
Zumindest einen Erfolg kann Leo XIV. schon jetzt niemand mehr nehmen: Dieses Mal ist kein Karl Marx schneller gewesen als der Papst. Leo XIV. hat nicht abgewartet, in welche Richtung sich der Einsatz Künstlicher Intelligenz in den kommenden Jahren weiterentwickelt. Seine erste Enzyklika lässt sich daher auch als Ergebnis einer Lernkurve beschreiben: Niemand sollte der katholischen Kirche vorwerfen können, sie habe auf einen epochalen sozialen und gesellschaftlichen Umbruch auf höchster Ebene zu spät reagiert. Wieder einmal.
So wie sein Vorgänger und Vorbild Leo XIII. Der Mitbegründer der modernen katholischen Soziallehre hatte sich 1891 als erster Papst in einer Enzyklika zu den Folgen der Industrialisierung geäußert, zu einem Zeitpunkt allerdings, als das massenhafte Elend der Arbeiter seit Jahrzehnten zum Himmel schrie. Und als seit 43 Jahren jenes „Gespenst“ des Kommunismus in Europa umging, das Karl Marx und Friedrich Engels 1848 mit ihrem „Kommunistischen Manifest“ in die Welt gesetzt hatten. Die Masse der Arbeiter erreichte die Kirche nicht mehr. So gesehen hat Leo das richtige Thema zum richtigen Zeitpunkt gewählt.
Künstlichen Glauben gibt es (noch) nicht
Aber man muss nicht evangelisch sein, um dennoch skeptisch zu sein: Bedarf es heute noch eines Papstes, um 1,4 Milliarden Katholiken und „alle Menschen guten Willens“, an die sich die Enzyklika ausdrücklich auch richtet, mit einem Schreiben in Romanlänge eine Binsenweisheit einzutrichtern: dass mit KI Risiken und Chancen verbunden sind? Jeder, der moralisch nicht völlig abgestumpft ist, dürfte dem Papst zustimmen, dass nicht einige Techkonzerne den Informationsfluss steuern dürfen und kein Algorithmus so viel Macht bekommen darf, etwa darüber zu entscheiden, wer ein Spenderherz bekommen soll.
All dies ist jedoch nicht neu. Es wurde an anderer Stelle von Wissenschaftlern und Politikern schon geäußert. Keine Antwort gibt die Enzyklika auch auf die Frage, wie die „Menschen guten Willens“ außerhalb der katholischen Kirche erreicht werden sollen. Letztlich gründet das Schreiben in dem Glauben, dass alle Menschen Abbild Gottes sind und Jesus Christus Gottes Sohn ist. Das ist für viele Nichtchristen eine hohe Hürde – und einen künstlichen Glauben gibt es (noch) nicht.
Der Papst macht den Unterschied
Aber die enorme Resonanz auf die Enzyklika mit dem Titel „Magnifica Humanitas“ (Großartige Menschheit) innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche zeigt auch dies: Der Papst macht eben doch den Unterschied. Es mag nicht neu und nicht originell sein, was Leo XIV. sagt, aber er verleiht der Aussage durch die Aura seines Amtes und seine moralische Autorität ein anderes Gewicht.
Viele sehen den Papst in der Rolle desjenigen, der den übermächtigen Techkonzernen Paroli bietet, denen sich die Politik schwertut Grenzen zu setzen. Selbst jene Katholiken, die sich im Schlafzimmer detaillierte Vorschriften eines Papstes nicht gefallen lassen wollen, zeigen sich erfreut, wenn ein Papst Altersbeschränkungen für soziale Medien empfiehlt. Das können auch Skeptiker nicht ignorieren.
Die Enzyklika ist zugleich ein gutes Beispiel dafür, dass KI in die Irre führen kann. Leo XIV. hat keineswegs zehn Gebote für den Umgang mit KI verfasst, wie es oft dargestellt wurde. Seine Enzyklika ist vielmehr eine Aktualisierung der gesamten katholischen Soziallehre für das KI-Zeitalter. Es geht um deren zentrale Begriffe, etwa „soziale Gerechtigkeit“, und das, was sie heute bedeuten. Das ist aus deutscher Sicht besonders interessant. Die katholische Soziallehre hat die Soziale Marktwirtschaft in der Bundesrepublik in den Fünfziger- und Sechzigerjahren entscheidend mitgeprägt.
Liest man die Enzyklika aus diesem Blickwinkel, fällt eines auf: Geht es in den heutigen sozialpolitischen Debatten meist um Nichtarbeit, um Rente, Krankschreibung und Arbeitslose, so ist in der Enzyklika ungewohnt oft von der Arbeit und ihrem Wert und ihrer Würde die Rede. Die Zeit, in der die katholische Soziallehre Deutschland prägte, ist vorbei. Aber die Frage, ob die Kirche und ihre Verbände in den sozialpolitischen Debatten nicht zu laut das Lied der Gewerkschaften singen, ist sehr aktuell.
Schließlich hat die KI in der Enzyklika noch eine Nebenwirkung, die ihr sonst in der Regel nicht zugeschrieben wird: Sie wirkt beruhigend, jedenfalls intern. Sie vertieft nicht die innerkirchlichen Gräben, wenn man von einigen katholischen Hardlinern in den Vereinigten Staaten absieht. Diese Enzyklika konnte fast jeder loben, ob er nun für die Priesterweihe der Frau oder Segnungen für homosexuelle Paare eintritt oder dagegen. Die KI hätte dem Papst kein besseres Thema empfehlen können. Aber die narkotisierende Wirkung ist nicht von Dauer. Denn das wird auch die KI nie werden: ein Blitzableiter.
