
An der Erinnerungskultur lässt sich gut studieren, wie ein Konsens über die Grundlagen deutscher Politik verschwunden ist. Der Bruch in der Leitkultur, denn nichts anderes ist die Erinnerungskultur, äußert sich in frivoler Verharmlosung: Die „Nazis“ und „Faschisten“ werden frivol für beliebige Zwecke eingesetzt, Stalin und die DDR-Hymne als nette Folklore unters Volk gebracht.
Dass es zum Mauerbau vor 65 Jahren keine ernst zu nehmende Wortmeldung aus der Linkspartei oder der AfD gibt, ist Ausdruck dieser neuen deutschen Unkultur, die nicht aus der Geschichte gelernt hat. In Berlin steht eine Wahl bevor, aus der eine Partei als Siegerin hervorgehen kann, die das Erbe der DDR mit Kapitalismuskritik, Meinungsunterdrückung, Antisemitismus und Revolutionsträumen angetreten hat. In Sachsen-Anhalt ist nach der Wahl die Alleinregierung einer Partei möglich, die Menschen nach Identitäten einteilt und den aus ihrer Sicht minderwertigen Teil loswerden möchte.
Der Irrtum moralischer Überhöhung
Mit Erinnerung lässt sich einer solchen Haltung durchaus entgegenwirken. Es ist allerdings ein Irrtum zu glauben, die moralische Überhöhung des „Nie wieder“ sei ein Mittel, eine wehrhafte Demokratie zu kultivieren. Die lebt von Integration, nicht vom Zeigefinger, von Schulmeisterei und Ausgrenzung. Dass es nach so vielen Gedenktagen, so vielen Mahnungen, so vielen Einschärfungen wieder so viele Linksextremisten, so viele Rechtsextremisten in Deutschland gibt, liegt auch daran, dass die Überzeugungskraft allzu dick aufgetragener Weisheiten nachgelassen hat.
Gerade das Mauergedenken müsste die Einsicht fördern, dass ein Denken in ideologischen Schutzwällen nicht weiterhilft. Die Linkspartei hat das Privileg, dass eine breite linke politische Kultur Westdeutschlands ihr den Weg bis in die Regierungsverantwortung geebnet hat. Diese Integrationsleistung, in deren Genuss vor der Linkspartei auch die Grünen gekommen waren, ist bislang auf der rechten Seite nicht möglich gewesen. Diese Mauer, ganz ohne Beton und Stacheldraht, droht das Land wieder zu teilen.
