Im Spätsommer 1776 müssen die Freunde und Kollegen Jakob Mauvillon und Christian Wilhelm Dohm – Professoren für Staatswirtschaft am Collegium Carolinum in Kassel, beide dem Epochenprojekt der Aufklärung verpflichtet – aufgeregte Gespräche geführt haben. Dem charakterlichen Naturell nach dürfte Dohm das Wort geführt haben. Mauvillon wird sich, in seiner eher phlegmatischen Art, auf spitze, aber geistreiche Kommentare beschränkt haben. Beide politischen Theoretiker waren sich über die unerhörte Reichweite der Ereignisse, die sie zu besprechen hatten, zwar im Klaren. Aber man war sich über deren Deutung uneins: Es ging um die unsicheren Nachrichten zur Erklärung der Unabhängigkeit der britischen Kolonien von ihrem Mutterland, die Dohm begrüßte, Mauvillon dagegen für einen politischen Fehler hielt.
Die Informationslage war prekär. Im späten Juli und August 1776 machten Gerüchte aus Nordamerika in ganz Europa die Runde. An die Informationsbörsen Paris, Den Haag und London, aber auch nach Hamburg, Berlin und sogar Göttingen und Kassel drangen Nachrichten durch, dass die dreizehn Kolonien in Übersee sich zu den Vereinigten Staaten von Amerika verbunden sowie ihre Unabhängigkeit von Großbritannien erklärt hatten.
Lichtenberg und Wieland sahen den Umsturz mit Unruhe
Der Zusammenschluss zu einem neuen, souveränen Staat schien die Prinzipien der Aufklärung umsetzen zu wollen, weil man sich nicht nur von der Monarchie als Regierungsform verabschiedete, sondern als Rechts- und Verfassungsstaat konstituieren wollte, der den Grundsätzen der Volkssouveränität und der Gewaltenteilung Rechnung zu tragen beabsichtigte. Nicht wenige der europäischen Beobachter, die sich diesen bislang nur in der politischen Philosophie ausgeführten Prinzipien verpflichtet sahen, verfolgten die Nachrichten, die schwer zu erhalten waren, mit atemloser Spannung, schien doch plötzlich in unerwarteter Weise ein Grundanliegen der Aufklärung, ein Wandel der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung durch Vernunft, in die Tat umgesetzt zu werden.
Dabei war es nicht so, dass die Repräsentanten der europäischen, zumal der deutschsprachigen Aufklärung die Vorgänge in den sich formierenden Vereinigten Staaten ausschließlich positiv aufnahmen. In Göttingen murmelte Georg Christoph Lichtenberg in seine „Sudelbücher“, dass die ungebildeten Bauern in den Kolonien gar nicht wüssten, was sie an ihrem englischen, auch über Göttingen herrschenden Monarchen Georg III. hätten, der die fortschrittlichste Verfassung der Welt repräsentierte. Christoph Martin Wieland wütete gegen die Prinzipien der Volkssouveränität, die nur zu einer Anarchie des Pöbels führen könnten.

Ihnen gegenüber standen flammende Befürworter der amerikanischen Revolution, so etwa der Radikalaufklärer Johann Christian Schmohl, der in einem brillanten Essay das Recht der Siedler auf Widerstand gegen die übergriffige britische Monarchie unter Verweis auf die englische Verfassung propagierte. Selbst Immanuel Kant, hinsichtlich der öffentlichen Verlautbarungen seiner politischen Überzeugungen zurückhaltend, verteidigte in privaten Gesprächen das Anliegen, vor allem aber das rechtsstaatliche Ziel der Siedler mit Nachdruck. Der daraufhin ergangenen Duellforderung eines britischen Staatsbürgers, der sich in Königsberg aufhielt, begegnete er mit gelassener Zurückweisung; seiner Überzeugung nicht allein der Legitimität des Widerstands der nordamerikanischen Siedler, sondern auch der Bedeutung der Einrichtung eines Rechts- und Verfassungsstaates ist er treu geblieben.
Durchsetzung der Grundsätze Rousseaus
Mauvillon war offenkundig verärgert, weil er den Vorstoß der nordamerikanischen Siedler für wenig erfolgversprechend hielt und daher den auch von ihm durchaus erkannten Versuch, die Prinzipien der Aufklärung in die Tat umzusetzen, für beschädigt ansah. Er plädierte für einen Weg der allmählichen Reformen, um die erhebliche Widerstandskraft des monarchischen Systems nicht heraufzubeschwören. Der etwas jüngere Dohm hingegen witterte einen Systemwechsel, der nicht allein in Übersee, sondern auch in Europa die Prinzipien der politischen Aufklärung in die Wirklichkeit umsetzten könnte: Es ging um die Durchsetzung der von Jean-Jacques Rousseau eingeforderten Volkssouveränität, also die Abschaffung des monarchischen Prinzips; um die Ausarbeitung und Verkündung eines allgemeinen, gleichen und freien Rechts, also die Abschaffung der Ständegesellschaft; um eine Verfassung, ein Gesetz der Gesetze, das die Vielfalt positiver Gesetzesregelungen in einen naturrechtlichen Rahmen einspannte; und um die Einführung einer demokratischen Regierungsform, also die Abschaffung der Willkür des Absolutismus. Der Reformer Mauvillon war ängstlich, der Revolutionär Dohm war hingerissen.
Dohm, der in seiner Göttinger Studienzeit mit Lichtenberg Umgang gepflegt hatte, war 1776 gerade erst als Professor für Finanzwissenschaft nach Kassel berufen worden, mit 24 Jahren. Im September begann er damit, systematisch Informationen über die Vorgänge in Übersee zu sammeln. Sein Ziel war es, die „neuesten politischen Gerüchte“ zu bündeln und dem deutschsprachigen Publikum zur Beurteilung zu übergeben. Nachweisbar sind öffentliche Kontroversen mit dem Göttinger Großordinarius August Ludwig von Schlözer, der den Aufstand der Siedler in den britischen Kolonien mithilfe internationaler Wissenschaftler der Untunlichkeit bezichtigte. Dohm wagte sich wie sein Freund Mauvillon in diesen Debatten aus der Deckung – mit sozioökonomischen ebenso wie mit politischen Argumenten. Er traute sich in diesen Diskussionen als kleiner Professor an einer Kasseler Hochschule gegen den international renommierten Kollegen in Göttingen – immerhin eine der bedeutendsten Universitäten der Zeit – eine Menge zu. Dohm war davon überzeugt, dass er die Gegenwart und die Zukunft auf seiner Seite hatte.

Der rastlose Dohm plante im Herbst 1776 nicht nur eigene essayistische Publikationen, sondern auch die Übersetzung eines Textes, der die politischen Entwicklungen in den englischen Kolonien maßgeblich befördert hatte: Thomas Paines „Common Sense“. Paines Flugschrift, ein Zentraltext der politischen Aufklärung, lieferte die rhetorischen Mittel für den Bruch mit der alten Welt. Er arbeitete mit einer geschickten Trias an Argumenten: Religiös entlarvte er die Monarchie als gottwidrig; ökonomisch rechnete er die Vorteile eines souveränen Verfassungsstaates vor; militärisch schürte er die Zuversicht auf einen Sieg gegen die britische Krone. Paines Kernaussage – „The cause of America is in a great measure the cause of all mankind“ – traf den Nerv der Zeit. Es war genau diese universale Deutung, die Dohm nicht nur teilte, sondern als Übersetzer für den deutschen Sprachraum fruchtbar machen wollte. Seine Fassung des Satzes lautete: „Die Sache von Amerika ist in einem wichtigen Betracht die Sache der ganzen Menschheit.“
Dohms Arbeitsexemplar kam aus London
Wie genau die Informationswege verliefen, ist unbekannt. Sicher ist, dass Dohm schon im November 1776 eine englischsprachige Fassung von „Common Sense“ zu Verfügung hatte, die aus London stammte, zwar Lücken aufwies, aber von ihm umgehend übersetzt wurde. Er publizierte diese Übersetzung im April 1777 – allerdings eher versteckt in einer fünfhundertseitigen Arbeit zur staatsökonomischen Statistik, weil er als Untertan des Landgrafen von Hessen-Kassel mit Zensurmaßnahmen rechnen musste. Landgraf Friedrich II. hatte sich im Januar 1776 in Subsidienverträgen verpflichtet, der britischen Krone Soldaten zum Einsatz in Nordamerika zur Verfügung zu stellen. Dohm flankierte die Übersetzung mit einer Reihe von Essays, in denen er aus „Common Sense“ zitierte. Im Januar 1777 äußerte er eine euphorische Gewissheit: „Das größte politische Ereignis des siebenten Dezenniums unseres Jahrhunderts (und vielleicht bei der Nachwelt des ganzen Säkulums) ist ohne Zweifel der noch immer fortdauernde Prozess zwischen Mutter und Tochter, Großbritannien und seinen Kolonien; dessen Entscheidung vielleicht für einen großen Teil der Menschheit äußerst wichtig sein kann.“
Dohm – und darin stimmte er mit Paine überein – sah die grundstürzenden Änderung der politischen Ordnung als unaufhaltsam an: „Eine interessante Abänderung des jetzigen politischen Systems scheint fast eine unvermeidliche Folge, deren Nähe oder Ferne von den verschiedenen Modifikationen des Ausgangs dieser großen Gegebenheit abhängt.“ Für Dohm lag revolutionäre Stimmung in der Luft, ein Vibe-Shift, wie manche Leute heute sagen würden, und das nicht nur in Übersee, sondern auch in Europa.
Der Kasseler Staatsökonom hat sich in seiner Einschätzung der politischen Lage Europas getäuscht. Erst zwölf Jahre später wurde in Frankreich der Versuch unternommen, die rechts- und verfassungsstaatlichen Prinzipien der Aufklärung institutionell zu verankern. Und es blieb dem zwanzigsten Jahrhundert vorbehalten, die bereits 1783 in den Vereinigten Staaten etablierte politische Ordnung auch in Europa nachhaltiger durchzusetzen.
Ohne jeden Zweifel haben auch die Vereinigten Staaten bis ins zwanzigste Jahrhundert gebraucht, um ihre rechts- und verfassungsstaatlichen Prinzipien tatsächlich umzusetzen: Die Rechte der Frau, die Abschaffung der Sklaverei, der Schutz von Minderheiten mussten erst durch Ergänzungen und Änderungen der Verfassung politisch realisiert werden. Der Verfassungsrahmen aber bot und bietet die Möglichkeit zu dieser immanenten Verbesserung. In Zeiten, in denen diese Normen in Frage gestellt werden, mag es helfen, sich an die Formen und Gründe ihrer Einführung zu erinnern. Paine und Dohm ging es um die Abschaffung der Willkürherrschaft in Staat und Gesellschaft. Dass sie, einmal abgeschafft, nicht wiederkehren könne, hat keiner von beiden behauptet.
Von Kai Sina und Gideon Stiening ist kürzlich bei Wallstein das Buch „Eine Sache der ganzen Menschheit“ erschienen, eine kommentierte Edition von Dohms Paine-Übersetzung „Der gesunde Menschenverstand“ und Dohms Aufsatz „Einige der neuesten politischen Gerüchte“ aus dem „Teutschen Merkur“ vom Januar 1777.
