Noch nach etlichen Stunden weiß ich nicht so recht, was ich
hier eigentlich tue. Aber ich weiß, dass das Nichtwissen ziemlich faszinierend
ist. Wenn ich eine meiner Figuren packe, sie über diese Insel schleife, vor einer
anderen absetze und gespannt lese, über welche Themen sie sich jetzt
unterhalten.
Da steht dann etwa: »Sie erörtern die unangenehme
Tatsache, dass sie sich permanent beobachtet fühlen.«
Tomodachi Life also. Ein Spiel wie eine Jausenplatte
aus Die Sims, Animal Crossing und einer kleinen Prise
Creepypasta. Dass nach dem ersten Tomodachi Life von 2013 nun ein
zweiter Teil für Nintendo Switch 1 und 2 herauskommt, dürfte vor allem daran
liegen, dass der Vorgänger ungewöhnlich erfolgreich war. Nicht im klassischen
Sinne – sondern besonders in den sozialen Medien.
Schon nach Erscheinen des ersten Teils haben Spielerinnen
und Spieler Videos auf YouTube und anderen Plattformen geteilt, die millionenfach
aufgerufen wurden – und zu Memes geworden sind. Ihr Charme: Knuffige
Spielfiguren, die absurde, bizarre und einfach komische Dinge sagen oder singen.
Mitunter auch nicht jugendfreie Dinge, da es damals, wie heute, möglich ist, ihnen
beliebige Worte in den Mund zu legen. Das ist ziemlich untypisch für Nintendo,
die sonst sehr darauf bedacht sind, ihre Spiele möglichst keimfrei zu halten.
All das ist auch im neuen Teil möglich. Sein Untertitel: Wo
Träume wahr werden. Und das stimmt denn wohl auch, hier werden Träume wahr
– herrliche Fieberträume nämlich. Und der Traum aller Menschen, die auf der
Suche nach neuen Memes sind.
Am Anfang war Uwe
Tomodachi Life ist so was wie eine Lebenssimulation.
Man organisiert das Zusammenleben verschiedener, mitunter sehr spezieller
Charaktere. Sorgt sich um ihre Bedürfnisse: Sie haben Hunger, wollen
unterhalten werden oder sind auf der Suche nach Liebe. Das kennt man so auch
aus anderen Spielen. Aber Tomodachi Life ist anders.
Ich lande auf einer einsamen Insel. Meine erste Aufgabe ist
es, einen Mii zu erstellen. Die possierlichen Avatare mag der ein oder die
andere noch von der Wii oder dem 3DS kennen. Kleine Figuren, die man nach
seinem Gutdünken entwerfen kann – die aber niemals den Anspruch haben, wie
echte Menschen auszusehen. Mein erster Mii heißt Uwe, er ist »lebhaft und
schwungvoll«, hat rote Augen und spricht äußerst langsam.
Sobald Uwe auf der Insel gelandet ist – und es werden
noch viele weitere Miis folgen –, geht das Kümmern los. Ich eile in
den Supermarkt, wo Uwe aus unerfindlichen Gründen auch der Verkäufer ist.
Entscheide mich für einen Apfel, den ich Uwe zu essen gebe, denn Uwe hat
Hunger. Äpfel gehören aber nicht zu seinem Lieblingsessen, so wirklich
zufrieden ist er damit nicht. Also erstelle ich einen weiteren Mii, damit Uwe
nicht mehr allein ist.
Tori ist »zurückhaltend und perfektionistisch«, hat rote
Haare, eine große Brille und sie mag Äpfel ganz gerne. Ich will, dass die
beiden sich kennenlernen. In Tomodachi Life steuert man aber keine Figur direkt, wie in Animal Crossing. Man gibt auch keine Befehle, wie
in Die Sims. Uwe und Tori haben ihren eigenen Willen, stapfen
selbstständig durch die Spielwelt. Bis ich Uwe wortwörtlich am Schopf packe und
direkt vor Tori absetze.
Was dann folgt, ist das Herzstück des Spiels: zwischenmenschliche Beziehungen. Uwe und Tori reden über Marzipan. Anscheinend
mögen sie das beide, denn nach dem Gespräch finden sie einander »äußerst interessant«. Das ist schon mal ein guter Anfang. In Tomodachi Life:
Wo Träume wahr werden können sich die Miis anfreunden. Sie können sich
verlieben und heiraten – oder einander einen Korb geben. Anders als
im Vorgänger sind nun auch gleichgeschlechtliche Beziehungen möglich. Außerdem
können nicht-binäre Miis erstellt werden.
