
Rob Sand war bisher außerhalb von Iowa unbekannt. Das sollte sich ändern, findet die „New York Times“. Der demokratische Gouverneurskandidat ist 44 Jahre alt, gilt politisch als moderat und besitzt, wie die Zeitung gleich in der Überschrift schwärmt, „Kennedy-esque good looks“. Da ist er also wieder: der neue JFK, der so hinreißend „boyish“ aussehe.
Natürlich befasst sich der Text in der „Times“ hauptsächlich mit Sands Politik. Doch die Begeisterung von Journalisten, wenn sich jemand mit Kennedy vergleichen lässt, hat Tradition. Vielleicht ist „Der neue Kennedy“ an der Ostküste sogar ein eigenes Textgenre. Schon 1984 schrieb das „Time Magazine“, der „niedergestreckte Prinz“ sei für die Demokraten das platonische Ideal des perfekten Kandidaten.
Damals war gerade Gary Hart als „neuer Kennedy“ im Gespräch, schien sogar Flugzeug-Gangways im Stil von JFK hinunterzusteigen, wie ebenfalls im „Time Magazine“ zu lesen war. Bill Clinton war der Nächste mit seinem „Kennedy-esque stroll“ („The New Yorker“). John Edwards war Kennedy, bis sich die Parallele auf unerwünschte Bereiche erstreckte. Barack Obama war so überzeugend Kennedy, dass sogar Kennedys den Vergleich zogen. Beto O’Rourke war ein kurzlebiger Kennedy mit Skateboard, Jon Ossoff ist Kennedy für Professorinnen.
Gute Haare, gute Zukunft
Obama bewies, dass die Rolle nicht zwingend weiß besetzt werden muss. Die Schablone aber blieb: jung, gut aussehend, männlich, optimistisch und familienorientiert. Eine Frau könnte deshalb eher nicht der neue Kennedy sein. Bei ihr kann Schönheit die Qualifikation sogar schmälern, man denke an das Lachen von Kamala Harris. Beim Kennedy-Mann kann gutes Aussehen dagegen manchmal zur besten Qualifikation werden. Ein markantes Kinn bedeutet ja schließlich Entschlossenheit, und volles Haar lässt von Dynamik und Generationenwechsel träumen.
Die amüsante Fixierung hat nach Meinung mancher Kritiker handfeste Nachteile. Der ehemalige Senator Bill Bradley schrieb 2005, die Demokraten seien seit vierzig Jahren „hypnotisiert von Jack Kennedy und der Vorstellung, dass ein charismatischer Führer Amerika kraft der Stärke seiner Persönlichkeit und seines Stils verändern“ könne, während die Republikaner sehr effektiv Machtstrukturen aufbauten, an deren Spitze dann austauschbare Erfüllungsgehilfen sitzen könnten.
„Camelot“, das Kennedy White House, ist trotz des aristokratischen Spitznamens tatsächlich eine untote Phantasie des amerikanischen Liberalismus. Dass dieses Camelot, in dem Künstler in schmalen Anzügen verkehrten, selbst ein Medienprodukt war, macht die Sehnsucht nicht kleiner. In jener kurzen, im Rückblick immer schöner werdenden Zeit konnte liberal zugleich glamourös, sexy und patriotisch heißen und nach Mehrheitsmacht aussehen.
Das ist vielleicht die Bedeutung des „Kennedy-esque“-Genres: nicht, dass ein Politiker aussieht wie John F. Kennedy, sondern dass ein solcher junger Mann liberale Autoren an eine Zeit erinnert, in der sie glaubten, Amerika könnte aussehen wie sie.
