Das System der modernen Sklaverei funktioniert wie geschmiert. Bis dann etwas Schreckliches passiert. Wie jüngst, als vier Migranten in Kalabrien bei lebendigem Leibe in einem Minivan verbrannten.
Der Fall hat sich am 1. Juni nahe der Ortschaft Amendolara zugetragen. Gemäß Aussage des einzigen Überlebenden und nach Auswertung der Aufnahmen von Überwachungskameras kann der vierfache Mord als weitgehend aufgeklärt gelten. Die zwei verhafteten Pakistaner schweigen zwar, aber die Beweise sind erdrückend.
Auf den Aufnahmen sind die beiden Verdächtigen zu erkennen, wie sie an einer Tankstelle Benzin in das Wageninnere schütten, den Kraftstoff entzünden und die Wagentüren des Minivans von außen zuhalten. Bald quillt schwarzer Rauch aus dem Wagen, der erkennbar hin und her schwankt, weil die Passagiere im Fonds offenbar verzweifelt den Flammen zu entkommen versuchen. Wenige Sekunden später fliehen die beiden mutmaßlichen Täter zu Fuß. Der Wagen brennt lichterloh.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Nur ein 35 Jahre alter Afghane kann sich mit Verbrennungen zweiten Grades an Händen und Armen retten. Er entkommt über die Heckklappe, statt wie die anderen vier an den blockierten Türen zu rütteln. Bei den Toten handelt es sich um drei Afghanen zwischen 19 und 28 Jahren und einen 29 Jahre alten Pakistaner.
Die flüchtigen Verdächtigen trugen zum Zeitpunkt ihrer Festnahme wenige Stunden nach der Tat noch die gleiche Kleidung, wie sie auf den Aufnahmen der Tankstellenkamera zu erkennen ist.
Ihren Protest haben sie mit dem Leben bezahlt
Der Tat vorausgegangen ist nach Aussagen des überlebenden Afghanen ein Streit in dem Minivan um vorenthaltene Lohnzahlungen und unmenschliche Lebensbedingungen. Ihren Tageslohn von 45 Euro für acht Stunden Erdbeerpflücken hätten sie seit April nicht erhalten, berichtet der Zeuge den Ermittlern. Stattdessen seien sie mit unzureichenden Nahrungsrationen abgespeist und in ihrer Unterkunft zu zehnt in einen Raum gepfercht worden. Ihren Protest haben vier der fünf Erntehelfer mit dem Leben bezahlt.
Meist wird das Unrecht auf Italiens Gemüsefeldern und Kartoffeläckern, in Obst- und Olivenhainen, in Zitrusplantagen und Weinbergen in aller Stille begangen und erlitten. Das System stottert nur kurz, wenn Menschen schlimm zu Schaden oder gar ums Leben kommen. Dann gibt es einen Aufschrei des nationalen Entsetzens. Auch einen Schock der Trauer. Und danach geschieht: nichts.
So zum Beispiel nach dem Verkehrsunfall vom Nachmittag des 6. August 2018 auf der Staatsstraße 16 zwischen Foggia und Apricena. Auf der Heimfahrt nach einem langen Arbeitstag auf den Tomatenfeldern Apuliens war ein Kleinbus mit 14 Insassen auf die Gegenfahrbahn geraten und ungebremst auf einen Lastwagen geprallt. Der Fahrer des Sattelschleppers konnte die Kollision nicht verhindern. Die Straße ist schmal und auf beiden Seiten von Betonbarrieren begrenzt.
In dem Kleinbus mit bulgarischem Kennzeichen starben zwölf Erntehelfer im Alter zwischen 21 und 41 Jahren. Sie stammten aus sechs afrikanischen Staaten, von Marokko über Mali bis Nigeria. Bei dem gleichfalls getöteten Fahrer des Kleinbusses handelte es sich um den „Caporale“, den Mittelsmann zwischen Agrarunternehmen und Erntehelfern, der die Landarbeiter frühmorgens aus ihren Barackenlagern holte und am Nachmittag wieder dorthin zurückfuhr. Warum er die Kontrolle über das Fahrzeug verloren hatte, konnte nicht ermittelt werden.
Die Leichname der Unfallopfer wurden zur Bestattung in deren Heimatländer übergeführt. Gewerkschaften, Kirchen und Organisationen der Zivilgesellschaft kamen für die Kosten auf. Den Platz der Toten, die keine Spur in Italien hinterließen, nahmen andere Erntehelfer ein. Zu den gleichen Bedingungen.
Den abgetrennten Arm legte er in eine Obstkiste
Auch nach dem vermeidbaren Tod von Satnam Singh bei der Melonenernte ging bald alles so weiter wie ehedem. Der 31 Jahre alte Sikh aus dem nordwestindischen Bundesstaat Punjab war am 19. Juni 2024 nahe Latina in der Hauptstadtregion Latium mit dem rechten Arm und mit beiden Beinen in eine Landmaschine zur Verlegung von Plastikfolien über die ausgedehnten Felder geraten.
Der Besitzer des Agrarbetriebs ließ den Schwerverletzten zu dessen Unterkunft bringen, statt den Notarzt zu rufen. Den abgetrennten Arm legte er in eine Obstkiste neben den Verletzten. Arbeitskollegen schlugen schließlich Alarm. Mit dem Rettungshubschrauber wurde Satnam Singh ins Krankenhaus geflogen. Dort starb er zwei Tage später. Der Blutverlust war zu groß gewesen.
Singh hätte gerettet werden können, wenn er nicht erst nach anderthalb Stunden notfallmedizinisch versorgt worden wäre. Seine sterblichen Überreste kehrten in den Punjab zurück. Auch Singhs ehemalige Verlobte blieb nicht länger in Italien. Im Strafverfahren gegen den Agrarunternehmer wegen Totschlags ist bis heute kein Urteil ergangen. Gegen ihn war schon zuvor wegen des Verdachts der Ausbeutung von Erntearbeitern mit abgelaufenem Aufenthaltstitel ermittelt worden, ohne dass Sanktionen verhängt worden wären.
Schließlich der jüngste Fall vom 1. Juni dieses Jahres, als die vier Erntehelfer im Minivan verbrannten. Diesmal ist das Entsetzen besonders groß. Der Polizeichef der Provinzhauptstadt Cosenza sagt nach dem Mord, er habe „in 34 Dienstjahren noch nie so etwas Grausames erlebt“.

Ministerpräsidentin Giorgia Meloni zeigt sich „zutiefst erschüttert über den entsetzlichen Mord an den vier Landarbeitern in Kalabrien“, dankt den Ermittlern für deren raschen Fahndungserfolg und verlangt eine vollständige Aufklärung der Tat. „Italien wird angesichts von Gewalt und Barbarei nicht zurückweichen“, versichert die Regierungschefin, die seit Oktober 2022 in Rom eine Mitte-rechts-Koalition führt.
Die sozialdemokratische Oppositionsführerin Elly Schlein und der Chef der linken Gewerkschaft CGIL, Maurizio Landini, führen fünf Tage nach der Tat eine Demonstration mit einigen Hundert Teilnehmern in Amendolara an. Sie fordern eine „moralische und soziale Wende“ und einen entschlossenen Kampf gegen das „Caporalato“.
So heißt in Italien die faktische Versklavung von Erntehelfern aus fernen Ländern, die von Landwirtschaftsbetrieben und Lohndrückern doppelt ausgebeutet werden. Schlein und Landini wollen, dass Agrarunternehmen beschlagnahmt werden können, wenn der begründete Verdacht ausbeuterischer Praktiken besteht.
Wird sich diesmal also etwas ändern? Es mangelt nicht an Gesetzen. Schon 2016 hatte die sozialdemokratische Regierung unter Matteo Renzi ein Gesetz zur Abschaffung der Praxis des „Caporalato“ erlassen. Die Ausbeutung von Schwarzarbeitern kann seither mit Gefängnis von bis zu acht Jahren bestraft werden.
Zu viele profitieren vom System
Zu Verfahren und Verurteilungen kommt es allerdings fast nie. Es fehlt an Kontrollen auf den Feldern. Mächtige Agrarunternehmen, auch die Lebensmittelindustrie sowie Supermarktketten – und letztlich die Verbraucher – profitieren vom bestehenden System, das moderate Preise für landwirtschaftliche Produkte garantiert.
Wie funktioniert das System? Die „Caporali“ sind Arbeitsvermittler, die frühmorgens in den Baracken- und Hüttensiedlungen der Migranten Tagelöhner für die Erntearbeit anheuern und abholen. Für den Transport in Kleinbussen berechnen sie 3,50 bis 5 Euro. Das Fahrtgeld ziehen sie den Erntearbeitern vom Lohn ab. Den Lohn händigen die Agrarbetriebe nicht direkt den Tagelöhnern aus, sondern den Vermittlern.
Auf den Tomatenfeldern in Apulien und anderen Regionen im Süden Italiens wird nicht nach Stunden bezahlt, sondern nach Kisten. Die Tomaten werden in große Transportkisten gefüllt, die rund 300 Kilogramm fassen. Pro gefüllter Transportkiste werden zwischen drei und 3,50 Euro bezahlt.
Ein kräftiger und im Tomatenpflücken geübter Erntehelfer schafft es an einem zwölfstündigen Arbeitstag, sechs bis sieben Kisten zu füllen. Für das Ernten von rund zwei Tonnen Tomaten erhält er zwischen 20 und 25 Euro Lohn. Davon gehen dann die Kosten für Fahrt, Unterkunft und Verpflegung ab.
Der Tariflohn für Landarbeiter liegt dagegen zwischen acht und zehn Euro die Stunde. Wer zwölf Stunden schuftet, müsste, einschließlich Überstundenzuschlag, auf 100 bis 130 Euro Tageslohn kommen.
Der Gewerkschaftsbund CGIL schätzt, dass in Italiens Landwirtschaftsbetrieben bis zu einer Million Erntehelfer tätig sind. Gut 230.000 von ihnen ohne ordentlichen Arbeitsvertrag. Sie sind der Ausbeutung durch kriminelle Arbeitsvermittler vollkommen ausgeliefert. Das gibt es in ganz Italien. Im Süden des Landes, in Kalabrien und Apulien, in Kampanien und Latium, in der Basilikata und auf Sizilien sind die Verhältnisse aber schlimmer als etwa in der Lombardei, in Venetien und der Emilia-Romagna im Norden.
Opfer werden nicht nur Erntehelfer, die illegal über das Mittelmeer oder die Balkanroute nach Italien gekommen sind, sondern auch jene, die mit befristetem Aufenthaltstitel von Agenturen für Leiharbeit ins Land geholt wurden und sich für ihre Reise hoch verschuldet haben.
Im Trend liegt der Vertrieb von gepanschtem Olivenöl
Von der Lohndrückerei profitieren neben den Agrarunternehmern vor allem die Vermittler, die bis zu 500 Euro pro Tag verdienen. Wie im Falle der vier ermordeten Erdbeerpflücker in Kalabrien stammen die „Caporali“ inzwischen meist aus den gleichen Ländern und Weltgegenden wie die Tagelöhner selbst. Von der neuen pakistanischen Mafia in Kalabrien heißt es, sie gehe mit äußerster Brutalität gegen aufmüpfige Erntehelfer vor. Und sie kooperiert mit der ortsansässigen Agrarmafia. Die hat seit je ihre Finger in dem Geschäft.
Im kriminellen Trend liegt auch seit einigen Jahren der Vertrieb von gepanschtem und falsch deklariertem Olivenöl. Außerdem sorgt die alteingesessene Mafia dafür, dass immer neue Migranten in die Migrantensiedlungen Süditaliens kommen und als Tagelöhner auf den Feldern landen. Und schließlich gewährleistet sie, dass örtliche Behördenvertreter bei der Überprüfung der Arbeitsverträge und der Arbeitsbedingungen in den Agrarbetrieben ein Auge zudrücken – im Gegenzug für allerlei Gefälligkeiten.
Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen beziffern den Umsatz des Systems des „Caporalato“ auf rund fünf Milliarden Euro jährlich. Dem Staat entgehen dabei durch hinterzogene Steuern und nicht bezahlte Sozialabgaben jedes Jahr fast zwei Milliarden Euro. Das kriminelle Geschäft mit der faktischen Sklavenarbeit auf Italiens Feldern wird seit Jahr und Tag beklagt, besonders viel und laut nach Vorfällen wie jenen vom 1. Juni in Kalabrien. Aber dann geht das Geschäft weiter. In aller Stille.
