen. Der Kanzler habe ihm keine Wahl gelassen, sagt Linnemann, als er mit den ZDF-Journalisten über seinen Wechsel ins Gesundheitsministerium spricht. Christiane Schenderlein, die statt Staatsministerin im Kanzleramt nun Staatssekretärin bei Linnemann ist, ließ der Kanzler auch keine Wahl.
Ein solcher Umgang kommt bei den eigenen Leuten nicht gut an, und da haben wir über die Auswirkungen der Wahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, die am Ende von „Inside CDU“ aufscheinen, noch gar nicht gesprochen. Die AfD macht es sich hinter der „Brandmauer“ in ihrer Opferrolle bequem, füttert in ihrem inzwischen fest etablierten eigenen Alternativmediensystem ihre Klientel mit Horrornachrichten und Injurien über die „Altparteien“ und glaubt, die Union schon erledigt zu haben. Die wiederum ist mit der SPD an einen Koalitionspartner gekettet, der den Abstieg schon hinter sich hat und verhindert, dass die Union auch nur eines ihrer Wahlversprechen in die Tat umsetzt.
Die Union hat eine „Brandmauer“ nach links und rechts und wenig Optionen. SPD und Grüne hingegen scheuen in Berlin nicht vor einer Koalition mit der Linkspartei zurück, auch wenn diese enge Verbindungen zur organisierten Kriminalität (der Remmo-Clan lässt grüßen) und zu Islamisten unterhält und vor Judenfeindlichkeit nur so strotzt.
Da gerät die viel beschworene politische Mitte ebenso ins Rutschen, wie sie dies täte, wenn die Union gemeinsame Sache mit dem „Todesgegner“ AfD machte. Am Ende – zumindest der Arbeitsfassung der Doku, die wir gesehen haben – sehen wir den zerstört wirkenden Friedrich Merz von der Bühne gehen und hören Mariam Lau sagen, dass er nicht verstanden habe, wie eine Partei funktioniere, die Politik gestalten will. Das könne ihn den Kopf kosten.
Die Doku Inside CDU läuft in der ZDF-Mediathek: Um 20.15 Uhr zeigt das ZDF ergänzend den Film Machtbeben: CDU im Abstiegskampf.
