
Die Europäische Union will internationale Bahnreisen fördern – unter anderem mit einem stärker ausgebauten europäischen Hochgeschwindigkeitsnetz. Aktuell jedoch existieren für Reisende zu wenige Anreize, für grenzüberschreitende lange Fahrten den Zug zu nutzen. Darauf weist ein Bündnis aus Verbraucherverbänden und Unternehmen in einem Brief an den neuen Verkehrsminister Steffen Bilger hin, der der F.A.Z. vorliegt. Die Unterzeichner, zu denen unter anderem die Dax-Unternehmen SAP und Merck, der Fahrgastverband Pro Bahn und der Verkehrsclub VCD gehören, plädieren für stärkere Fahrgastrechte sowie ein vereinfachtes Ticketing im internationalen Bahnverkehr.
Bilger sollte sich in den anstehenden Verhandlungen auf europäischer Ebene für einfacher zu buchende Bahnreisen einsetzen, heißt es in dem Brief: „Trotz Fortschritten bei einzelnen Bahnunternehmen ist ohne einen starken rechtlichen Rahmen nicht zu erwarten, dass Reisende in einer Bahnwelt mit mehreren Zugbetreibern ausreichend einfache Ticketbuchungen und starke Fahrgastrechte bekommen.“ Für den Bahnsektor sei ein klarer Rahmen nötig.
Die Verbände verweisen auf eine repräsentative Umfrage unter Bahnfernreisenden im vergangenen Jahr. 61 Prozent gaben darin zu Protokoll, wegen zu komplizierter Buchungen schon mindestens einmal auf grenzüberschreitende Zugreisen verzichtet zu haben. 43 Prozent sagten, sie würden die Bahn häufiger nutzen, wenn der Onlinebuchungsprozess einfacher wäre. Befragt von Yougov im Auftrag des Energie- und Verkehrsdachverbandes Transport & Environment wurden 6198 Bahnkunden mit Fernverkehrserfahrung aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Polen, Rumänien und Spanien.
Reisende verzweifeln an „Flickenteppich“
Der Kauf von Bahntickets sei „oft eine Odyssee“, da viele Betreiber den Verkauf ihrer Tickets über externe Plattformen blockieren und die Angebote der Konkurrenz auf ihren eigenen Websites verbergen würden, so das damalige Fazit von T&E. Der umweltpolitische Interessenverband sprach sich dafür aus, Eisenbahnunternehmen zu einer gemeinsamen Bereitstellung von Fahrkarten zu verpflichten; ebenso müssten etablierte Betreiber die Verbindungen von Wettbewerbern anzeigen. In der Umfrage hatten 46 Prozent angegeben, sie würden gerne all ihre Bahnreisen über eine einzige Plattform buchen. Nur zehn Prozent hielten das System, wonach die Bahnunternehmen selbst entscheiden, wo ihre Fahrkarten verkauft werden, für vorteilhaft. Diese Ergebnisse unterstrichen die dringende Notwendigkeit von Veränderungen, betonte T&E.
Ähnlich argumentieren auch die Unterzeichner des Briefes an Verkehrsminister Bilger. „Ein vereintes Europa ist heute wichtiger denn je – doch bei grenzüberschreitenden Bahnreisen verzweifeln Reisende häufig an einem Flickenteppich von Buchungsplattformen und unklaren Fahrgastrechten.“ Eine der ersten Gelegenheiten für den neuen Ressortchef, Verbesserungen für Bürger zu schaffen, sei das Passagierpaket, das die Europäische Kommission im Mai vorlegte und das nun auf europäischer Ebene verhandelt wird.
Bilger solle darin drei Punkte unterstützen. Dazu gehört, dass Reisende auf möglichst allen Plattformen möglichst alle Angebote finden können und auf möglichst jeder Reise abgesichert sein sollen. Außerdem sollen alle Bahnunternehmen verpflichtet werden, ihre Buchungsdaten verfügbar zu machen. Explizit genannt werden die Deutsche Bahn und ihre sehr häufig genutzte Buchungs- und Fahrkarten-App DB Navigator. Es müsse ein Recht für Fahrgäste geben, im Fall verpasster Anschlüsse einen kostenfreien Anschluss auch bei unterschiedlichen Betreibern zu erhalten, sowie ein Recht auf Unterkunft und Verpflegung, falls das Ziel am selben Tag nicht mehr erreicht werden könne.
Eine Hürde auch für Geschäftsreisende
Wie relevant dieses Thema schon innerhalb Deutschlands ist, zeigt der geplante Einstieg des Bahnanbieters Italo in den deutschen Markt. Von 2028 an wollen die Italiener den ICEs der Deutschen Bahn Konkurrenz machen. Sie sind deswegen höchst interessiert, mit ihren Fernverkehrszügen auch im DB-Universum aufzutauchen. Der deutsche Anbieter Flixtrain, der ebenfalls sein Fernzugangebot hierzulande deutlich ausweiten will, hatte in der Vergangenheit über die ungenügende Präsenz in DB-Angeboten geklagt. Unter anderem bemängelte der Wettbewerber, dass Flixtrain im DB Navigator zwar auftauche, aber nicht gleichberechtigt mit Preisauskunft und Buchungsmöglichkeit angeboten werde.
Der bisherige Zustand stelle Urlaubs- und Geschäftsreisende, junge Leute und ältere Menschen vor große Hürden und erschwere den Umstieg auf die umweltfreundliche Schiene, wird nun im Brief an Bilger kritisiert. Einheitliche Ticketing-Lösungen und klar definierte Fahrgastrechte erleichterten es dagegen international tätigen Unternehmen, Bahnreisen in das Geschäftsreisemanagement zu integrieren. Zugleich müssten grenzüberschreitende Gleise und Bahnverbindungen deutlich und zügig ausgebaut werden. Das Bündnis verweist daneben auf eine nach seinem Verständnis bestehende Lücke im Kommissionsvorschlag, die geschlossen werden müsse. Demnach seien 13 der 30 bei Flügen beliebtesten Routen in Europa nicht sicher von dem Vorschlag erfasst.
„Die Single European Railway Area muss für Reisende bei Ticketing und Fahrgastrechten jetzt Realität werden“, lautet das Fazit des Briefs. Die Bahn könne vom Symbol der Krise zur Chance werden, so das Bündnis, wenn Deutschland und Europa Handlungsfähigkeit zeigten und den Bürgern wie im Fall des Mobilfunkroamings das Leben deutlich erleichterten. Zu den Unterzeichnern des von Germanwatch koordinierten Forderungspapiers gehören auch die Europa-Union Deutschland, Junge Europäische Föderalist:innen Deutschland, djo – Deutsche Jugend in Europa Bundesverband, BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen, BAUM, Ecosia, die GLS Gemeinschaftsbank sowie die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde.
