In der Stadt Svilengrad im östlichen Bulgarien verlaufen zwei Straßen parallel. Die eine ist die alte, beinahe noch dörflich geprägte, an der Leute vor kleinen Läden sitzen und das Leben einen gemächlichen Rhythmus hat. Die andere, etwas weiter im Norden, ist eine internationale Autobahn, an der nicht nur die riesigen Parkplätze auffallen, sondern auch jene Bereiche, in denen Lkws, die aus der Türkei kommen, desinfiziert werden.Von Svilengrad sind es nur noch 300 Kilometer nach Istanbul und für die Fernfahrer bloß ein paar Minuten bis zur Außengrenze der EU.
In dieser Welt, in der eine lokale Kultur auf die Geopolitik trifft und in der Schmuggel und zwielichtige Geschäfte lange Tradition haben, hat Valeska Grisebach ihren Film „Das geträumte Abenteuer“ gedreht. Im Mai dieses Jahres war die Berliner Regisseurin damit bei den Filmfestspielen in Cannes eingeladen und wurde dort mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. Es folgten zahlreiche weitere Festivals, in Frankreich gab es bereits einen Kinostart, nun kommt „Das geträumte Abenteuer“ auch in Deutschland heraus. Grisebach hat beinahe zehn Jahre an dem Film gearbeitet. Nach „Western“ (2017) konnte sie sich damit als wichtige Stimme des deutschen Autorinnenkinos behaupten, zu dem in der internationalen Rezeption auch Angela Schanelec oder Maren Ade gezählt werden.
Das Sehnsuchtsmotiv vom Herzklopfen
Bei einer Begegnung in Berlin erzählt Valeska Grisebach, wie sie sich bei ihren Recherchen von einer kindlichen Vorstellung von Abenteuern leiten ließ, in die sie dann ihre Überlegungen über Logiken des Erzählens von Geschichten einarbeitete. Der eine Aspekt ist unmittelbare Identifikation: „Also Filme zu gucken mit Herzklopfen, auch ganz ungebrochen Teil von Geschichten sein zu wollen.“ Im Lauf einer Bildungsgeschichte verliert sich diese kindliche Naivität, manchmal bleibt sie als Sehnsuchtsmotiv zurück. Auch davon erzählt „Das geträumte Abenteuer“.
Der Film beginnt mit einem Mann, der nach Svilengrad kommt. Er wird sofort wiedererkannt, obwohl er lange nicht mehr da war, seit den Neunzigerjahren. Für Kenner von Valeska Grisebach ist er eine vertraute Erscheinung, denn Syuleyman Alilov Letifov, der den Said spielt, war eine der großen Entdeckungen ihres Films „Western“. Schon der spielte in Bulgarien, es ging um eine Gruppe deutscher Bauarbeiter, die in einer entlegenen Gegend auf eine lokale Bevölkerung treffen. Letifov, für den das die erste Kinorolle war, war sofort als potentieller Star zu erkennen – ein drahtiger Mann mit verkniffenem Gesicht, in dem man Witz, aber auch Gefahr sehen konnte.

„Es war immer klar, dass da ein Mann unterwegs ist, dass wir denken könnten, wir gehen jetzt mit ihm in ein Abenteuer, in seine Erzählung“, schildert Valeska Grisebach einen Kern, auf dem das Drehbuch zu „Das geträumte Abenteuer“ beruht. Im Western-Genre ist das eine geläufige Konstellation: Ein Mann, ein Fremder ohne Namen, kommt in eine Stadt und setzt etwas in Gang. Tatsächlich war diese konzeptuelle Ironie für ihren vorhergehenden Film „Western“ entscheidend.
Grisebach ging mit alten Mustern des Kinos in eine unbekannte Gegend, weit nach Osten aus der Sicht einer Mitteleuropäerin. Auch in „Das geträumte Abenteuer“ stehen Überlegungen über Konventionen des Erzählens am Anfang, die dann reflektiert werden: „Der nächste Schritt war, zu sehen, wie ist es, wenn eine Frau von außen auf ein Genre sieht und dann hineintritt.“
Diese Frauenfigur heißt Veska, eine Archäologin, die in der Gegend Ausgrabungen an einem alten Festungsturm macht. Weil die Region an der Grenze schon in der kommunistischen Ära stark kontrolliert war, wurden die alten Stätten nicht so stark geplündert wie anderswo, erwähnt Veska. Zugleich wird aus ihren Worten deutlich, dass sich die Vorzeichen geändert haben. Vor 1989 ging es darum, dass niemand über die Grenze das Land verlässt. Nun soll niemand nach Bulgarien kommen, jedenfalls nicht heimlich.
„Wem gehört welche Erzählung?“
Die Epochenschwelle des Falls des Eisernen Vorhangs ist in „Das geträumte Abenteuer“ im Hintergrund jederzeit noch präsent. Die historische Linie verbindet sich für Valeska Grisebach mit ihrem Interesse an der Konstruktion von Geschichten: „Die Grundsatzfrage ist dann: Wem gehört welche Erzählung? Bis heute haben wir es mit dieser Wende von 1989/90 zu tun. Wir müssen verstehen, was damals in Europa passiert ist. Welche Rollen wurden wem zugewiesen? West- und Osteuropa. Geschlechterbilder.“
Veska ist eine Frau aus Sofia, von der es im Film einmal heißt: „Sie ist Europäerin geworden.“ Auch sie kennt Said von früher, das Wiedererkennen ist sofort mit Möglichkeiten aufgeladen, man spürt, dass zwischen den beiden eine besondere Beziehung vorhanden ist. Doch dann drängen sich die Realitäten von Svilengrad dazwischen. Said ist jedenfalls nicht in offiziellen Geschäften unterwegs. Bald ist auch klar, dass der lokale Pate, ein Mann namens Iliya, mit ihm eine Geschichte hat. Und Veska, die aus der Gegend stammt, hat sich wohl früher einmal dem Zugriff dieses Profiteurs entzogen, der es gewohnt ist, alles zu bekommen, was er sich in den Kopf setzt.
2014 hat Angela Schanelec einen ihrer besten Filme in das Zeichen des unbewussten Denkens im Schlaf gestellt: „Der traumhafte Weg“ begann damals in Griechenland und führte zurück nach Deutschland. Es wirkt ein wenig wie ein freundschaftliches, vielleicht auch frauensolidarisches Echo, wenn Valeska Grisebach ihren Film nun „Das geträumte Abenteuer“ nennt. Der Traum ist mit dem Kino immer schon eng verschwistert, aber es kommt eben auch im Traum sehr darauf an, wer die Bedingungen setzt. Die Gesetze des Tags gelten im Traum weiterhin, wenngleich in der Entstellung einer scheinbar grenzenlosen Freizügigkeit der Phantasie.
Im Fall von Said und Veska beginnt das Abenteuer, von dem übrigens gar nicht so klar ist, wer es träumt, in dem Moment, in dem die Archäologin in die Welt der Männergeschäfte hineingezogen wird. Said verschwindet für längere Zeit, Veska ist nun auf sich selbst gestellt, und mit einer schlafwandlerischen Sicherheit, die keinen Fehltritt zu kennen scheint, bewegt sie sich nun durch ein nächtliches Svilengrad, hört Geschichten, greift an manchen Stellen diskret ein, begreift die Konturen eines Gangsterkriegs, in den Iliya mit einem Konkurrenten, der allgemein nur „der Rabe“ genannt wird, verstrickt ist. Für Veska geht es letztlich auch darum, ob Said an diese Welt verloren gehen könnte – sie wird zu einer umgekehrten Orpheus-Figur.
Bulgarien hat sie genauestens kennengelernt
In dieses Svilengrad der kleinen Leute, der informellen Geschäfte, der brutal erworbenen Reichtümer, der sexuellen Räuberei hat Valeska Grisebach sich geduldig vorgearbeitet durch eine jahrelange Präsenz vor Ort. Mit zwei Kolleginnen hat sie Bulgarien genauestens kennengelernt. „Das waren schon sehr intensive und lehrreiche Reisen in der Spannweite: Man plant etwas und sucht etwas, und gleichzeitig lässt man sich total treiben. Unsere Interessen waren immer präsent, deswegen haben wir danach gesucht, mit Leuten zu sprechen, die Gewalt erlebt oder auch ausgeübt haben. Wenn man so ein Gespräch einmal begonnen hat, dann kann man auch nicht sagen: Nein, das will ich jetzt lieber nicht so genau wissen.“
Diesen langen Vorarbeiten vor allem ist es geschuldet, dass fast zehn Jahre zwischen ihren beiden großen Filmen liegen. Schon für „Western“ ließ Grisebach sich sehr viel Zeit, davor hatte sie mit „Sehnsucht“ (2006), einem Liebesdrama aus der brandenburgischen Provinz, eine Grundlage für ihre Position im deutschen Kino gelegt.
Einfach ist es trotzdem nie, ihre Filme zu finanzieren. Das hat auch damit zu tun, dass sie keine konventionellen Drehbücher mit Dialogen und Beschreibung von Szenenauflösungen schreibt, wie es bei den Förderern erwartet wird. Aber wie könnte man auch die zahlreichen atmosphärisch dichten, kollektiven Gespräche vorher aufschreiben, zu denen Veska auf ihren Wegen stößt und in denen Grisebach ihren Anfängen im Dokumentarfilm immer wieder sehr nahe kommt? „Das geträumte Abenteuer“ erhält in diesen Szenen den Charakter einer Feldforschung. Menschen bekommen eine Stimme, für die herkömmliche Spielfilme keine Sekunde Zeit hätten.
Furchtlose Beziehung mit der Kamera
Auch die Schauspielerin der Veska ist neu in diesem Metier. Sie ist, wie Syuleyman Letifov, eine Entdeckung von Valeska Grisebach: „Yana Radewa hat einem Freund bei einem Weihnachtsmarkt geholfen. Da haben wir sie gesehen. Sie hat einmal Geologie studiert und war dann lange Managerin von großen Casinos. Yana hat vieles gemacht, wie so viele Frauen dieser Generation. Das erste Mal vor der Kamera war, als hätte sie es immer schon gemacht. Sie wusste immer, wo die Kamera ist, und ist furchtlos mit ihr in Beziehung getreten.“
Diese Furchtlosigkeit ist auch ein Aspekt der feministischen Überarbeitung klassischer Heldengeschichten. Dramaturgisch sieht Grisebach sich dabei in der Tradition eines französischen Vorbilds. Sie schwärmt von den Filmen von Maurice Pialat, die sie in einer besonderen Hinsicht als befreiend erlebte: „Ich hatte bei Pialat immer das Gefühl, das Prinzip Neunzigminutenfilm wird durcheinandergebracht. Das sind Filme, die ich vom Zeitgefühl nicht so greifen kann. Das hat mich sehr beeindruckt, weil es viel mit einem Im-Moment-Sein zu tun hat. Wie eine Verbindung in die Unordnung des Lebens.“
Für diese Verbindung nimmt sich „Das geträumte Abenteuer“ fast drei Stunden Zeit, die aber nicht lang wirken – wie es eben in Träumen ist, in denen Zeit nie so richtig zu greifen ist. Valeska Grisebach hat nun zwei große deutsche Filme über Bulgarien gemacht und damit über das neue Europa, das aus dem Fall der kommunistischen Regimes heraus entstanden ist. Gelegentlich wird sie dafür kritisiert, aus dem Zentrum heraus, aus dem reichen Deutschland, eine Peripherie zu konstruieren.
Aber das ist ein schematischer Vorwurf, den „Das geträumte Abenteuer“ jederzeit konkret entkräftet. Und die Regisseurin glaubt ganz fest daran, dass man sich mit dem Kino an einen anderen Ort begeben kann: „Filmemachen hat viel mit Nichtwissen zu tun, mit Kontrollverlust und natürlich auch mit einer gewissen Augenhöhe. Durch den Film sind Beziehungen entstanden, die darüber hinausgehen. Mir hat geholfen, mich als Teil dieser Erzählung zu sehen – dass ich da reingehöre.“
