Er selbst hat sein Leben einmal in sechsundzwanzig Zeilen erzählt, gereimt natürlich und so, dass jede neue Zeile mit dem nächsten Buchstaben im Alphabet beginnt. Zu seinem hundertsten Geburtstag haben die Autorinnen Paula Peretti und Dorthe Voss dem Dichter, Kinder- und Jugendbuchautor James Krüss eine Biographie für junge Leser gewidmet – mit mehr als hundert Seiten.

So sehr Kürze auch geboten war: James Krüss selbst spart in „Mein Lebens-Abc“ nicht aus, dass er, keine zwanzig Jahre alt, die Ausbildung zum Lehrer unterbrechen musste, um für „noch ein Jahr ins Kriegesheer“ zu gehen. Den Erlebnissen im und nach dem Zweiten Weltkrieg, dem Aufwachsen im Nationalsozialismus, der besonderen Situation seiner Heimatinsel Helgoland, die erst lange nach Kriegsende zur Wiederbesiedelung freigegeben wurde, gebührt bei einer kindgerechten Schilderung besondere Aufmerksamkeit: Es zu übergehen oder herunterzuspielen, wäre ebenso falsch wie die Betonung, das übergroße Gewicht in der Darstellung eines ganzen Lebens.
Freundlich und zurückhaltend
Ein erstes Mal kommen Paula Peretti und Dorthe Voss ganz beiläufig darauf zu sprechen: In einer der vielen in eine blau umrandete Wolke geschriebenen Randbemerkungen erwähnen sie das in den Kindheitstagen des Dichters beliebte Tauschen von Zigarettenbildchen, auf denen zum Beispiel „Sportler, Tänzerinnen oder NS-Funktionäre“ zu sehen waren. Die Reihung vermittelt einen Eindruck, wie die Ideologie und ihre Vertreter zu etwas ebenso Alltäglichem wie Besonderem gemacht worden sind. Im Folgenden widmen die Autorinnen der deutschen Geschichte von 1871 bis 1949 drei ganze, farbig abgesetzte Seiten. Und wenn sie festhalten, dass der junge James „wie viele andere 17- und 18-Jährige, die den Parolen Hitlers zu der Zeit noch glaubten“, der NSDAP beigetreten war, zeigen sie zugleich, aus welcher Erfahrung sich später die Freiheitsliebe und der antiautoritäre Eigensinn vieler seiner Figuren nährt.

Gekonnt verknüpfen Peretti und Voss Selbstzeugnisse und Werkzitate mit kleinen Szenen aus der Kindheit auf Helgoland, den ersten Jahren als Schriftsteller in München und der folgenden Zeit, die James Krüss hauptsächlich auf Gran Canaria verbrachte. Auch hier geht das Konzept auf, den Haupttext schlank zu halten, indem Erklärungen und Ergänzungen ausgegliedert werden. Die freundlichen, zurückhaltenden Illustrationen von Maja Bohn werden interessant ergänzt um Buchumschläge der Fünfziger- und Sechzigerjahre.
Ordnung und Disziplin waren nichts für ihn
Dass Krüss, nachdem er 1960 ein erstes Mal mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet worden war, minutenlang in der „Tagesschau“ vorgelesen hat, mag auch Kenner seines Werks überraschen. Den jungen Lesern dieser Biographie vermittelt sich das Bild eines klugen Kindskopfes, der am Spiel mit der Sprache, am Erzählen von Geschichten, auch an der Funktion des Erzählens von Geschichten zeitlebens sein ansteckendes Vergnügen hatte, eines Schriftstellers, der seinem kindlichen Publikum auch aus der Ferne verbunden geblieben ist und dafür sorgte, dass alle ihre Briefe persönlich beantwortet wurden.
Angesichts der Erwartungen von Ordnung und Disziplin hatte sich Krüss in jungen Jahren vom Lehrerberuf verabschiedet und für eine andere Form der Vermittlung entschieden. Er sitze „noch immer, so wie damals, überm Papier, versuchend, unsere Kinder in bösen Zeiten Freundliches zu lehren“, schrieb er 1982, fünfzehn Jahre vor seinem Tod. Besser sind die Zeiten kaum geworden. Die Freundlichkeit seiner Bücher bleibt ein Glück.
Paula Peretti, Dorthe Voss: „James Krüss – Ein Leben zwischen Inselwind und Wörtermeer“. Illustriert von Maja Bohn. Atrium Verlag, Zürich 2026. 144 S., geb., 16,– €. Ab 8 J.
