
An diesem Pfingstsamstag wird in der Frankfurter Innenstadt von 16.25 Uhr an wieder das Große Stadtgeläute zu hören sein. An dem gewaltigen Klangspektakel, das erstmals 1347 bezeugt ist und in der Gegenwart einen Chor von 50 Glocken zum Wogen bringt, sind zehn Innenstadtkirchen beteiligt. Dazu gehören die acht Dotationskirchen, die sich infolge der Reformation von 1530 und der Säkularisation der Kirchengüter von 1802 in städtischem Besitz befinden: die Alte Nikolai-, Leonhards-, Liebfrauen-, Katharinen-, Peters-, Heiliggeist- und Dreikönigskirche sowie der Dom. Hinzu kommen das Karmeliterkloster und die Paulskirche, die ebenfalls der Stadt gehören.
Nach dem traditionellen fünfminütigen „Vorwort“ der im Turm der Paulskirche beheimateten Bürgerglocke stimmen nun allerdings – wie schon bei der Premiere eines neu konzipierten Läuteplans mit dem Titel „Supra urbem“ vor einem Jahr – nicht, wie für das traditionelle Stadtgeläute typisch, rasch aufeinanderfolgend alle Klangkörper ein. Stattdessen werden erst einmal nur einzelne Glocken zu hören sein, beginnend mit den hellsten innerhalb der jeweiligen Geläute. Eine Viertelstunde lang kommen dann nach und nach auch die größeren Glocken einzeln zum Einsatz.
„Uns war wichtig, dass es innerhalb des Großen Stadtgeläutes ein bisschen mehr Entwicklung gibt“, sagt Hermann Kretzschmar über diese gemeinsam mit Rainer Römer im Auftrag der Stadt entwickelte neue Konzeption. Den beiden Musikern des in Frankfurt beheimateten Ensemble Modern geht es seinen Worten zufolge bei diesem „Aufbrechen von Tradition“ darum, ein Gefühl für einzelne Glocken zu entwickeln und so das Instrumentarium schärfer wahrzunehmen.
Panne bei der Premiere im Vorjahr
Doch leider sei die Weltpremiere von „Supra urbem“ im vergangenen Jahr nicht so verlaufen wie geplant. Was im neuen Läuteplan als Pause notiert gewesen sei, habe eigentlich eine Fortsetzung des zuvor angeschlagenen Glockentons gemeint. Dieses Missverständnis habe, so Kretzschmar, zu einer falschen Programmierung der in den Kirchen installierten Läutecomputer durch die im nordrhein-westfälischen Gescher ansässige Glockenmanufaktur Petit & Edelbrock geführt. Die Folge waren nicht vorgesehene Pausen, die in diesem Jahr bei der „Zweiten Premiere“ wegfallen sollen.
Trotz der Premierenpannen verzeichnete die Datenplattform der Stadt Frankfurt vor einem Jahr nach Angabe des Presse- und Informationsamtes rund 63 Prozent mehr Zuhörer am Römerberg als am Pfingstsamstag 2024. 90 Prozent aller Reaktionen, die das Ensemble Modern nach der ersten Vorführung des modifizierten Stadtgeläutes im vergangenen Jahr erhalten habe, seien positiv gewesen, sagt Kretzschmar. Stadtkämmerer und Kirchendezernent Bastian Bergerhoff (Die Grünen), der die Veränderung mit initiiert hat, will die neue Fassung des Stadtgeläutes deshalb auch in den nächsten Jahren jeweils am Pfingstsamstag erklingen lassen. Am Samstag vor dem ersten Advent, an Heiligabend und am Ostersamstag wird dagegen wie gewohnt eine halbe Stunde lang der vertraute Gesamtklang aller 50 Innenstadtglocken zu hören sein.
Alte Disposition aus dem Jahr 1954
„Supra urbem“, „Über der ganzen Stadt“ – mit diesen Worten beginnt Thomas Mann seinen Roman „Der Erwählte“ rund um den mittelalterlichen Mönch Gregorius, der nach Sünde und Buße schließlich Papst wird: „Glockenschall, Glockenschwall über der ganzen Stadt, in ihren von Klang überfüllten Lüften! Glocken, Glocken, sie schwingen und schaukeln, wogen und wiegen ausholend an ihren Balken.“ 1954, drei Jahre nach der Veröffentlichung dieses Werkes, entwickelte der Mainzer Orgelsachverständige und Verleger Paul Smets (1901–1960) die bis heute gültige und auch an diesem Pfingstsamstag dann schließlich um 16.45 Uhr in vollem Klang einsetzende Disposition des 1856 vom Senat der Freien Stadt Frankfurt beschlossenen weltlichen Festgeläutes.
Jedoch musste dafür die einstige Glockenpracht der zehn Innenstadtkirchen erst einmal wiederhergestellt werden. Denn nur wenige Glocken hatten den Zweiten Weltkrieg überstanden. Die meisten der historischen Klangkörper waren bereits 1940 beschlagnahmt und für Kriegszwecke verwertet worden, andere wurden im Feuersturm und Bombenhagel zerstört. Wie durch ein Wunder jedoch hatten die Domglocken, bereits auf dem sogenannten Hamburger Glockenfriedhof zum Einschmelzen bereitgestellt, die Zeiten überstanden und konnten 1947 nach Frankfurt zurückkehren. Über diesem neunteiligen Geläute mit seiner 11.950 Kilogramm schweren Gloriosa als Fundament und seinem strahlenden Dreiklang a˚ – cis’ – e’ errichtete Smets das gewaltige Klanggebäude des Stadtgeläutes.
Dabei legte er für die dann in den folgenden Jahren neu gegossenen Glocken aufeinander bezogene Schlagtöne fest. Innerhalb dieses Tonsystems gibt es eine Dur-Gruppe, zu der neben dem Dom auch die Dominikanerkirche gehört. In Moll erklingende Geläute hängen in der Pauls-, der Katharinen-, der Liebfrauen- und der Peterskirche. Zwischen diesen beiden Polen vermittelt der Mischklang der Dreikönigs-, der Leonhards- und der Karmeliterkirche. Auch die Alte Nikolaikirche mit ihren auf gis’, h’, cis’’ und e’’ gestimmten Glocken gehört dazu.
Vollständig konnte die von Smets musikalisch durchstrukturierte Glockensinfonie allerdings erst 36 Jahre nach seinem Tod erklingen: Nach dem Guss der vier noch fehlenden Karmeliterglocken in der Glockengießerei Rincker in Sinn bei Wetzlar wurde vor genau 30 Jahren, im Mai 1996, dem nun endlich vollständigen Stadtgeläute die Klangkrone aufgesetzt. Seitdem reicht sein gewaltiger Tonumfang vom e˚ der riesigen Gloriosa bis zum g’’’ des kleinen, 20 Kilogramm wiegenden Gemperlin.
Dass das von Kretzschmar und Römer in Teilen veränderte Stadtgeläute am Samstag vor Pfingsten erklingt, passt zu diesem kirchlichen Fest. Nach biblischer Überlieferung wurden die Jünger Jesu an Pfingsten, 50 Tage nach seiner Auferstehung, vom Heiligen Geist erfüllt. Diese Kraft Gottes, symbolisiert durch eine weiße Taube, steht für Trost, Zuversicht, Inspiration und eine weltweite Gemeinschaft. Für geistige Erneuerung also und Ermutigung – in Frankfurt zusätzlich begleitet von neu zusammengestellten Glockenklängen.
