Sechs von zehn Deutschen spielen Videospiele, das ist mehr als der globale Durchschnitt. Die erfolgreichsten Spiele und größten Entwicklerstudios kommen aber aus Asien und den Vereinigten Staaten. Dabei würden Deutschland und Europa als Standorte viel Potential haben, sagt Felix Falk. Er ist Geschäftsführer des Branchenverbandes Game und Ausrichter der weltgrößten Messe für Computerspiele, der Gamescom in Köln.
Die Games-Branche wächst rund um die Welt. Dem Marktforschungsunternehmen Newzoo zufolge setzt sie rund 200 Milliarden US-Dollar im Jahr um. Deutschland trägt laut Game-Verband gerade einmal 9,4 Milliarden Dollar dazu bei. „Deutschland und Europa sind als Produktionsstandort im internationalen Vergleich allerdings noch viel zu schwach“, schreibt der Verband in einem Positionspapier, das der F.A.Z. vorab vorliegt. Verbandschef Falk fordert darin mehr Anreize, damit sich große Studios, also Entwickler und Publisher von Spielen, in Europa ansiedeln. Denn im Moment profitiere man nicht von der Wachstumsdynamik.
Game-Verband fordert doppelte Förderung
Falks Zustandsbeschreibung fällt deutlich aus: Lediglich ein börsennotiertes Unternehmen aus der Spielebranche sitzt in Deutschland, es seien weniger Mitarbeiter als anderswo beschäftigt, und große Studios eröffneten kaum Ableger hierzulande. Grund sei die derzeitige Form der Förderung. Die Bundesregierung subventioniert Projekte von Entwicklern seit dem Jahre 2020 durch einen Fonds.

Falk fordert mehr und schlägt der Bundesregierung nun ein doppeltes Modell vor: Für kleine Entwickler sei die bisherige Förderung ein guter Startschuss. Große Studios allerdings würden sich eher ansiedeln, wenn sie mit Steueranreizen über Jahre planen könnten. Mit einer Steuerförderung müsste ein Unternehmen nicht mehr vorab einen Antrag stellen und auf Bewilligung warten, sondern macht die Förderung stattdessen in der Steuererklärung geltend. Das Fördersystem zu stärken, dieses Ziel hat sich die Bundesregierung in ihren Koalitionsvertrag geschrieben. Nun geht es um die Ausgestaltung. Die Branche fordert eine steuerliche Unterstützung nach internationalem Standard.
Steuerförderungen für die Spielebranche gibt es beispielsweise in Kanada und Frankreich. Mit bis zu 80 Prozent machen Gehälter den größten Kostenanteil von Entwicklern aus. Frankreich und Kanada fördern daher über eine Steuergutschrift gezielt Personalkosten. „Weil in Deutschland keine Förderung existierte, die es anderswo gab, hatten wir über Jahre einen Wettbewerbsnachteil. Ein Spiel in Deutschland zu entwickeln, kostete ohne vergleichbare Förderung rund 30 Prozent mehr als an den anderen Standorten“, sagt Falk der F.A.Z. Das habe das Unternehmenswachstum gebremst.
KI wird mit Spielen trainiert
Falk geht es dabei keineswegs bloß darum, Gaming zu fördern – er betont die Innovationskraft, die Spielen entspringt. Künstliche Intelligenz (KI) wird mit Spielen trainiert. KI generiert beispielsweise Welten, in denen sich die Gamer bewegen, oder steuert nicht spielbare Charaktere (NPCs). Ebenso lenkt KI in Spielen Autos und sammelt dabei Erfahrungen, die später auch für das autonome Fahren verwendet werden können. Gamer unterstützen gar bei einer Mission von ESA und NASA. Die Raumfahrtorganisationen planen vom Jahr 2031 an mehrere Missionen mit dem Ziel, auf dem Erdtrabanten eine Forschungsbasis zu errichten. Über ein an der Hochschule Darmstadt entwickeltes Spiel vermessen Spieler anhand echter Bilder den Mond. Auch in dem Spiel ist es Ziel, eine Mondbasis zu bauen, dazu markieren die Spieler echte Krater.
Auch wegen dieser gesellschaftlichen Implikationen richtet sich Falk vor der Gamescom an die Politik. Die Messe wird erstmals von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besucht. Ebenso werden Henna Virkkunen, die stellvertretende Präsidentin der EU-Kommission und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) erwartet. Stammgäste sind Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU). Die Forderungen der Branche richten sich insbesondere an die Häuser von Bär und Klingbeil. Auf drei Entscheidungen der Bundesregierung blickt Falk mit Hoffnung: Im Forschungsministerium ist das vom früheren Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) kassierte Games-Referat wieder eingeführt worden; seit diesem Jahr fallen E-Sport-Vereine unter die Gemeinnützigkeit; und das Förderbudget wurde erhöht. Verbandsgeschäftsführer Falk betont: „Der größte Schritt ist allerdings die steuerliche Förderung, die muss jetzt kommen.“

Asien und die USA dominieren den Spielemarkt
Seit dem Jahr 2023 sind knapp 1000 Unternehmen aus der Videospielbranche in Deutschland tätig. Seit der Förderung durch den Fonds sind zwar gut 300 Unternehmen hinzugekommen, seit vier Jahren stagniert die Unternehmensanzahl allerdings. Ein Blick auf die Herkunftsländer der großen Player der Branche offenbart, wie abgehängt Deutschland ist. Eine Ausnahme bildet der Düsseldorfer Computerspieleentwickler Blue Byte, der seit 25 Jahren zum französischen Ubisoft gehört. Das deutsche Unternehmen ist bekannt für die Anno-Reihe, die sich millionenfach verkauft hat. Die französische Muttergesellschaft besitzt Spielemarken wie Assassin’s Creed, Far Cry, Just Dance und Watch Dogs. Danach geht der Blick in das Ausland. An die Verkaufszahlen des japanischen Entwicklers Nintendo reicht Blue Byte kaum heran. Dieser zählt Titel wie Pokémon, The Legend of Zelda, Mario Kart und Wii Sports in sein Portfolio. Das schwedische Erfolgsspiel Minecraft gehört inzwischen zu Microsoft. Ebenfalls aus den USA stammt EA Sports FC, das frühere Fifa, welches von Electronic Arts produziert wird. Und natürlich kommt die Erfolgsreihe GTA des Publishers Rockstar Games aus Amerika.
Obwohl Asien und Nordamerika Deutschland und Europa den Rang ablaufen, blicken Spieler und die Branche auf der Gamescom ganz besonders auf ein Spiel aus Europa: Metro 2039, das im nächsten Jahr erscheinen soll und auf der Messe anspielbar sein wird. Ein Großteil des Entwicklerteams sitzt in der Ukraine, und in dem Spiel wird Kritik an dem russischen Angriffskrieg geübt. Es spielt nach einem Atomkrieg in der Moskauer U-Bahn, wo der Rest der Menschheit lebt. Das Game stammt von der österreichisch-deutschen Marke Deep Silver. Damit stellt das Spiel eher eine Ausnahme dar. „Die ganz großen Blockbuster-Produktionen gibt es bisher nicht in Deutschland“, sagt Falk. Das dürfte auch noch eine Zeit lang so bleiben angesichts der Dauer, die Steuergesetze im Regelfall mit sich bringen.
