Als der Papst in seinem Papamobil in das Stade de France einfährt, werden die „Leo, Leo“-Rufe ohrenbetäubend. 80.000 junge Franzosen feiern den Heiligen Vater wie einen Superstar. Sie sind aus allen Regionen des Landes gekommen. 1500 Plätze hat der Bischof von Saint-Denis, Étienne Guillet, für die jungen Leute aus seiner Diözese reserviert. Die Jugendandacht findet in Frankreichs größtem Stadion statt, das in einer sozialen Brennpunktregion liegt.
Seine-Saint-Denis sei „das jüngste und kosmopolitischste Département Frankreichs“, sagt der Bischof. „Wir haben hier natürlich unsere Schwächen, aber als Bischof möchte ich von der Dynamik der christlichen Gemeinschaft zeugen, in der die Getauften zwar in der Minderheit, aber von dem großen Wunsch beseelt sind, ihren Glauben zu leben und Brücken zu schlagen.“ Die Menge jubelt. Der Bischof fügt hinzu: „Heute Abend haben viele ihre jüdischen, muslimischen, hinduistischen Freunde eingeladen, mit denen sie tagtäglich zusammenleben.“

Adam zählt zu ihnen, er ist schon seit 18 Uhr im Stadion und tanzt mit seinen Freunden zu Gospels, christlichen Rockbands und der Musik von Monroe, die Frankreich dieses Jahr im Eurovision-Songcontest vertrat. Jetzt wird die Sängerin von den jungen Katholiken bejubelt, nach ihrem Hit „Regarde“ singt sie das „Ave Maria“ von Giulio Caccini. Adam, 21 Jahre alt, kommt aus Drancy, einer Gemeinde in der Nähe. Religion spielte zu Hause keine Rolle, wie er erzählt. Seine alleinerziehende Mutter ist in Frankreich geboren, die Familie aus Algerien. Adam hat über einen Freund zur Kirche gefunden. Er sei ein „glücklicher Neophyt“, sagt er stolz, ein frisch Getaufter. Einer von 21.386, die 2026 in Frankreich im Erwachsenenalter getauft wurden. Die Zahl der Erwachsenentaufen hat sich seit 2021 vervierfacht. In Deutschland zählte man zum Vergleich im vergangenen Jahr 2650 solcher Taufen.
Das Phänomen hat selbst die französische Kirche überrascht. Laura, die eine Jugendgruppe aus Chartres in das Stade de France begleitet, glaubt die Gründe zu kennen. „Die Pandemie hat gezeigt, wie fragil unser Leben ist, wie schnell es aus dem Ruder geraten kann“, sagt die Gemeindehelferin. Aber auch die Angst vor dem Klimawandel und vor Krieg lasse bei den Jüngeren die Sinnfrage in den Vordergrund rücken. „Wir haben auch viele Jugendliche, die als Kleinkinder getauft wurden, aber dann den Kontakt zur Kirche verloren. Sie kehren zurück und wollen die verpassten Etappen nachholen“, sagt sie.

Im Sportstadion zieht unter lautem Applaus eine Delegation von Spitzensportlern ein. Der MMA-Kämpfer Benoît Saint Denis schildert eindrücklich, warum ihm der Glaube Kraft gibt. Mixed Martial Arts (MMA) ist eine gerade unter jungen Leuten beliebte Kampfsportart. Im Stade de France nähert sich die Kirche den Lebenswelten der Jüngeren an, um sie zugleich für die große christliche Vergangenheit des Landes zu interessieren.
In einer spektakulären Inszenierung werden 15 Jahrhunderte christlicher Geschichte erzählt: In raschem Ablauf, mit aufwendigen Kostümen, Reitern und Lichteffekten geht es über die Heilige Johanna von Orléans bis zum „Apostel der Eucharistie“, Pierre-Julien Eymard, der fahrradfahrend Rosenblätter in die Menge wirft. Ein Feuerwerk beendet die „Heiligenshow“. Der Papst wirkt begeistert und ruft den jungen Menschen zu: „Ihr seid die Heiligen Frankreichs!“ Es sind Heilige, die ständig Selfies machen und denen es sichtlich schwerfällt, zur Andacht Stille zu wahren. „Damit die Welt das Leben habe“, lautet die Devise des Papstbesuches, und diese „Generation Leo“ ist lebendig und ohne Scheu.
Ein junger Mann vertraut dem Papst auf der Bühne seine Zweifel an angesichts der schwindelerregenden Herausforderungen, von Künstlicher Intelligenz bis zur Klimakrise. Leo pflichtet ihm bei, es sei heute wichtiger denn je, „mit Verstand auf die technologischen und digitalen Umbrüche zu reagieren und unsere Menschlichkeit zu bewahren“. Es sind Botschaften wie diese, die das große öffentliche Interesse erklären.
Leo XIV. hat verstanden, wie wichtig die Kathedrale Notre-Dame für die Franzosen bleibt. Als er am Freitag nach einer Vesper in der restaurierten Kathedrale mit Kirchenleuten vor der silbernen Madonna mit der Boucheron-Krone steht, kommen ihm Tränen der Rührung. Die kostbare Krone wurde wie durch ein Wunder vor den Flammen gerettet. Am Samstag ist die silberne Marienstatue seitlich des Altars auf dem Concorde-Platz aufgestellt und auf allen Großbildschirmen entlang der Champs-Élysées zu sehen.
Seit den Morgenstunden haben sich Menschen entlang der Prachtavenue und auf dem Platz eingefunden, auf dem einst König Ludwig XVI. enthauptet wurde. Viele Familien mit Kindern sind darunter. 14.000 freiwillige Helfer in gelben Leo-T-Shirts sorgen dafür, dass alles geordnet abläuft. Ihnen werden teils schreiende Babys durch die Reihen gereicht, dass der Papst sie segnen möge. Einige Helfer schaffen es sogar, in einer Hand das Kleinkind zum Papamobil zu halten und in der anderen den Moment mit dem Handy zu verewigen.

Der Himmel reißt auf und die Sonne scheint, als der Papst sich an die 800.000 Menschen wendet, die gekommen sind. Sieben Monate vor den Präsidentschaftswahlen haben die wichtigsten Kandidaten in den reservierten Sitzreihen Platz genommen, Marine Le Pen (RN), Bruno Retailleau (LR), Édouard Philippe (Horizons) und Gabriel Attal (Renaissance). Der Kandidat der Linkspartei (LFI), Jean-Luc Mélenchon, bleibt der Messe fern, hieß den Papst aber willkommen, da er „für Menschlichkeit“ stehe.
Auch Präsident Emmanuel Macron fehlt auf dem Concorde-Platz. Er begründet seine Abwesenheit mit der in Frankreich gesetzlich verankerten Trennung von Kirche und Staat. Am Freitag hatte Macron den Papst im Élysée-Palast empfangen, an diesem Montag trifft er ihn in Metz. Im Kongresszentrum der Stadt in Lothringen, das den Namen des europäischen Gründervaters Robert Schuman trägt, will Leo eine erste Europarede halten. Macron hat auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) dazu eingeladen, aber dieser hat mit Verweis auf den Festakt zum fünfundsiebzigjährigen Bestehen des Bundesverfassungsgerichts abgesagt. Am Montagnachmittag verabschiedet sich der Papst mit einer Messe in der Kathedrale von Metz aus Frankreich.
