
Nordkorea unterstützt Russlands Krieg gegen die Ukraine mehr denn je, aber Südkorea liefert weiterhin keine Waffen an Kiew. Daran ändern weder die Westbindung des Landes noch seine zur Weltspitze zählende Rüstungsindustrie etwas. Denn Seoul hat aus drei Gründen ein strategisches Interesse an belastbaren Kanälen nach Moskau: Die Energiebeziehungen vertiefen sich, Russland macht Nordkorea durch die Weitergabe moderner Waffentechnik auch für Südkorea gefährlicher – und Seoul will Moskau als Hebel zur Diplomatie mit Pjöngjang nicht aufgeben.
So bezieht Südkorea weiter Energie aus Russland, und das sogar mehr als zuvor: Seit dem Irankrieg haben sich Südkoreas Einfuhren des Rohbenzins Naphtha aus Russland dramatisch erhöht. Naphtha wird von der südkoreanischen Chip-Industrie als Grundstoff zur Herstellung von Halbleitern benötigt. Vor dem Irankrieg hatte Südkorea diesen Stoff zu achtzig Prozent aus dem Nahen Osten bezogen, Russland spielte zuvor keine Rolle. Das änderte sich mit der Sperrung der Straße von Hormus.
Der Ausfall von Gaslieferungen vom Persischen Golf führt zudem dazu, dass Südkorea zur Stromerzeugung nun doppelt so viel Kohle aus Russland einführt wie 2025. Russland ist mittlerweile der zweitgrößte Lieferant hinter Indonesien, exportiert wegen der Sanktionen zu verbilligten Preisen und stellt heute mehr als 20 Prozent der südkoreanischen Kohleeinfuhren. Bei angereichertem Uran bezieht Südkorea sogar ein Drittel seiner Einfuhren zum Betrieb seiner 26 Kernkraftwerke aus Russland. Außerdem gelangen Flüssiggas-Lieferungen aus dem ostrussischen Sachalin weiter nach Südkorea.
EU gewährte Südkorea Ausnahme bei Russlandsanktionen
Dafür gewährte die Europäische Union den Südkoreanern im Juli eine Ausnahme von ihren Russlandsanktionen. Präsident Lee Jae-myung sprach anschließend von einem wichtigen Beitrag der EU zur koreanischen Wirtschaft und Energieversorgung. In den USA erwirkte Seoul zur Zahlungsabwicklung zudem eine Ausnahme von bestehenden Sekundärsanktionen.
So führen schon die Energiebeziehungen dazu, dass Teile der südkoreanischen Wirtschaft bis in Kreise der Regierung lieber früher als später ihr Verhältnis zu Moskau verbessern möchten. Andere wollen eher die Abhängigkeit von Russland reduzieren. Und niemand will die guten Beziehungen zu Europa gefährden oder Washington vergrätzen.
So möchte Südkorea gleichzeitig sein Verhältnis zur Ukraine weiter verbessern. Zum ersten Mal seit elf Jahren besuchte im Sommer wieder ein ukrainischer Außenminister Seoul. Kurz darauf nahm Präsident Lee persönlich am NATO-Gipfel in Ankara teil, wo es zu einem eigenen Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj kam. Es war ihre erste Begegnung. Lee sagte weitere 100 Millionen Dollar Hilfe zu, machte aber klar, dass direkte Waffenlieferungen nicht infrage kommen. Daran änderte sich auch nichts, als Selenskyj kurz darauf öffentlich warnte, Nordkorea werde den Russen weitere 50.000 Soldaten schicken.
Seoul will Russland für „Dialog“ mit Nordkorea gewinnen
Auch Seoul hat Russlands Angriffskrieg verurteilt, auf dem NATO-Gipfel zeichnete Lee eine entsprechende Erklärung mit. Mit Ausnahme des Energiesektors unterstützt Südkorea auch weitgehend die westlichen Sanktionen gegen Russland. Aber direkte Waffenlieferungen an Kiew stehen nicht zur Debatte. Dass Südkorea mit Waffenexporten in Konfliktgebiete sonst wenig Probleme hat, zeigen wachsende Lieferungen an arabische Golfstaaten.
Der neben der Energie andere, mindestens ebenso wichtige Faktor für Südkorea, die Beziehungen zu Russland nicht zu zerstören, ist dessen Nähe zu Nordkorea. Seitdem Präsident Wladimir Putin ein Militärbündnis mit Machthaber Kim Jong-un geschlossen hat, senden die Nordkoreaner den Russen Waffen, Munition und Soldaten. Nordkorea, das seit Jahrzehnten keinen Krieg mehr führte, gewinnt dadurch Kriegserfahrung. Zudem erhält das Regime aus Russland neben Geld und Rohstoffen Wehrtechnik wohl bei Raketen, Satelliten und U-Booten. Das macht Nordkorea militärisch gefährlicher, auch für Südkorea. Russische Stellen lassen Seoul das auch wissen: Militärhilfe für die Ukraine durch Südkorea bedeute größere russische Unterstützung für Nordkorea.
Damit spielt Moskau, das Südkorea „eines der am wenigsten unfreundlichen unter den unfreundlichen Ländern“ nannte. Anfang des Jahres äußerte der selbst in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckende Putin den Wunsch nach besseren Beziehungen und erinnerte daran, dass man früher einen „pragmatischen Ansatz verfolgt“ und „im Handel und in der Wirtschaft wirklich gute Ergebnisse erzielt“ habe.
Ende Juni enthüllte die Zeitung „Dong-A-Ilbo“, dass Südkoreas nationaler Sicherheitsberater Wi Sung-lac in Kasachstan einen ranghohen russischen Vertreter getroffen hatte. Man habe über ein Ende des Ukrainekriegs und eine Normalisierung der Beziehungen gesprochen. Wi habe gesagt, Russland könne eine „konstruktive Rolle“ bei der Rückkehr Nordkoreas zum „Dialog“ spielen. Präsident Lee verfolgt eine Politik der Annäherung, ohne dass Nordkorea dazu allerdings auch nur einen Hauch Bereitschaft zeigt.
Vielmehr gilt, was Wi einst offen formulierte: „In einem so schwierigen geopolitischen Umfeld wie dem Südkoreas sollte man keine feindseligen Beziehungen zu den Nachbarländern aufbauen.“ Die Allianz mit den USA und die Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Demokratien bleibt auch für Seouls linksliberale Regierung die Grundlage. Aber die übrigen Beziehungen zu den Großmächten um die koreanische Halbinsel müsse man austarieren, ohne sich Feinde zu machen. Was Südkoreas strategischen Handlungsspielraum vergrößern soll, stößt indes zunehmend auf Widersprüche.
