Das ägyptische Kino der frühen Sechzigerjahre war eine Hochkultur, auf die der ganze arabische Raum blickte. Ein Schauspieler wie Omar Sharif konnte zu einem Weltstar werden, nachdem er in Filmen von Youssef Chahine eine Moderne angekündigt hatte, die schließlich im Assuan-Damm ein technisches Symbol bekam. Auf das Ägypten unter General Nasser richteten sich panarabische Hoffnungen, und das Kino erwies sich als kritischer Begleiter dieses Optimismus.
Man muss an diese Ära zurückdenken, wenn man die Figur des Schauspielers George Fahmy im aktuellen Thriller „Eagles of the Republic“ sieht. Er wird allgemein als „Pharao des Kinos“ bezeichnet; an der Außenwand des Filmstudios, in dem er täglich seiner Arbeit nachgeht, prangt eine Kussszene mit ihm. Seine Beliebtheit ermöglicht ihm ein privilegiertes Leben: eine imposante Wohnung, eine junge Freundin, eine Bedienstete, dicke Zigarren und jede Menge Alkohol. Als ihm sein Sohn ein junges Mädchen vorstellt, konstatiert George beruhigt: „Du trinkst Bier?“ Das Detail steht für eine jener Grenzen, die in der ägyptischen Gesellschaft zunehmend wichtig werden. Denn fromme Menschen trinken keinen Alkohol. Noch geht George davon aus, dass die verschiedenen Lebensstile nebeneinander bestehen können. Doch er täuscht sich.
Wenn jemand den Islam hasst
Schon bald sitzt er mit seinem Produzenten einem Gremium gegenüber, das aus drei verschleierten Frauen besteht. Eine Szene aus seinem aktuellen Film muss wohl neu gedreht werden. Ein Kuss zwischen Mann und Frau, dieser zentrale erzählerische Code für Freiheit und Glück, ist im heutigen Ägypten nicht mehr statthaft. Und George Fahmy muss erkennen, dass sich die Stimmung gegen ihn wendet. „Wir wissen, dass du den Islam hasst.“
Der Mann, der diese Geschichte erzählt, lebt nicht in Ägypten. Tarik Saleh kam in Stockholm zur Welt, er ist geprägt von der liberalen Kultur Schwedens. Aber sein filmisches Werk ist dem Land gewidmet, aus dem sein Vater kam. „Eagles of the Republic“ ist der Abschluss seiner „Kairo-Trilogie“, die 2017 mit „Die Nile Hilton Affäre“ begann und 2022 mit „Die Kairo Verschwörung“ eine Fortsetzung fand – drei Geschichten, die in das Innerste des heutigen ägyptischen Systems führen und die so nur von außen erzählt werden konnten, aus dem europäischen Exil. Das hat nicht nur mit der moralischen Zensur zu tun, die von gläubigen Muslimen ausgeht. Auch der Koran ist in Salehs Sicht nur ein Instrument einer Elite, die Ägypten in ihrem Griff hält.
George Fahmy wird zu einer Figur, die aus der Kultur, in der er sich sicher wähnt, in die Politik verstrickt wird. Als Star hat er eine ambivalente Funktion: Er steht für eine Autonomie, die das Publikum bei Wahlen an der Kinokasse demonstrieren kann. Wenn es gelingt, ihn auf die Seite der Macht zu holen, wäre das System an einer wichtigen Stelle stabilisiert.
Wie es ist, einen Präsidenten zu spielen
Tarik Saleh entwickelt das Künstlerdrama geschickt in die Richtung eines Paranoia-Thrillers, wie man ihn vor allem aus dem amerikanischen Kino um 1975 kennt: eine Phase, in der das Individuum sich nur mehr ohnmächtig vorkommen konnte angesichts einer opaken Macht, die bis in das Privateste hinein wirksam wird. Für Fahmy werden Versuchung und Erpressung austauschbar: Das Angebot, in einem Film den späteren (jetzigen) Präsidenten Abd al-Fattah al-Sisi zu spielen, ist ungefähr so attraktiv wie die Aufforderung von Goebbels an Ferdinand Marian, die Hauptrolle in „Jud Süß“ zu übernehmen.
Nun sitzt Fahmy mit Ministern und Generälen bei Tisch, und ein sinistrer Bürokrat ist bei den Dreharbeiten im Hintergrund immer präsent. Sexuelle Profite, die der Schauspieler früher ohne viel Nachdenken mitgenommen hat, werden nun zu sexuellen Fallen. Und das ganze Umfeld – sein Sohn, seine Frau, von der er getrennt lebt, eine Kollegin, die keine Aufträge mehr bekommt – wird zu einer Angriffsfläche. „Eagles of the Republic“ versucht sich in einer Anatomie der Verhältnisse, die in Ägypten als Reaktion auf den Arabischen Frühling und auf den Wahlsieg der Muslimbrüder entstanden sind: Der heutige Präsident al-Sisi kam durch einen Putsch oder durch eine Volksrevolution an die Macht. Beide Begriffe stehen bei Saleh unmittelbar nebeneinander, sie fallen in einem Dialog, der noch eine pluralistische Deutung der Ereignisse zuzulassen scheint. Zugleich aber wird in diesem Moment eine subversive durch eine offizielle Sprachregelung ersetzt. Und ein weiterer Raum von Freiheit schließt sich.
Es ist einigermaßen kühn, wie Saleh seine kunstvoll verschlungene Einschnürung von George Fahmy (wunderbar als schwacher Held gespielt von Fares Fares) direkt auf den Hauptgegner zuführt: al-Sisi, der heutige Machthaber, steht schließlich im Mittelpunkt einer zentralen Szene, in der „Eagles of the Republic“ mehrere Schlüsselmomente der neueren ägyptischen Geschichte überblendet. Von Nasser über Sadat bis zu al-Sisi führt eine Linie, die Politik immer wieder in Gewalt münden lässt. Saleh spielt dabei durchaus mit der Idee, dass man auch aus seinem Film auf eine Hoffnung schließen könnte, al-Sisi würde eines Tages in der gleichen Manier beseitigt, in der er an die Macht kam.
Geschichte gerät damit in das Zeichen von Wiederholungszwängen, was wiederum mit dem Genre von „Eagles of the Republic“ zu tun hat: Der klassische Politthriller setzt immer auf Identifikation mit einem Individuum. Und wenn dieser Einzelne nicht als Actionheldenfigur erscheint, sondern als gebrochenes Subjekt, dann bleiben als Optionen im Grunde nur Übersprungshandlungen. Tarik Saleh trauert mit seinem Film letztlich um die Rolle des Kinos in der ägyptischen Kultur. Es steht nicht mehr auf der Seite der Geschichte, weil Ägypten keine Vorstellung von Zukunft mehr hat.
Nebenbei wird erwähnt, dass die Filmindustrie auch deswegen an Bedeutung verloren hat, weil das Land „von türkischen Serien überschwemmt wird“. Mit diesen Serien kämpft Tarik Saleh von außen um das Erbe einer filmischen Hochkultur, die noch selbstbewusst den Titel „Pharao“ vergeben konnte und die meinte, der Nation einen Weg vorzeichnen zu können. „Eagles of the Republic“ macht deutlich, dass das unabhängige Ägypten auf seinem Weg wieder ganz am Anfang steht.
