„Zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung stehe ich wie zu allen Zeitungen, das heißt in einer Mischung aus Ekel und Abhängigkeit, weil sie mit ihrer vornehmen, hochmütigen Satzmusik so tut, als wäre sie Geist, während sie doch, wie alle Blätter, nur Sensation und Machtbetrieb ist, nur dass sie das Niederträchtige besser parfümiert.“ So antwortet der Thomas-Bernhard-Chatbot, der mit Texten des österreichischen Schriftstellers programmiert wurde, in der dritten von vier möglichen Antwort-Härtegraden („stark“), und beendet die Hinrichtung mit den Worten: „Und gerade diese Parfümierung, diese scheinbare Unangreifbarkeit, macht sie mir verdächtiger als Provinzdrecksblätter, weil sie verlogener und dadurch, wie immer, wahrer ist.“
Er ist also wieder da, wenn auch als Digitalnachbau und als Kundenfang, denn die Ausstellung im Wiener Literaturmuseum, einer Zweigstelle der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB), setzt aufs breite Publikum, möchte „einen Bernhard für alle“, so jedenfalls der Leiter des Hauses, der Germanist Bernhard Fetz. Einen Kalenderanlass gibt es nicht, 37 Jahre nach seinem Tod ist Bernhard indes ein Weltexportschlager, so groß, dass er alle inländische Konkurrenz um Lichtjahre überragt. Die Universität Wien betreibt sogar einen eigenen Sonderforschungsbereich namens „GlobalBernhard“, die für ihn zuständige Komparatistin Juliane Werner hat an der Ausstellung mitgearbeitet.

Vor vier Jahren hat die ÖNB mit kräftiger Unterstützung des Kultusministeriums für 2,1 Millionen Euro den Nachlass Bernhards erworben, nun gewährt sie Einblicke in diese Schatztruhe. Man wolle mit der Schau herausfinden, so Fetz und seine Ko-Kuratorin Katharina Manojlovic, „was uns Bernhard heute sagt“. Als Aufwärmübung lockt ein Städtequiz mit den schlimmsten Beschimpfungen („Welches ist das charakterloseste Land Europas?“ – Spoiler: die Schweiz), eine Bernhard-Playlist und eine Magnetwand zum Zusammenstellen von Bernhard-Komposita. Niederschwellig ebenso ein Raum mit Porträts, die Erika Schmied aufgenommen hat, die den privaten Bernhard zeigen, darin ein vom Schriftsteller entworfener Ohrensessel, der so unbequem ist, dass ihn Bernhard der Fotografin schenkte.
Die Ausstellung, wie üblich in den historischen Bücherregalen verstaut, ist dann aber durchaus dazu angetan, auch Kenner des Werkes und Philologen zu verzücken. Der Fundus ist offenkundig groß – vom Koffer-Anhänger zu Theaterplakaten, vom Wetterfleck aus Loden über den Lkw-Führerschein zum Ferragamo-Sakko findet sich ausreichend Ansichtsmaterial zwischen den Typoskripten und Hörstationen. Zunächst hat man eine internationale Riege von überwiegend nicht sehr prominenten Autoren und Bernhard-Übersetzern befragt, sie beschreiben ihr persönliches Verhältnis zu Bernhards Werk beziehungsweise dessen Bedeutung für ihren Sprach- und Kulturraum.
Ein zentrales Kapitel widmet sich dem Thema „Becoming Bernhard“. Entlang der Biographie, mit den unsicheren Wurzeln in einer entwurzelten Familie rund um den monomanischen Großvater Johannes Freumbichler, rekonstruiert die Schau, wie lange es dauerte, bis Bernhard Bernhard war, und wie er das anstellte. Rund fünfzehn Jahre setzt Fetz für den Prozess der Entpuppung an und nimmt dafür als Ausgangspunkt ein Gedicht des Siebzehnjährigen, in welchem er, wohl um dem Schriftstellergroßvater zu gefallen, Salzburg besang: „Du schönste Stadt am Salzachfluss, / Ich schloss dich in mein Herz, / Trotz täglich starkem Regenguss, / Und kindlich hartem Schmerz“. Dafür gab’s vom Opa ein „Gut“. Später nannte Thomas Bernhard Salzburg unter anderem „Nazinest“ und „Todeskrankheit“.
Was er vom Oktoberfest hielt
Der lange Anlauf zu sich selbst als Künstler und Kunstfigur führt über viele Umwege. Erste journalistische Gehversuche macht er Anfang der Fünfzigerjahre, für das „Demokratische Volksblatt“ schreibt er etwa eine Reportage über das Oktoberfest („Die allergrößte Gaudi haben natürlich die Geschäftsleute. Einmal im Jahr räumen sie den Schaum ab.“). Bis in die frühen Sechzigerjahre hinein ist Bernhard „beinahe mittellos“ (B. Fetz), das 1957 am Mozarteum abgeschlossene Studium im Schauspiel- und Regiefach ernährt ihn nicht. Ein unlängst angekauftes Buch mit Regieanweisungen zeigt, wie er das Stück „Herrenhaus“ des Amerikaners Thomas Wolfe zu inszenieren gedachte – er verlegte es aus der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs in jene des Koreakriegs, inklusive Atombombe.

Als Mittzwanziger, er schreibt Beiträge für das „Salzburger Tagblatt“, inszeniert er sich auf Porträtbildern der Fotografin Anny Madner hollywoodtauglich, die Haartolle hochfrisiert, Krawatte, Manschettenknöpfe. Sein Mienenspiel verrät Ambition und Lust an der Inszenierung. Er plant, Bibliothekar am Österreichischen Kulturinstitut in London zu werden, gar nach New York auszuwandern. Ein halbes Jahr fährt er Bier aus für die Gösser-Brauerei, dann will er den Systemwechsel und bewirbt sich beim Catholic Relief Service in Ghana. Aber die dort Verantwortlichen schicken der Wiener Caritas ein Absageschreiben („he would be desillusioned in Africa“).

1963 erscheint mit „Frost“ sein erster Roman, die Schriftstellerkarriere nimmt Fahrt auf und bleibt doch ein Risiko. Noch drei Jahre später schreibt Bernhard im Januar 1966 in einem bislang nicht bekannten, aufschlussreichen Brief an seinen „Lebensmenschen“ Hedwig „Hede“ Stavianicek, eine gut situierte Wiener Witwe: „In dem Bewusstsein, dass die Arbeit meine einzige Möglichkeit ist, es auszuhalten, auch meine einzige Rechtfertigung, mich nicht umzubringen, d.h. also mit dem Leben fertig zu werden und zwar, wie ich ausdrücklich sage nicht auf irgendeine, sondern eben auf meine einzige Weise fertig zu werden, sitze ich und sitze und schreibe und schreibe . . .“
1974 schafft er es in die Endrunde für die Burgtheaterdirektorennachfolge, er weiß schon, wie er „aus der theatralischen Bruchbude auf dem Ring wieder ein Theater machen“ will. Aber der zuständige Referent schafft es nicht, seinen Favoriten Bernhard durchzusetzen, immerhin wird dieser Burgenländer namens Fred Sinowatz später Bundeskanzler – Intendant wird Achim Benning, ein Piefke.
In weiteren Stationen geht es um Bernhards Verhältnis zur Natur, zur Erotik, zur Architektur, zur Musik. Gezeigt werden Reiserouten und -begleiter, darunter immer wieder sein nibelungentreuer Verleger Siegfried Unseld. Eine Collage aus anonymen Zuschriften zeigt den Hass, der Bernhard und Claus Peymann entgegenschlägt, nachdem sie 1988 mit der „Heldenplatz“-Inszenierung einen Skandal provozierten, der auch dazu beitrug, dass sich Österreich endlich seiner braunen Vergangenheit stellte.
Der Bernhard-Bot bewertet die Ausstellung so: „Man hängt Manuskriptseiten auf wie Reliquien und nennt das Erkenntnis. Dabei ist es nur Betrieb, nur Kulturverwaltung, und am Ende wird aus dem Schriftsteller ein Museumsstück, also genau das, was er mit jedem Satz zu verhindern versucht hat.“ Da wäre dem echten Thomas Bernhard etwas Griffigeres eingefallen.
Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen. Thomas Bernhard heute. Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien; bis 21. Februar 2027. Der Begleitband (Zsolnay Verlag) kostet 38 Euro.
