
Keir Starmer ist ein Premierminister auf Abruf. Zwar fehlte seinem früheren Gesundheitsminister Wes Streeting zunächst die nötige Unterstützung in der Labour-Fraktion, um den Parteiführer im Schnellverfahren zu stürzen und damit auch aus der Downing Street zu vertreiben. Der womöglich gefährlichere Konkurrent, Manchesters populärer Bürgermeister Andy Burnham, muss sich erst einmal ins Unterhaus wählen lassen. Mindestens bis Ende Juni dürfte der Regierungschef also nicht aus dem Amt gejagt werden können. Ein Gejagter ist er dennoch.
Und seine Jäger sind selbst Getriebene. Der schier unaufhaltsame Siegeszug des Rechtspopulismus in Gestalt von Nigel Farage und dessen Reform-Partei versetzt ganz Labour ebenso in Angst und Schrecken wie deren einstige Hauptkonkurrenz, die Konservativen. Und damit sitzt der britische Regierungschef letztlich in einem Boot mit den Anführern der anderen großen Staaten Europas.
Von Macron bis Merz: Alle spüren den heißen Atem im Nacken
In Frankreich muss Emmanuel Macron mit einem Nachfolger aus dem RN rechnen, der sein Erbe entkernen möchte. In Polen tut sich Donald Tusks Regierung schwer, die versprochene Politikwende gegen einen Präsidenten aus dem PiS-Lager durchzusetzen. In Spanien spült der forsche Sozialist Pedro Sánchez viel Wasser auf die Mühlen von Vox. Sogar Italiens rechtskonservative Ministerpräsidentin Giorgia Meloni steht spätestens seit der gescheiterten Justizreform unter großem Druck ihres Koalitionspartners Lega, einen viel härteren Kurs gegen Europa und gegen Migranten einzuschlagen. Und in Deutschland schafft es Kanzler Friedrich Merz nicht, eine Koalition auf Kurs zu bringen, deren Parteien den heißen Atem der AfD im Nacken spüren.
Vielen Deutschen erscheint der fortgesetzte Aufstieg der AfD auch als Reaktion auf fehlende Führung im Kanzleramt. In Großbritannien umwirbt Streeting dagegen die Labour-Basis mit der Analyse, Starmer habe zu wenig Debatte zugelassen und sei zu autoritär. Sein Mitbewerber Burnham will Farage mit einer linkeren Agenda in die Schranken weisen. Der aber kann sich erst mal über die an Panik grenzende Unruhe freuen, die er stiftet.
Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum sieht Starmer eine Antwort in Europa. Doch auch dort findet er keine klare Antwort auf die Frage: Welcher Weg hilft gegen die populistische Revolte?
