Der hundertste Geburtstag des 1925 im texanischen Port Arthur geborenen und 2008 auf Captiva Island in Florida verstorbenen amerikanischen Malers Robert Rauschenberg wurde als globale Erinnerungstournee inszeniert. Nach dem Auftakt in München folgten Ausstellungen in Köln, New York, Houston, Madrid und Hongkong. Jede Schau hatte einen eigenen thematischen Schwerpunkt. Als letzte europäische Station ist nun das Kunstmetropölchen Krems an der Donau zum Zug gekommen. Die dortige Kunsthalle zeigt den Klassiker des 20. Jahrhunderts als erste Retrospektive Rauschenbergs in Österreich überhaupt.
Drei Jahre Überzeugungsarbeit habe ihn die Schau gekostet, sagt der Leiter der Kunsthalle, Florian Steininger. Er hat die mit rund 60 Gemälden, Grafiken, Skulpturen und Videos bestückte Ausstellung auch kuratiert. Zusammengetragen wurden die Exponate überwiegend aus Privatsammlungen in Deutschland, Frankreich und Dänemark. Die Galerie Ropac war am Zustandekommen beteiligt, ebenso die Rauschenberg Foundation mit Sitz in Manhattan.

In den grauweißen Hallen der ehemaligen Tabakfabrik machen Bilder aus den Fünfzigern den Auftakt. Rauschenberg war neu im Geschäft – seine erste Galerieausstellung fand 1951 in New York statt. 1953 fiel er mit „Erased de Kooning Drawing“ auf, einer ausradierten Zeichnung, die ihm Willem de Kooning geschenkt hatte und die sein Lebensgefährte Jasper Johns mit einem goldenen Rahmen versah. Damit markierte er einerseits seine Abgrenzung vom abstrakten Expressionismus, andererseits seine von Schwitters herkommende, dadaistisch grundierte Brückenfunktion zu den Künstlern der Pop-Art.
Mit den „transfer drawings“ entwickelt er eine Methode, die ähnlich einem Rubbel-Tattoo mittels Abrieb Bilder schuf: Zeitungsausschnitte werden auf verschiedene Untergründe mit Wasser oder Chemikalien übertragen und wahlweise mit einer Kugelschreibermine oder einem Pinsel bearbeitet. Die „combines“ genannten Bilder integrieren Pappe und Metall in die Bildfläche, erweitern das Bild in den Raum hinein. Getreu Rauschenbergs Motto: „Für ein Gemälde sind ein Paar Socken ebenso tauglich wie Holz, Nägel, Terpentin, Öl und Stoff.“

Rauschenberg experimentiert mit allen Ausdrucksformen, die ihm über den Weg laufen. Tellerränder akzeptiert er nicht. Er ist verbunden mit dem Komponisten John Cage, ist Mitglied in der Company des Choreographen Merce Cunningham. Er tritt live auf, kümmert sich um Licht und Bühnenbild. Mehrere Videos von Produktionen sind zu sehen, an denen Rauschenberg beteiligt war, darunter „Pelican“ (1963) – der Künstler auf Rollschuhen, auf dem Kopf einen überdimensionalen Sonnenschirm, kreiselt durch das ehemalige CBS-Studio. Ein anderer Mitschnitt dokumentiert ein Tennismatch zwischen der Profispielerin Mimi Kanarek und Frank Stella in der Armory Hall, bei dem die Rackets, versehen mit einem Sender, bei jedem Schlag ein lautes „Bong“ über Lautsprecher in die Halle senden, gleichzeitig verlischt mit jedem Ton eine der das Spielfeld ausleuchtenden Lampen – bis die Halle in völliger Dunkelheit liegt.
Rauschenberg ist technikaffin, die Bildmaschine „Revolver III“ von 1967 illustriert diese Begeisterung: Siebdrucke auf rotierende Acrylglasscheiben werden mittels Elektromotoren bewegt, sodass permanent neue Bilder entstehen. Begleitet wird das von einem verstörend lauten Jaulen, das irgendwo zwischen Staubsauger und Kreissäge liegt. In fotochemisch belichteten Siebdrucken zeigt Rauschenberg seine Erkundung der amerikanischen Alltagskultur und der sie überformenden Mythologie vom auserwählten Land – mit der er als schwuler Mann seine Probleme hatte. Immer wieder taucht die Freiheitsstatue auf, der Weißkopfseeadler, da ist mehr Politik im Hintergrund als bei den Objekten der Konsumwelt, welche die Pop-Artisten zu Kunst veredeln.

Der internationale Durchbruch kommt 1964 mit dem Bild „Tree Frog“, für welches ihm die Biennale in Venedig den ersten Preis verleiht. Die Auszeichnung ist umstritten – zementiert sie die amerikanische Hegemonie im Kunstbetrieb, oder bestätigt sie einen verdienten Machtwechsel, mit dem sich endlich die US-Avantgarde durchsetzt? Rauschenberg selbst sah den Siegeszug der Pop-Art dann offenkundig mit Skepsis, denn er zerstörte nach der Biennale 150 Siebe, um nicht in Versuchung zu kommen, die gleiche Kunst wieder und wieder zu machen.
Auf Captiva Island in Florida schafft er sich eine neue Heimat. Filme, die ihn bei der Arbeit zeigen, vermitteln den Eindruck blütenweißer Reinsträume, als handele es sich bei dem Atelier eher um ein Labor der Gegenwartserkundung (inklusive dauernd laufenden Fernsehers). Rauschenberg flattert als gut gelaunter Kunstimpresario durch die Räume, um mal hier, mal dort weiterzuarbeiten.

Denn unermüdlich weiterarbeiten, das tut Rauschenberg, bis ihn 2002 ein Schlaganfall zur Aufgabe zwingt. Im April wurde bekannt, dass das 22 Hektar große Ateliergelände, das nach seinem Tod für Residenzprogramme genutzt wurde, von der Stiftung für 45 Millionen Dollar an eine Hotelkette verkauft wurde – wegen zu hoher Unterhaltskosten, steigenden Meeresspiegels und Hurrikangefahr.
In den Achtzigerjahren widmet sich Rauschenberg als engagierter Bürgerrechtler und Umweltschützer seinem humanistischen Baby ROCI (Rauschenberg Overseas Culture Interchange). Er konzipiert nach Reisen, die er fotografisch dokumentiert, auf die besuchten Länder zugeschnittene Ausstellungen mit neuen angefertigten Exponaten. Zum Zug kommen Mexiko, Venezuela, Kuba, Japan, Malaysia, Chile, Tibet, China, Japan, die Sowjetunion, Deutschland und die USA. In Chile verwendet er als Malgrund beispielsweise bevorzugt Kupfer, weil er bei seiner Erkundung die örtlichen Minen besucht hat. Für Mexiko verarbeitet er auf zwei mal drei Meter großer Leinwand Siebdrucke auf Mehlsäcken – „Wall Pond“ stammt aus der Sammlung des unlängst verstorbenen Georg Baselitz. Die ROCI-Ausstellungen verzeichnen zwei Millionen Besucher; besonderes Aufsehen erregt die Schau in Moskau anno 1989, die dank Glasnost möglich wurde.
Fundstücke vom Straßenrand, von Tankstellen oder Schrottplätzen inspirieren ihn zu Skulpturen, die an jene von John Chamberlain und Frank Stella erinnern. Sie zeigen ein Amerika, das gar nicht glänzt, und offenbaren einen politischen Blick, der diese Prozesse kontinuierlich transzendiert. Im Spätwerk folgen nach den Metallarbeiten der Serie „Borealis“ die Licht- und Reflexionserkundungen der Serie „Night Shade“, schließlich Collagen der Werkgruppe „Waterworks“ und „Anagram“ – erstmals mit digitalen Bildern. Wie ein Fisch Wasser durch die Kiemen filtert, lässt Robert Rauschenberg die Welt, wie er sie wahrnimmt, zu Kunst gerinnen. Und wie immer der Prozess verlaufen mag, er wird sich selbst immer einen Maler nennen.
Robert Rauschenberg. Image and Gesture. Kunsthalle Krems, bis 1.11. Der Katalog (Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König) kostet 29,90 Euro.
