
Wenn das Wasser sich zurückzieht, gibt es düstere Geheimnisse preis. Man kennt das aus unzähligen Thrillern. Fingerglieder, die im Schlick eines Nebenarms der Themse gefunden werden, oder Tatwaffen, die an beschaulichen Ufern einen weiteren deutschen Regionalkrimi in Gang setzen, verbinden die Untaten der Vergangenheit mit blutigen Mordserien in der Gegenwart wackerer Detektive.
Und nun? Werden die munter ausgedachten düsteren Geheimnisse der Vergangenheit von der Wirklichkeit um Längen geschlagen. In jeder Hinsicht. Der Klimawandel und das Niedrigwasser der Gewässer machen es möglich. Wo die Wasserpegel Tag für Tag zurückgehen, hat man es nicht nur mit dem Gestank von Schlick und Brackwasser zu tun. Auch vieles von dem, was zutage tritt, stinkt zum Himmel. Vor allem die Umweltsünden vieler Jahrzehnte, die sich in den deprimierend breit gewordenen Flussbetten wiederfinden lassen.
Autoreifen, Kanister, Karosserieteile, Fahrräder aus beinahe jeder Epoche, seit der Mensch sich modern fortbewegt, tauchen auf. Plastikbehälter, in denen wer weiß welche Flüssigkeiten schwimmen, Müllsäcke mit Bauschutt, die allenfalls in den vergangenen Monaten illegal entsorgt worden sein müssen, belegen menschliche Verhaltensweisen. Manches ist nur dumm – anderes ist kriminell. Aber noch nicht die Sorte Verbrechen, die sich als Thriller richtig gut verkauft. Man sollte ein paar Kubikmeter dieser Schande zusammentragen, an Rhein, Main oder Donau und diese Bilder um die Welt gehen lassen.
Relikte von Dummheit, Krieg und Umweltkriminalität
So richtig Furore im Netz aber machen eher jene Fundstücke, die weit zurück in die Geschichte tragen. Mammutknochen sind in den vergangenen Wochen aufgetaucht, Münzen und Tonstücke. Ein Fest für Hobbyarchäologen, die im Grunde nur mit auf den Grund geheftetem Blick losziehen müssen. Wer seit Jahren davon geträumt hat, mal einen Urlaub als Mudlarker, also als Schlammsucher, an der Londoner Themse zu verbringen, um römische Tonscherben oder gar ein Goldstück zu finden, kann jetzt am Rhein sein Glück versuchen.
So harmlos wie ein Stück Porzellanteller aus dem 18. Jahrhundert oder das vermeintliche Skelett, eine Halloween-Deko, das in der Kinzig aufgetaucht ist, sind die Funde aber nicht immer. Es ist vielmehr eine ganze Menge düsterer Weltgeschichte, die von der Dürre preisgegeben wird. Vor allem Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg legen die sick zurückziehenden Wasser frei. Noch ist hierzulande kein Fund aufgetaucht wie in Budapest das Wehrmachtsmotorrad, das im Donauschlamm mehr als 80 Jahre konserviert war – mit den Gebeinen zweier noch nicht identifizierter Soldaten darunter.
Aber schon eine qualmende Phosphorbombe, wie sie ein nächtlicher Spaziergänger bei Trebur gefunden hat, zeigt, wie nah uns der Zweite Weltkrieg derzeit kommt. Die Fundstücke erzählen auch von dem, was 1945 geschah. Mittlerweile warnt der hessische Kampfmittelräumdienst davor, die Weltkriegsmunition, die an den freigelegten Ufern auftaucht, zu berühren. Nicht alles zeugt von Bombardierungen und Fliegerabwehr, nach dem Krieg hat man viel Munition einfach in den Flüssen entsorgt. Auch ein Krimi – und Fingerzeig in die Gegenwart.
