Diesen Rostocker Schiffskellner hat es richtig erwischt; er kennt das Land, wo die Zitronen blühn, (noch) nicht und träumt deswegen oft davon, ein Segelboot zu klaun und einfach abzuhaun. Irgendwo zwischen Goethes lyrischer Schwermut und Udo-Lindenberg-artigem, schnoddrig-ungekünsteltem Fernweh spielt sich das Leben des Paul Gompitz ab, der das Pech hat, dass es dies in den frühen Achtzigerjahren tut, denn das bedeutet: in der DDR.
Ungefähr sieben Jahre braucht Paul Gompitz – der das später mit der ihm eigenen Knochentrockenheit erklären wird: „Schneller ging’s nicht“ – mit seinen Vorbereitungen, um auszubüxen aus dem Staat, gegen den er im Prinzip nichts hat, Heimkunft deswegen, fast wie bei Odysseus, fest eingeplant. Das Papier, auf dem er Egon Krenz allen Ernstes schreibt, dass es sich dabei ausdrücklich um keine Republikflucht handele, sondern nur um die Wahrnehmung auch seines Grundrechts, zu reisen und sich zu bilden – und das geht, wir sind ja hier in Deutschland, am besten in Italien –, ist geduldig und der Mecklenburger als solcher natürlich auch. Nachher gibt er eine Variation von Gustav Heinemanns legendärer Auskunft, indem er versichert, er liebe seine Frau und sein Vaterland gleichermaßen.
Das Problem ist, neben dem Erwerb nautischer sowie militär- und radartechnischer Kenntnisse und Fähigkeiten, nur, dass Anne, die als Klinikärztin arbeitet und ihn immer mit Sinnfragen löchert, nichts davon wissen darf; das brächte sie als Mitwisserin in Gefahr. Sie erfährt es trotzdem; das Bündel mit den Westgeldscheinen im Wert von 4000 D-Mark, das er sich zusammenspart, lässt sich dann doch nicht sicher verstecken. Obwohl er begreift, dass er damit seine Ehe aufs Spiel setzt, will er unbedingt nach Syrakus, zu Fuß selbstverständlich. Die Route ist ja seit Johann Gottfried Seume halbwegs bekannt.
Wie damals Katharine Hepburn und Spencer Tracy
Diesen „Spaziergang nach Syrakus“ hat Lars Jessen mit seinen fabelhaften Hauptdarstellern Charly Hübner und Lina Beckmann wie durch das Sichtfenster einer verschatteten, nie aufdringlichen, die eigentlichen Konflikte erträglich machenden Melancholie inszeniert. Die beiden spielen als Paar, das sie auch im wirklichen Leben sind, inzwischen fast so vertraut mit-, neben- und gegeneinander wie damals Katharine Hepburn und Spencer Tracy. So ist dies ein schöner, aber auch, in einem nicht geradezu ehrenrührigen Sinne, ein mangelhafter Film.
Schon der Titel lockt auf eine falsche Fährte und hat mit Seumes berühmtem Reisebuch von 1802 nicht viel Erkennbares zu tun. Groß spaziert wird auch nicht, jedenfalls sieht man außer dem erstmaligen Betreten italienischen Bodens südlich von Innsbruck nicht viel davon. Aber irgendwie wird Paul sein Ziel schon erreicht haben. Als Salzwasserkapitän seines eigenen Segelboots bewältigt er die Überfahrt nach Dänemark – „Welcome to the free world“, sagen die Beamten dort etwas zu Kennedy- und Reagan-haft – ohne Weiteres. Über einen Bochumer Abstecher bei seiner Cousine, der als Grund für eine Ausreise von den Behörden aber nicht akzeptiert wurde, kommt er tatsächlich bis Sizilien.
Dass man nicht erfährt, wie, ist eine dieser logischen Schwachstellen, die einen immer wieder nötigen, sich an der allerdings vorzüglichen Darstellungskunst des Charly Hübner schadlos zu halten. Seinem prächtig-sonoren Bariton könnte man länger als die anderthalb Stunden zuhören, die der Film leider nur dauert. In denen agiert er mit einer seltsam selbstverständlichen Beharrlichkeit, beherrscht, gelassen und nachdenklich.
Gerade dann, wenn es für seine Figur emotional schwierig wird, bewährt sich seine Fähigkeit, bei sich zu bleiben. So bei dem bedrückenden Telefonat mit Anne, der er von Travemünde aus mitteilt, dass er es geschafft hat, und sie dann, verlassen, verletzt, einfach auflegt. Wunderbar spielt er seine Haudegen-Qualitäten an einem eisigen Alpensee aus, in den er gemeinsam mit einem Einheimischen steigt. Überhaupt wird er, ohne sich im geringsten anzubiedern, mit seiner ungekünstelt-reservierten Art mit den Italienern erstaunlich schnell warm, schneller als mit seinen Landsleuten: „Der ist verrückt“, sagen die Südländer über ihn ganz richtig, während er sich über den ersten richtigen Parmesan seines bis dahin eher eintönigen Lebens freut.
Bildung ist ihm weiter nicht anzumerken
Aber man kriegt weder richtig mit, was er in Syrakus dann eigentlich treibt, noch, wie lange er dort bleibt. Charmant jedoch die Pointe, wie er sich per Anhalter über den Brenner auf die Rückreise macht und unterwegs im Auto geweckt werden muss, denn eben kam die Nachricht im Radio, dass die Mauer durchlässig sei, worüber die ihn mitnehmenden Italiener sich fast mehr zu freuen scheinen als er. Das muss also am 9. November 1989 gewesen sein. Allzu lange kann er jedenfalls nicht im Mediterranen gewesen sein. Die Bildung, auf die er doch aus war, ist ihm weiter nicht anzumerken.
Teilweise recht getreu, teilweise frei orientiert sich die Handlung an der im Grunde bitteren, von dem realen Fall eines Klaus Müller inspirierten Erzählung von Friedrich Christian Delius „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ (1995), wobei aber der darin ausgiebig traktierte Bezug zu Seume im Film kaum vorkommt.
Etwas sprunghaft wird man noch mit weiteren Jahreszahlen konfrontiert: 2006, da sehen wir Paul Gompitz zurück im Süden, wo er sich, wieder weiß man nicht, für wie lange, bei Freunden als Koch oder als Kellner nützlich macht, die „Sonne Homers“ („Mario und der Zauberer“) hat seinem Teint sichtlich gutgetan. Dann 2012, und damit wäre man fast schon bei Robert Zemeckis’ am Ende unaushaltbar traurigem Heimkehrerdrama „Verschollen“ (2000) mit Tom Cruise: Paul taucht plötzlich in dem verwilderten Vorgarten der Datscha auf, die er damals mit Anne bewohnte, die nun – 17 oder wie viele Jahre er nun eigentlich weg war, sind eine lange Zeit – natürlich einen anderen hat, der heißt Harald, ist auch ganz nett und reicht ihm zur Entschärfung der Situation erst mal eine Flasche Bier.

Es ist anzunehmen, dass Lars Jessen mit dem, was es im Kino zu dem ganzen Thema schon gibt, vertraut ist. Vergleiche mit Wolfgang Beckers „Good Bye, Lenin!“ (2003) und mit Florian Henckel von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“ (2006) drängen sich auf. Jessen liegt irgendwie dazwischen, zwischen der unterschwellig märchenhaften, manchmal sprunghaften Erzählweise des Ersteren und der ausgetüftelten, ruhigen Akribie des Letzteren.
Man weiß nicht, woran es lag; vielleicht an den Produktionsbedingungen, die das ZDF und Arte mitbestimmt haben. Es wäre wahrscheinlich besser gewesen, wenn Jessen das Drehbuch mit dessen Autoren Heide und Andreas Kersten noch einmal durchgegangen wäre und sich etwas mehr Zeit gelassen hätte, um manches zu vertiefen, ja, überhaupt zu erklären. Eine Stunde zusätzlich hätte bestimmt nicht geschadet, das wäre dann genau die Länge vom „Leben der Anderen“ gewesen, ohne dass sich Jessen noch einmal auf eine umständliche Inventarisierung des DDR-Alltags hätte einzulassen brauchen, denn die gibt es ja schon. Als Zuschauer wäre man ihm auf eine Langstrecke womöglich noch lieber gefolgt.
