Wir müssen um Entschuldigung bitten. Als wir zu Beginn des Sommers auf dieser Seite die Frage gestellt haben, ob das Lied „Gut genug“ schon der Sommerhit 2026 sei, kamen wir zu dem Fazit, dass das durchaus möglich sei – falls das Produzentenduo Kitschkrieg die Rapperin Shirin David durch einen Künstler ersetzt, „der auch rappen kann“.
In der vergangenen Woche hat Kitschkrieg tatsächlich eine neue Version des Lieds veröffentlicht, statt Shirin David rappt jetzt der Brite Skepta. Und, was soll man sagen? Diese Version ist wesentlich schlechter. Skepta wird gern als „Grime-Legende“ vorgestellt, so nennt man den britischen Musikstil, der Rap mit elektronischer Clubmusik verbindet. Das klingt erst einmal nach einer Idealbesetzung für dieses Lied und das „Kitschkrieg Zwei“-Album, auf dem die Verbindung zwischen Rap und Elektro oft in Perfektion gelingt.
Reime auf Kindergartenniveau
Was macht die „Grime-Legende“ aber nun auf der neuen Version von „Gut genug“? Skepta reimt „to be“ auf „to me“, und „high“ auf „fly“, „cry“ und „die“. Das ist in etwa, als würde man im Deutschen „Haus“ auf „Maus“ und „raus“ reimen, frühes Kindergartenniveau also. Inhaltlich besteht der drucklos vorgetragene Text aus einer Aneinanderreihung von Kalendersprüchen, viel liebloser geht es kaum, die Pointe lautet: „Just remember you’re one of a kind“. Wow!
Und so erwischen wir uns jetzt dabei, wie wir uns ärgern, wenn wir im Streamingdienst aus Versehen die Version mit Skepta erwischen – hau ab, du „Grime-Legende“, wir wollen Shirin hören! Sommerhit ist das Lied sowieso schon lange. Wenn wir in ein paar Jahren an den Sommer 2026 zurückdenken, werden wir unsere Kinder vor Augen sehen, die auf dem Weg zum Kindergarten „Du bist gut genug“ sangen.
Die Zeile ist auch im „Jugendwort des Jahres“-Rennen, „Tagesschau“-Sprecherin Susanne Daubner hat sie persönlich vorgesungen. Und eine Kollegin hat uns diese Nachricht aus dem Sommerurlaub geschrieben: „Wenn du Tausende Kilometer fliegst und dann eine kanadische Schulklasse im Nationalpark ‚Du bist gut genug‘ singt“. Dann ist das Rennen um den Sommerhit entschieden, auch wenn der WM-Song „Dai Dai“ von Shakira und Burna Boy länger an der deutschen Chartspitze stand und am Donnerstag offiziell zum Sommerhit 2026 gekürt wurde. Aber diese WM wollen wir doch alle schnell vergessen.
Zuhören wird belohnt
Abgesehen von alldem ist es natürlich ein absurder Vorgang, eine Musikerin auf einem Lied auszutauschen, in dem sie von ihren Selbstzweifeln rappt und (sich selbst) die Botschaft vermitteln will: „Du bist genug“. Spätestens als die Königin des Mobbings, Heidi Klum, auf Instagram das Lied mit den Worten kommentierte „I only like his part“, hätte Kitschkrieg die Idee zu dem internationalen Remix beerdigen sollen, um nicht all den Trollen Futter zu geben, die jetzt schreiben: „Shirin war wohl doch nicht gut genug.“ Die Produzenten wollten sich aber lieber ihren Feature-Traum erfüllen, Stichwort „Grime-Legende“.
Zum Glück können wir einfach weiter die Version mit David hören. Zugegeben, etwas Mühe müssen wir uns schon noch geben, um ihren Part nicht wegzuskippen. Aber wir haben gelernt, dass die Mühe belohnt wird: So schwer David am Anfang auf den Beat findet, so perfekt trifft sie ihn in der letzten Zeile. Und wenn dann der Chorus einsetzt, gibt es sowieso nur noch ein Gefühl: was für ein herrlicher Sommer!
