Es gibt Künstler, die eine ganze Welt malen oder zeichnen. Bei Chodowiecki aber betritt man eine Stadt. Genauer: eine Residenzstadt. Pferdehufe klappern über das Pflaster, Kutschen fahren vorbei, jüngere und ältere Paare, manche höfisch, andere bürgerlich gekleidet, spazieren durch die Grünanlagen. Andere gehen zur Messe, nach Hause oder zur Audienz. Aber man sieht keine Kirchen, Paläste oder Bürgerhäuser, nur das, was drinnen hinter den Fassaden geschieht. Da weist ein Schulmeister seine Schüler zurecht, eine Familie sitzt bei der Handarbeit, ein hagerer Greis macht seiner blutjungen Angebeteten einen Antrag, ein Quacksalber verschreibt betrügerische Arzneien, und Friedrich der Große beugt sich zu seinem Reitergeneral Zieten herab, der als einziger beim Empfang des Königs sitzenbleiben darf.
Denn wir sind in Berlin. Hier hat Daniel Nikolaus Chodowiecki sein gesamtes Erwachsenenleben verbracht; nur zweimal unternahm er eine längere Reise in seine Geburtsstadt Danzig, die damals auf dem absteigenden Ast war, während die preußische Kapitale boomte. Und hier in Berlin gründete er mit knapp dreißig Jahren eine Werkstatt für Kupferstiche, Radierungen und Miniaturporträts, die seinen Namen allmählich in Deutschland bekannt machten, sodass die Käufer nicht mehr einzeln, sondern scharenweise kamen, aus kleinen Bestellungen Großaufträge und aus einzelnen Blättern ganze Serien von Stichen und Zeichnungen wurden. Bei seinem Tod hinterließ er fünf Kinder, ein mehrstöckiges Stadthaus, ein ansehnliches Vermögen und einen Fundus von Motiven, aus dem sich noch Menzel und Fontane bedient haben.

Unter den zahlreichen Ausstellungen, mit denen Chodowieckis dreihundertster Geburtstag in diesem Herbst begangen wird, sind auch zwei in Berlin und Umgebung, eine größere und eine kleinere, was nicht heißt, dass man die eine anschauen und die andere auslassen kann. Denn die Kabinettausstellung des Kupferstichkabinetts in der Berliner Gemäldegalerie bietet eine Auswahl von Chodowieckis Hauptwerken, während im Schloss Neuhardenberg das ganze Panorama des Künstlerlebens ausgebreitet wird, von den frühesten Malversuchen bis zu den späten Stichen über den Triumph der Aufklärung und die Französische Revolution. Man muss beides zusammen betrachten, das Vielerlei und die Kostbarkeiten, dann entsteht ein Gesamtbild, das von seriellem Fleiß ebenso wie von individuellem Genie, von Künstlertum wie Kaufmannsdenken geprägt ist.
Als Chodowiecki 1743 mit siebzehn Jahren nach Berlin zieht, kommt er im richtigen Augenblick. Die Eroberung Schlesiens hat neuen Wohlstand und der ständige Zuzug von Hugenotten, zu denen auch Chodowieckis Vorfahren zählen, handwerkliches Wissen und Gewerbefleiß nach Preußen gebracht. Sein Onkel, der eine Eisenwarenhandlung betreibt, lässt Chodowiecki und seinen Bruder Gottfried zu Miniaturmalern ausbilden und stellt ihnen seine Verkaufsräume als Schaufenster zur Verfügung. Die beiden heiraten in die französische Gemeinde der Hauptstadt ein und bezogen gemeinsam ein Haus, das Daniels großbürgerlicher Ehefrau gehörte. Ihre Werkstatt expandiert, die Auftragsbücher füllen sich, Chodowiecki beginnt als Autodidakt mit Radierungen und Ölmalerei.

Dann geht etwas schief. Nein, nicht der Siebenjährige Krieg mit seiner zweimaligen Besetzung Berlins durch Österreicher und Russen. Sondern ein privates Projekt: Chodowiecki will Hofmaler werden. Aber seinem Monarchen, jenem großen Friedrich, den nur der Tod der Zarin vor der Niederlage bewahrt hat, missfällt Chodowieckis Huldigungsblatt „Der Friede bringt den König wieder“ mit seinem allegorischen Aufmarsch von Göttern und behelmten Helden. Er nimmt den Stich als Geschenk an, kauft aber alle weiteren Abzüge samt Kupferplatte auf und lässt sie vernichten. Es ist das beste, was Chodowiecki passieren konnte: Fortan muss er sich ausschließlich als selbständiger Künstler durchschlagen und ein bürgerliches, groß- und kleinstädtisches Publikum beliefern.

Und Chodowiecki liefert. 1766, drei Jahre nach seinem Flop bei Hofe, malt er den „Abschied des Jean Calas von seiner Familie“, ein Ölbild über einen spektakulären Justizmord in Toulouse, der sogar den greisen Voltaire zu einer Streitschrift inspiriert hat. Als Radierung wird das Gemälde zum Bestseller. Chodowieckis Name wird zum Markenzeichen, man vergleicht ihn mit William Hogarth, der von England aus den Maßstab für satirische und sozialkritische Bildpamphlete gesetzt hat, und stellt seine Kunst in den Dienst der schnell wachsenden Buchproduktion. Er illustriert Basedows „Elementarwerk“, das erste moderne Schulbuch, dazu Lessings „Minna von Barnhelm“, den „Don Quijote“, Goethes „Werther“ und ein Dutzend weiterer populärer Romane. Und er liefert die Bilder zu jenen Jahreskalendern, die seinerzeit die Lieblingslektüre höherer Töchter bilden und für die selbst Schiller geschrieben hat. Chodowieckis Stiche dringen in jede Bibliothek und jeden bürgerlichen Salon vor, sie werden zum Gemeingut wie die Komödien Kotzebues und die Dramen der Weimarer Klassiker.
Dieser Aufstieg ist keine Glückssache. Chodowiecki hat ihn gezielt betrieben und durch Kontakte gefördert, sein Netzwerk reicht von Verlegern wie Friedrich Nicolai und dem Göttinger Philosophen Lichtenberg bis zu Künstlern wie Anton Graff und Adrian Zingg. Dazu kommt sein enormer Arbeitsfleiß: mehr als zweitausend Radierungen, dazu Hunderte Zeichnungen, Gemälde und Miniaturen. Der Ertrag dieser rastlosen Produktion ist beträchtlich: Bis zu fünfzig Taler, heute zehntausend Euro, verdient Chodowieckis mit einer Porträtminiatur und sogar das Zehnfache mit der Bemalung einer jener Schnupftabakdosen, von denen sein König Friedrich nie genug bekommen kann. Seine Stiche, auf denen er den Ruhm des Alten Fritz in populäre Bildformeln verpackt, kosten zwar nur wenige Groschen, dafür verkauft er sie hundertfach. Für Kupferplatten mit Kalenderbildern und Buchillustrationen verlangt er dafür ein Vielfaches, der Schlusspreis liegt bei dreihundert Talern. Chodowiecki hätte sich ein Stadtpalais leisten können wie Friedrichs Bankier Ephraim, doch er zog es vor, seinen Reichtum zu verbergen.

Was sieht man nun auf seinen Blättern? Es ist das Personal und der Wertekanon der europäischen Aufklärung: Adel versus Bürgertum, Vernunft versus Aberglaube, Natur versus Künstelei, Gefühl versus „Affektation“. Die Serien, die in Neuhardenberg in reicher Fülle gezeigt werden, sind ein einziger Siegeszug der Sittlichkeit über das Blendwerk der Höflinge, Wahrsager, Schwarmgeister, Wunderheiler und Cagliostros, deren Zeitalter scheinbar unaufhaltsam zu Ende geht. Dem neuen König Friedrich Wilhelm II., der sich von Spiritisten den Geist seines großen Onkels aus dem Jenseits holen lässt, schickt Chodowiecki eine Abmahnung in Gestalt einer Radierung aus dem „Taschenbuch für Aufklärer und Nichtaufklärer“ von 1790. Ein Jahr später stellt er die Allegorie der „neuen französischen Constitution“ triumphierend vor die Ruine der Bastille. Den Umschlag der Revolution zur Terrorherrschaft hat er noch erlebt, das Kaisertum Napoleons nicht mehr. 1801 stirbt Chodowiecki vierundsiebzigjährig in Berlin.
Dort, im Kabinettsaal der Gemäldegalerie, kann man sehen, was aus ihm auch hätte werden können, wenn er weniger kaufmännisch gedacht hätte: kein deutscher Hogarth, sondern ein preußischer Liotard oder Chardin. Das Rötelbildnis des Schatzkanzler Jariges ist von einer psychologischen Finesse, die den Vergleich mit französischen Vorbildern nicht zu scheuen braucht, und mit dem Profilporträt des Philosophen Moses Mendelssohn hat Chodowiecki eine der Ikonen seiner Epoche geschaffen. „Doch das Publikum wollte, dass ich Kupferstecher sei“, schreibt er in seiner Autobiographie. Und so gab er ihm, was es begehrte.
Die zwölf Leben des Daniel Chodowiecki. Eine Wiederentdeckung zum 300. Geburtstag. Schloss Neuhardenberg, bis 27. Dezember. Der Katalog kostet 19 Euro. Daniel Chodowiecki 1726 – 1801. Berliner Bilder der Aufklärung. Gemäldegalerie am Kulturforum Berlin, bis 10. Januar 2027. Kein Katalog.
