
Beim Autozulieferer ZF eskaliert am Standort Friedrichshafen ein Streit zwischen Vorstand und Arbeitnehmervertretern. Es geht um übertarifliche Zulagen, die nur am Stammsitz von ZF gezahlt werden, die das Unternehmen mit einer mehrmonatigen Frist gekündigt hat und die im nächsten Jahr auslaufen würden. Eine Betriebsversammlung in der Messe in Friedrichshafen hat der Betriebsrat am Dienstagmittag abgebrochen, nachdem aufgebrachte Werker Personalvorständin Lea Corzilius ausgepfiffen haben.
Das Unternehmen will zwei übertarifliche Sonderzulagen: Zum einen eine „Drehkreuz“- oder „Zeppelin-Prämie“ genannte Zahlung. Zum anderen soll eine feste Leistungszulage in eine an den Standortgewinn gekoppelte variable Erfolgsprämie umgewandelt werden. Beide Zulagen machen für den einzelnen Mitarbeiter zwischen sieben und 13 Prozent des tariflichen Grundgehalts aus. Der Betriebsrat lehnt die Umwandlung strikt ab und hat sich in den vergangenen Wochen nach Unternehmensangaben auf keine Verhandlungen eingelassen. Die ersten Gespräche haben am Montagnachmittag stattgefunden, da trennten sich beiden Seiten allerdings ohne Ergebnis.
„Kein Gespür, wie die Menschen sich fühlen“
„Wir haben die Betriebsversammlung abgebrochen, die Leute waren nicht mehr in der Lage zuzuhören“, sagte Gesamtbetriebsratschef Achim Dietrich. „Die Stimmung war einfach wahnsinnig angespannt. Ich frage mich, welches Zukunftsversprechen gibt uns dieser Vorstand? In der sechsten Etage gibt es kein Gespür, wie die Menschen sich fühlen.“ Dietrich verweist darauf, dass die Beschäftigten bereits Einschnitte hinnehmen mussten, um den angeschlagenen Zulieferer zu stabilisieren. Manchen Kollegen fehle gut ein Fünftel des früheren Lohns.
Wie hoch der Betrag ist, den ZF einspart, würden beide Zulagen gestrichen und in schlechten Jahren keine Erfolgsprämie ausgezahlt, sagen weder Unternehmen noch Betriebsrat. Unternehmenskreise schätzen das Volumen auf einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag.
ZF steckt seit Jahren in der Krise – vor allem die Transformation des Antriebsstrangs macht dem einstigen Getriebespezialisten zu schaffen. Durch die Restrukturierungsaufwendungen hat sich der Nettoverlust des Unternehmens im Jahr 2025 mehr als verdoppelt. Er stieg von 1,059 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf 2,147 Milliarden Euro. Positiv wirkten sich die Sparprogramme auf das operative Geschäft aus. Der bereinigte operative Gewinn (Ebit) stieg 2025 um 19 Prozent auf 1,748 Milliarden Euro, was bei einem Umsatz von 38,8 Milliarden Euro einer Umsatzrendite von 4,5 Prozent entspricht.
Erste Verhandlungen starteten am Montag
Auf der Betriebsversammlung am Dienstag hatte Personalvorständin Corzilius die neue Erfolgsprämie, die die alten Zulagen ablösen soll, erläutern wollen, bevor der Unmut der Werker sie stoppte. „Angesichts der herausfordernden Situation unserer Industrie ist offensichtlich, dass wir die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts verbessern müssen, um Perspektiven für die Zukunft zu schaffen“, sagte ein Sprecher. „Die Gespräche mit dem Standort-Betriebsrat haben auf Initiative des Unternehmens am Montag erstmals zu einem inhaltlichen Dialog geführt.“
Das Management blickt verwundert auf die Auseinandersetzung. „Die Diskrepanz zwischen den Nachrichten aus unserer Industrie und der Diskussion um eine übertarifliche Zulage am Standort ist beachtlich“, sagte ein ZF-Manager. „Wir brauchen diese Maßnahmen für die Zukunftsfähigkeit des Standorts Friedrichshafen. Selbst ohne übertarifliche Zulage am Standort bleibt dieser der teuerste in Deutschland.“ Details zur neuen Erfolgsprämie will das Unternehmen nun erst vorstellen, wenn es ein Verhandlungsergebnis mit dem Betriebsrat gibt.
Das könnte allerdings dauern. Wie Gesamtbetriebsratschef Dietrich erläuterte, habe die Betriebsversammlung die Arbeitnehmervertretung beauftragt, um die tariflichen Sonderzahlungen zu kämpfen. „Wir werden dazu die gesamte Klaviatur des Betriebsverfassungsgesetzes spielen“, sagte der Arbeitnehmervertreter weiter. Schon in den vergangenen Wochen hat der Betriebsrat zustimmungspflichtige Mehrarbeit an Wochenenden abgelehnt. Die Folge: ZF musste in China produzierte Getriebe nach Deutschland einfliegen und Mitarbeiter aus der Verwaltung bitten, in der Produktion am Band auszuhelfen.
