
Drei Jahre will der Hessische Rundfunk sich Zeit nehmen. Drei Jahre, um seine Gründungszeit zu erforschen, aber auch die Frage, ob der Sender von der Enteignung einer jüdischen Loge während der NS-Zeit profitierte. Eine deutlich zu geringe Entschädigung soll der Sender dem jüdischen B’nai-B’rith-Orden in den Fünfzigerjahren für ein Grundstück in bester Frankfurter Innenstadtlage gezahlt haben. Das legen Dokumente nahe, die die Loge 2024 zunächst dem HR-Intendanten Florian Hager präsentierte und nun auch an die Presse weitergegeben hat. Seit über den Fall berichtet wird, steht der Sender unter Druck.
Wie viel Verantwortung trägt der HR heute, mehr als 70 Jahre später? Muss er, wie auch immer, einstehen für das vermutliche Unrecht? Daniel Neumann, der Vorsitzende des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen, beantwortet diese Frage mit einem eindeutigen Ja. Enttäuscht von den zögerlichen und ausweichenden Reaktionen der HR-Führung auf die Fragen zum damaligen Restitutionsfall, hat der Rechtsanwalt sein Amt im Aufsichtsrat der HR-Werbung, einer Tochtergesellschaft des Senders, niedergelegt. Neumann wirft dem Sender moralisches Versagen vor.
Die Loge hat den Fall öffentlich gemacht
Dass der HR den Fall jetzt endlich aufklären will, ist gut. Man darf dabei aber nicht übersehen: Entschieden hat er sich dazu erst nach starkem Druck. Es war der Schritt der Loge, über die im Hintergrund gelaufenen, für sie frustrierenden Gespräche nicht mehr zu schweigen, der den Sender unter Zugzwang setzte. Und die Zeit, die der HR sich für die Klärung des Falles nehmen will, ist eindeutig zu lang. Die Zahl der vorliegenden Dokumente zu dem Fall ist überschaubar. Es braucht keine drei Jahre, sie auszuwerten und zu deuten.
Nun auf Zeit zu spielen, ist respektlos – und auch unklug. Zu groß sind dafür die Vorwürfe: Haben die HR-Gründer gewusst, dass sie von der Enteignung der jüdischen Loge finanziell profitiert haben? Haben sie es bewusst in Kauf genommen? Und wem gehörten die weiteren Grundstücke, die der Sender in den Fünfzigerjahren mit Gewinn an die Stadt Frankfurt verkauft hat? Diese Fragen stehen nun im Raum. Wahrscheinlich wird es nicht möglich sein, sie alle zu klären. Doch der Sender sollte zeigen, dass auch er an umfassender, schneller Aufklärung interessiert ist.
Zahlreiche deutsche Unternehmen haben sich ihrer Vergangenheit gestellt. Sie haben aufarbeiten lassen, wie sie zu Nutznießern des NS-Regimes geworden sind, sie haben erforscht, zu welchen Fehlern es bei den sogenannten Wiedergutmachungen gekommen ist. Viel Schlechtes, viel Erschreckendes hat man dadurch über die Lenker dieser Unternehmen erfahren. Und nicht wenige in den Betrieben hätten das Ganze wohl am liebsten einfach unter den Teppich gekehrt. Doch das ist der falsche Weg. Vor seiner Vergangenheit sollte sich niemand wegducken.
