
Am 18. Mai 1966 mussten der Kapitän und ein Besatzungsmitglied des Tankschiffes „Melani“ in Duisburg zum Alkoholtest antreten. Gegen 9.30 Uhr hatten sie der Wasserschutzpolizei gemeldet, bei Rheinkilometer 778,5 einen weißen Wal gesichtet zu haben. Die Ordnungshüter hielten das zunächst für Seemannsgarn. Aber der Alkoholtest fiel negativ aus, und die Polizisten konnten sich davon überzeugen, dass das Säugetier im Rhein kein Hirngespinst war.
Damit begann vor sechzig Jahren die Geschichte vom weißen Wal „Moby Dick“, der die Bundesrepublik fünf Wochen lang in Atem hielt. Wer den Beluga auf den Namen seines berühmten Artgenossen in Herman Melvilles Roman taufte, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Schon bald betrat in Gestalt des Duisburger Zoodirektors Wolfgang Gewalt jedenfalls auch ein Captain Ahab die Bühne. Die ratlose Wasserschutzpolizei hatte den ehrgeizigen 38 Jahre alten Zoologen um Hilfe gebeten. Gewalt versuchte, den vier Meter langen Wal für das Delfinarium seines Zoos zu fangen. Es war ein Jahr zuvor eröffnet worden und das erste seiner Art in Deutschland.
Tierschützer bewerfen Waljäger mit Orangenschalen
Dafür knotete Gewalt Tennisnetze zusammen, die er sich in einem Tennisklub besorgt hatte. Als ihm der Wal nicht ins Netz ging, bewaffnete sich der Zoodirektor mit einer Betäubungspistole. Polizei und Feuerwehr stellten ihm Boote zur Verfügung. „Moby Dick“ wurde unterdessen zur Attraktion. Am Rheinufer versammelten sich Tausende Schaulustige, um das Auf- und Abtauchen des weißen Wals mit den großen brauen Flecken zu beobachten.
Am 10. Juni stellte der Zoodirektor seine Jagd erfolglos ein. Der Druck der Öffentlichkeit war mittlerweile zu groß geworden. „Stoppt Dr. Gewalt“ titelte die „Bild“-Zeitung. Tierschützer charterten nach unterschiedlichen Angaben entweder einen Hubschrauber oder einen Zeppelin und bewarfen den Zoodirektor mit Orangenschalen. Duisburger boykottierten den Zoo aus Protest gegen den Waljäger. Das Argument des Zoodirektors, eine Gefangennahme diene nur dem Wohl des Wales, dessen Gesundheit durch das damals noch stark verschmutzte Rheinwasser gefährdet sei, vermochte seine Kritiker nicht zu beschwichtigen.
Auch die Politik schaltete sich ein. Im Juli stand in Nordrhein-Westfalen eine Landtagswahl an. Ministerpräsident Franz Meyers (CDU) sprach sich dafür aus, den Wal in Ruhe zu lassen. Sein Gegenkandidat Heinz Kühn von der SPD war dafür, den Wal zu fangen, um ihn dann in Sicherheit zu bringen. Meyers verlor die Wahl, mit „Moby Dick“ hatte dies allerdings nichts zu tun. Selbst die Bundespolitik mischte der Wal auf: Am 13. Juni tauchte er in der Höhe von Bonn im Rhein auf und „sprengte“ damit eine Bundespressekonferenz mit Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel (CDU) zur Lage der NATO nach dem französischen Rückzug aus der militärischen Organisation der Allianz.
Pausenbutterbrote für „Moby Dick“
Regierungssprecher Karl-Günther von Hase unterbrach den Verteidigungsminister mit der Nachricht: „Eben habe ich von einem Sonderkurier die Nachricht erhalten, dass Moby Dick vor dem Bundeshaus ist.“ Daraufhin stürmten die Journalisten aus der Bundespressekonferenz an den Rhein. Im Bonner „General Anzeiger“ war zu lesen, Sekretärinnen hätten dem Wal ihre Pausenbutterbrote in den Rhein geworfen. Zwei Tage später beschäftigte „Moby Dick“ auch den Bundestag: In einer Debatte über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) machte sich der SPD-Abgeordnete Daniel Schmidt-Gellersen über den FDP-Abgeordneten Josef Ertl lustig. Dieser habe sehr weit ausgeholt und „so kräftig geblasen wie der — wie heißt der Kerl da draußen? — Moby Dick“.
Wie im Fall des Buckelwals Timmy gab es auch damals schon Kritik am Rummel um einen verirrten Wal. Bernhard Grzimek, Direktor des Frankfurter Zoos und bekanntester Tierfilmer des Landes, schrieb in einem Gastbeitrag für den „Spiegel“, um diesen einen Beluga sorgten sich Hunderttausende. Dass die Norweger dieselben Weißwale vor Spitzbergen so gut wie ausgerottet haben, „und zwar in recht blutiger, grausamer Weise, kümmert niemanden, denn Spitzbergen ist ja weit weg“.
Näher ging den Deutschen damals schon der Zustand ihrer Flüsse. „Moby Dick“ führte vor Augen, wie verschmutzt der Rhein war. Sein Auftauchen sei daher ein „wichtiges Ereignis in der deutschen Umweltgeschichte“ gewesen, heißt es auf der Internetseite des Deutschen Historischen Museums.
Wie der Beluga, der an den Küsten Alaskas, Kanadas und Russlands beheimatet ist, in den Rhein gekommen war, blieb ungeklärt. Eine gängige These war, dass Moby Dick im Sommer 1965 Schiffbruch erlitten habe. Er sollte demnach zusammen mit drei weiteren Walen auf einem Schiff nach Großbritannien gebracht werden, wo er für ein Ozeanarium bestimmt gewesen sei. Drei Wale entkamen dabei. Einer davon soll „Moby Dick“ gewesen sein.
In den Rhein hatte sich jedenfalls seit Jahrhunderten kein Wal mehr verirrt. Zuletzt vermeldeten die Chroniken für 1689, dass ein „wunderliches Wasser-Thier“ aufgetaucht und mit „grossem Gebrüll und Brautzen“ bis Basel geschwommen sei. So weit kam „Moby Dick“ nicht. Nach seinem Ausflug nach Bonn schwamm er noch ein paar Flusskilometer weiter bis nach Rolandseck, dann endete seine Reise in den Süden und er kehrte um in Richtung Rheinmündung.
Am 16. Juni teilte die niederländische Wasserschutzpolizei mit, der Wal habe um 18.42 Uhr bei Rotterdam das offene Meer erreicht. Das letzte Geleit gaben ihm am Ufer zwei niederländische Polizeiautos. Danach verschwand „Moby Dick“ für immer.
