Am Hafen von Dongying stehen Dutzende haushohe Tankanlagen im ostchinesischen Marschland. Die meisten scheinen erst kürzlich gebaut worden zu sein. Sie sind Teil der strategischen Erdölreserve Chinas, die sich auf weite Teile der Volksrepublik verteilt und immer größer wird. Seit den frühen 2000er-Jahren sorgt Peking auf diese Weise vor. Mittlerweile verpflichten Gesetze zur Vorratshaltung, nicht nur für Gas und Öl, es entstehen auch extrem große Nahrungsmittelreserven.
Zwei Drittel der globalen Maisreserven sollen in China lagern, außerdem rund die Hälfte aller Weizenvorräte und ein Drittel aller Sojabestände. Sie dürften ausreichen, um die Bevölkerung mehr als ein Jahr zu versorgen: bei Notlagen, Krisen wie jetzt im Irankonflikt, bei inneren Problemen – und für den Kriegsfall.
Den Westen, insbesondere Deutschland, trifft Chinas Vorratshaltung besonders bei Seltenen Erden und kritischen Metallen, die für die Produktion von Autos, Militärgütern und anderer Spitzentechnologie benötigt werden.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Viele Staaten haben schon jetzt Schwierigkeiten beim Zugang zu besonderen Rohstoffen. „China nutzt Vorräte nicht nur zur Sicherheit, sondern auch als strategisches Machtinstrument“, heißt es in einer neuen Studie des Institut Montaigne. Über das schiere Volumen können Preisniveaus beeinflusst und Märkte verschoben werden. Der amerikanische Finanzminister Scott Bessent klagt, China habe sich in den letzten fünf Jahren dreimal als „unzuverlässiger globaler Partner“ erwiesen: „während der Covid-Pandemie, als das Land Gesundheitsprodukte hortete, und ein zweites Mal bei den Seltenen Erden“. Jetzt horte China Öl, anstatt den globalen Nachfrageengpass durch Freigabe von Reserven zu lindern.
Der chinesische Weg unterscheidet sich grundlegend von dem westlicher Demokratien. Im Kern verfolgt Peking eine geopolitische Doppelstrategie: eigene Abhängigkeiten reduzieren, globale Abhängigkeiten gezielt erhöhen. Als Folge entstehen getrennt voneinander operierende Technologiesysteme: eines in China, eines in den Vereinigten Staaten. „So etwas haben wir zuletzt im Kalten Krieg gesehen“, sagt ein Kenner in Peking. Deutschland und Europa bringt das in eine Bredouille: Sie wollen sich nicht zwischen Mächten entscheiden, die zusammen auf die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung kommen. Manche deutsche Konzerne setzen in China daher auf radikale Lokalisierung.
Was, wenn die USA deutsche Investitionen in China bestrafen?
Das Unternehmen BASF hat gerade für knapp neun Milliarden Dollar in Südchina einen neuen Standort gebaut. Die Anlage wird von chinesischen Mitarbeitern betrieben und kann ohne Zutun aus Europa funktionieren. Deutsche Spitzentechnik in China – mit umfassenden Einblicksmöglichkeiten für den Parteistaat. Die Investition soll sich in ein bis zwei Jahrzehnten amortisieren, hofft man, trotz bereits bestehender Überkapazitäten. Doch was, wenn die USA eines Tages eine Entscheidung verlangen: Entweder ihr operiert in China oder bei uns? Solche Szenarien deuten strategische Papiere aus Washington bereits an.

In der Nationalen Sicherheitsstrategie der Amerikaner heißt es: „Heute bauen deutsche Chemieunternehmen in China einige der weltweit größten Verarbeitungsanlagen und nutzen dafür russisches Gas, das sie im Inland nicht beziehen können.“ Kunden von BASF in Zhanjiang sind unter anderem chinesische Autohersteller. Indirekt produziert BASF damit auch für Chinas Exporte nach Europa.
China setzt auf eine asymmetrische Verflechtung. Das ist seit Langem kein Geheimnis mehr, sondern ein hochpolitischer Plan. Schon 2020 formulierte Xi Jinping diese Strategie als „duale Zirkulation“. In der Theoriezeitschrift der Kommunistischen Partei, „Qiushi“, forderte der Staats- und Parteichef offen, China müsse „die internationale Führungsposition unserer Vorzeigebranchen festigen und ausbauen“, gleichzeitig „die Abhängigkeit der internationalen Industriekette von China erhöhen und so eine starke Gegenkraft und Abschreckungsfähigkeit gegen künstliche Lieferunterbrechungen durch ausländische Partner aufbauen“.
Fünf Jahre später ist vieles davon genau so gekommen. Chinas Importe sinken, während die Exporte Rekordwerte erreichen. Die Volksrepublik erzielte 2025 einen Handelsüberschuss von einer Billion Euro. Lokalregierungen locken mit Subventionen, günstigem Land und Energie, während die Zentralregierung den Yuan um 15 bis über 30 Prozent für unterbewertet hält. Chinas Technologieunternehmen setzen zunehmend Trends. Das Ausland wird immer abhängiger, mittlerweile bemerkt man das auch in Europa.
Könnte Europa ohne China überhaupt Zahnpasta herstellen?
Der Chef der EU-Handelskammer in Peking, Jens Eskelund, sagt: „Ich glaube nicht, dass irgendjemand wirklich weiß, ob Europa ohne China überhaupt Zahnpasta herstellen könnte.“ Europa kommt immer schwerer an von China kontrollierte Rohstoffe und Vorprodukte. China hat den Einsatz von Exportkontrollen in den letzten fünf Jahren nahezu verdreifacht. Die Abhängigkeit der EU von China sei groß genug, um Europa „beispiellosen Schaden“ zuzufügen. Peking nutzt diese Hebel wieder und wieder für politische Zwecke.

Das war nicht immer so. In den Achtzigerjahren waren die USA und China faktisch Partner gegen die Sowjetunion. Mit dem Ende des Kalten Krieges, dem Golfkrieg und der Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Tiananmen-Platz änderte sich Pekings Sicht: Die USA wurden laut dem früheren Chinaberater im Nationalen Sicherheitsrat der USA, Rush Doshi, fortan als größte Bedrohung wahrgenommen. China reagierte zunächst mit einer zurückhaltenden Strategie: „Verbirg deine Stärke, warte ab.“ Sie zielte darauf, amerikanische Macht indirekt zu schwächen, während China vom globalen System profitierte, insbesondere mit der Aufnahme in die Welthandelsorganisation 2001.
Nach der globalen Finanzkrise 2008 folgte ein Strategiewechsel. Peking begann, aktiver zu werden. Sichtbar wurde das durch Aufrüstung und chinesische Machtprojektion in Asien, wirtschaftlich durch die Neue Seidenstraße. Ziel war nicht mehr nur, die amerikanische Ordnung zu begrenzen, sondern eine eigene Ordnung in Asien aufzubauen.
Seit einem Jahrzehnt propagiert der Machtapparat unter Xi eine historische Phase „großer, seit einem Jahrhundert ungesehener Veränderungen“. Daraus entstand eine globale Strategie: militärisch, wirtschaftlich und technologisch. Ein global fähiges Militär soll Ankerplätze in aller Welt haben und auf Taiwan fokussiert sein. Wirtschaftlich sollen Lieferketten stärker kontrolliert und das Ausland in Abhängigkeit gebracht werden. Technologisch soll China die Führung in Schlüsseltechnologien übernehmen. Damit strebt China nicht nur Wohlstand, sondern vor allem geopolitische Macht an.
In China boomen Branchen, die in Deutschland schrumpfen
Heute richtet sich Chinas Exportoffensive zunehmend auf Hightechindustrien: Autos, Batterien, Maschinenbau, Künstliche Intelligenz, Chemie, Solar- und Windtechnik. Jene Sektoren, in denen Deutschland sechsstellige Arbeitsplatzverluste beklagt.

Getrieben wird diese Entwicklung durch staatliche Industriepolitik und den Einsatz enormer Ressourcen. Diese fließen in klar ausgewählte Bereiche, während drei Viertel der Chinesen weiter kaum dreitausend Euro im Jahr verdienen und daran durch keine Wahl etwas ändern können. Hinzu kommt der erbarmungslose Wettbewerb in China selbst, Skaleneffekte, der Einsatz günstiger Energie und große Ingenieurskapazitäten. So entstanden global wettbewerbsfähige Unternehmen, die hochwertige Produkte billig anbieten.
Dieser Wettbewerb führt zu Innovation, aber auch zu Überkapazitäten und sinkenden Margen. Schätzungen zufolge sind ein Viertel bis ein Drittel chinesischer Firmen nicht profitabel oder machen Verluste. Westliche Firmen konkurrieren damit nicht nur mit einzelnen Unternehmen, sagen manche, sondern mit der chinesischen Staatskasse.
Was nach westlicher Wirtschaftspolitik kaum sinnvoll erscheint, wird vor dem Hintergrund marxistisch-leninistischer Staatsplanung verständlich. Auch unprofitable Firmen erfüllen politische Funktionen. Sie sichern Investitionen, nach denen Provinzbeamte neben ihrer ideologischen Folgsamkeit bewertet werden. Unprofitable Unternehmen schaffen außerdem Nachfrage für Industrieunternehmen, die der Machtapparat gezielt päppelt: Batterien, Halbleiter, Roboteranwendungen. Die Partei bestimmt die Struktur der Wirtschaft. Wer die Produktionsmittel kontrolliert, besitzt den Schlüssel zur Macht. Im neuen Fünfjahresplan heißt es, „Leitgedanke“ für die wirtschaftliche Entwicklung sei der Marxismus-Leninismus. Was im Westen manche als Folklore abtun, hat einen machtpolitischen Kern.
Die Kommunistische Partei sieht westliche Werte als Gefahr
Die Kommunistische Partei sieht sich in einem offenen Kampf gegen westliche Werte und Ordnungsvorstellungen. Unter Xi Jinping wurde 2012 das wegweisende interne „Dokument neun“ verbreitet, in dem der Machtapparat vor der „Gefahr“ westlicher Werte wie Demokratie, Pressefreiheit, Unabhängigkeit der Justiz und „universellen Werten“ wie Menschenrechten warnt. In diesen Fragen befinde man sich in einem „akuten Kampf im ideologischen Bereich“. Bis heute betonen führende Parteikader, der Wettbewerb zwischen Sozialismus und Kapitalismus entscheide über die zukünftige Weltordnung.

Chinas einflussreicher Chef der internationalen Abteilung der KP, Liu Haixing, griff diesen „Kampf“ erst vor ein paar Wochen wieder auf. Auf einer ganzen Seite der „Volkszeitung“ beschrieb Liu die Weltpolitik nicht als einen primär geopolitischen oder wirtschaftlichen Wettbewerb, sondern als eine vor allem ideologische und systemische Auseinandersetzung: „Der Erfolg des Sozialismus mit chinesischer Prägung“ habe den Einfluss und die „Anziehungskraft des Sozialismus in der Welt kontinuierlich gestärkt“, schrieb Liu.
Ketzer könnten diese „Anziehungskraft“ auch in den Worten des VW-Chefs Oliver Blume wiederfinden. Auf dem F.A.Z.-Kongress lobte Blume im März die „Disziplin“ und „Leistungsbereitschaft“ Chinas, das überhaupt „wie ein Unternehmen geführt“ werde. Passend dazu erließ Peking vor wenigen Tagen neue Regeln, die es ausländischen Unternehmen weiter erschweren, ihre Lieferketten aus China wegzuverlagern. Die Verordnung erlaubt es, die Ausreise zu verbieten, wenn Geschäftsleute im Verdacht stehen, Lieferketten umzustellen.
Ganz so, wie es der langfristige strategische Plan zur Sicherung chinesischer Technologie, zur Reduzierung von Risiken und zur einseitigen Entkopplung von westlicher Abhängigkeit vorsieht. Er macht den chinesischen Weg zu einer Einbahnstraße.
