Ankunft in Halle an der Saale. Vor dem Bahnhof reihen sich die Taxis aneinander. Ein bulliger Mann fällt ins Auge, Zigarre schlotend, im Ablagefach Flyer der AfD. Auf der Schnellstraße in die Stadt folgt ein Plakat auf das nächste: AfD-Kandidat Martin Sehrndt blickt großväterlich von blauem Grund. Am Campus Kunst der Burg Giebichenstein liegt erneut ein Plakat des Abgeordneten – niedergerissen auf dem Boden. Ein Vorgeschmack? Ich fahre weiter zum Hauptgebäude der Kunsthochschule. In den dunkel getäfelten Hallen einer ehemaligen Bankiersvilla treffe ich Rektorin Bettina Erzgräber und Kanzler Stefan Danz.

Hier blickt man beunruhigt auf das Wahlergebnis. „Wenn in bestimmte Kunstformen, Inhalte oder Motive eingegriffen wird, wenn zum Beispiel Abstraktion zum Feindbild werden könnte – dann ist die Kunstfreiheit in Gefahr“, sagt Bettina Erzgräber mit Blick auf die Kulturpolitik der AfD. Auch der hochschulpolitische Kurs der Partei wird skeptisch gesehen, etwa die geplante Abschaffung des Studierendenrats und die Aufhebung der Bologna-Reform.
Man habe sich vorbereitet und in der Grundordnung festgeschrieben, dass die Studierendenschaft verfasst sei. Das Bachelor-Master-System sei zwar verbesserungsbedürftig. Es gewährleiste jedoch die Anschlussfähigkeit innerhalb Europas. Stefan Danz befürchtet „Wettbewerbsnachteile gegenüber anderen Kunsthochschulen“. Aktuell seien die Bewerberzahlen stabil – aber man wisse nicht, wie viele Studenten unter den neuen politischen Bedingungen noch kämen.
Hochschulstandorte in Gefahr?
Auch der Rektor der Universität Magdeburg, Jens Strackeljan, gibt sich am Telefon wehrhaft. „Ich habe als Beamter einerseits einen Eid auf die Verfassung Sachsen-Anhalts abgelegt und bin dem Land andererseits als Dienstherr verpflichtet. Aber wir werden uns sicher nicht wegducken, sondern unsere Rechte verteidigen“, sagt er. Das Bafög, das die AfD ebenfalls abschaffen wolle, falle etwa nicht in die Länderhoheit, man könne es einfach weiter beantragen. „Aber natürlich kann man überall Sand ins Getriebe streuen, wenn man das will.“ Besonders sorgt sich Strackeljan um die Schwächung seines Standorts. Magdeburg sei eine Hochburg für internationale Studenten, die noch an „Made in Germany“ glauben. Das Ansehen der Stadt sei nach der Wahl jedoch geschädigt, und viele internationale Studenten seien verunsichert.

Die Rektorin der Universität Halle, Claudia Becker, macht sich ebenfalls Sorgen um die Attraktivität der Universität: „Es wird eine virtuelle Mauer um das Land aufgebaut. Die, die hier studiert und einen Abschluss haben, kommen nicht mehr raus, und andere wollen sicherlich nicht mehr reinkommen“, sagt sie mir in ihrem Büro über dem Universitätsplatz. Mehr Grundmittel – eine Forderung im AfD-Wahlprogramm – wären begrüßenswert, allerdings ohne inhaltlich ausgerichtete Bedingungen. Mit Blick auf die von der AfD geforderte Abschaffung der Gender- und postkolonialen Forschung sagt die Rektorin: „Es ist inkonsistent, einerseits bestimmte Forschung als ideologisch zu benennen, aber andererseits Forschung zu fordern, die man als ideologisch ansehen kann.“ Wie an der Kunsthochschule Halle ist der Studierendenrat neuerdings im Hochschulgesetz verankert. Das gehöre zur Demokratie.
Am Nachmittag treffe ich einen Vertreter des Studierendenrats. Musa Yilmaz promoviert an der juristischen Fakultät und ist derzeit Sprecher für Soziales. Ein ruhiger, freundlicher, kluger Typ. Er würde am liebsten im Staatsdienst arbeiten. Im hochschulpolitischen Kontext habe die AfD bislang nicht Fuß gefasst, erzählt er uns. Nun arbeite man daran, den Studierendenrat robuster aufzustellen. Ein schon im April von der AfD-Fraktion eingebrachter Antrag, den Rat abzuschaffen, habe alle schockiert. Die verfasste Studierendenschaft biete Sozial- und Rechtsberatung an und präge mit kulturellen und sozialen Angeboten das studentische Leben, sagt Yilmaz.

Reaktionen aus Hörsaal und Campus
Am Abend haben sich trotz der Semesterferien einige Grüppchen auf dem Universitätsplatz versammelt. Drei junge Frauen blocken sofort ab, als ich sie anspreche. „Nee, sorry“, flötet eine andere Studentin und tuschelt mit ihrem Begleiter. Auf den Stufen vor der Bibliothek sitzt eine Dreiergruppe, leere Rotkäppchenflaschen stehen herum. Katerstimmung? Absolut. „Frustrierend von vorn bis hinten“, nennt eine Studentin das Wahlergebnis. Sie sorgt sich um den Studierendenrat, das Bafög und die Wissenschaftsfreiheit. Die von der AfD angeforderte Liste von Forschern aus dem Bereich der postkolonialen Forschung habe ihr Angst gemacht.
Unter einer Platane treffe ich wenig später auf Studenten aus den Naturwissenschaften. Leere Pizzakartons liegen herum, man trinkt Somersby. Die Universität, das sei noch eine „Bubble“, ein „gallisches Dorf“. AfD-Anhänger gebe es hier kaum. Trotzdem sorgt man sich um den Hochschulstandort. Internationale Studenten hätten schon nach einer Einschätzung der Lage gefragt. Ob jemand über einen Wechsel nachdenke? „Wir halten die Stellung“, heißt es übereinstimmend. Man wolle sich politisch engagieren, aktiver werden.
AfD-Studenten bleiben unsichtbar
Ich möchte auch mit Studenten sprechen, die die AfD gewählt haben. Zwei Kneipen werden mir empfohlen. Dort könne ich vielleicht fündig werden. In der ersten allerdings: Fehlanzeige. Fußball läuft, am Tresen stehen einige Männer mit verlebten Trinkergesichtern. Also auf in die zweite Kneipe. Die liegt in einer der Ausgehmeilen der Stadt. Ich schieße ein Bild der gesamten Straße, niemand der vor den Pubs und Bars versammelten jungen Leute ist darauf wirklich zu erkennen. Trotzdem wird eine Gruppe auf mich aufmerksam. „Lösch das Foto!“, grölt einer. „Hey, Bildrechte!“, ein anderer. Ich komme kurzentschlossen an ihren Tisch.

Ob sie studierten und die AfD gewählt hätten, frage ich. Die Männer begegnen mir sichtbar misstrauisch. Dass viele von ihnen AfD gewählt hätten, sagen sie unumwunden. Studenten sind sie aber nicht, und reden will zunächst nur ein kräftiger junger Mann mit blondem Haarschopf. Er macht eine Ausbildung bei der Bundeswehr und erzählt mir stracks, warum er seine Stimme Ulrich Siegmund gegeben hat: zu hohe Steuern, zu viele gebrochene Versprechen der anderen Parteien.
Ein zweiter setzt sich zu mir: Kappe, darunter krauses Haar. Auch er Erstwähler, Azubi im Handwerk. Treuherzig betont er, sich politisch zu informieren, Bücher und Nachrichten zu lesen. „Die Tankpreise, das geht nicht“, legt er los. Merz habe ja keine Ahnung, breche alle Versprechen und nenne die Sachsen-Anhalter dann Wutbürger. Die Migration hätte er nicht eingedämmt. Und Siegmund? „Der labert nicht, der schafft was.“ Neulich habe er ihn zufällig bei „Burger King“ getroffen. Ganz zugänglich sei der gewesen. Der junge Mann will wieder stolz auf sein Land sein dürfen, auf Bismarck und Adenauer. Auf den Nationalsozialismus aber nicht.
Studenten, die ihr Kreuz bei den Blauen gemacht haben, treffe ich an diesem Abend nicht. Auch Hans-Thomas Tillschneider, den kulturpolitischen Sprecher der AfD Sachsen-Anhalt, hätte ich gern persönlich zum hochschulpolitischen Programm seiner Partei befragt. Er meldete sich im Vorfeld kurz zurück – und dann gar nicht mehr.
Reale Probleme, rechte Antworten
Am nächsten Morgen sitze ich im Büro von Peer Pasternack. Er ist Direktor des Instituts für Hochschulforschung, das seinen Sitz in Wittenberg hat. In der Hochschulpolitik könne die Partei, sagt er, an die Bewirtschaftung von Realproblemen anschließen. Das Bachelor-Master-System etwa sei „eklatant verschult“. Die Rückkehr zum Magister freilich wäre die falsche Antwort, dafür brauche es „Chaosqualifikation“. Auch bei der Gruppenuniversität könne die AfD an einen tatsächlichen Missstand anknüpfen, diese funktioniere häufig als „Blockadekartell“.
Was nun die von der AfD geforderte Abschaffung von Gender- und postkolonialen Studien anbelange, sei zunächst festzuhalten: Wenn sich solche Forschungsansätze als Orthodoxie festgesetzt hätten, würden Abweichungen in alle Richtungen – ob reaktionär, konservativ oder progressiv – weggebissen. „Zugleich steht fest, dass sich die Fragen dieser Forschungsrichtungen nicht von der Hand weisen lassen. Ihre Ablehnung ist politisch motiviert.“
Pasternack wirft den Hochschulen vor, so zu tun als seien sie „planetarisch bedeutsam“. Sie kümmerten sich auch zu wenig um ihre Region. Umgekehrt greife die politische Administration kaum auf die Forschung vor Ort zurück. Die von der AfD geforderte Professur für Bevölkerungsforschung sieht Pasternack als Beispiel dafür, dass es die Universität Halle der Partei recht leicht gemacht habe. Dass es dort keine Professur für Demographie-Forschung gebe, sei ein gravierender Mangel, den die Universität seit drei Jahrzehnten sehenden Auges in Kauf genommen habe. Seit 1992 wisse man, dass Sachsen-Anhalt von einem eklatanten demographischen Wandel betroffen sei. Doch auch das Land habe das Wissen der Expertenplattform für Demographie, die Pasternack jahrelang betreute, nicht abgerufen. Ernüchtert resümiert der Institutsdirektor: „Das Leben liefert der AfD ihre Punkte auf dem Silbertablett – sie muss daraus nur noch ein zugespitztes politisches Menü anrichten.“
