
Was macht ein Schiedsrichter in der Halbzeitpause? Wo war Slavko Vinčić am Mittwoch zwischen 21.48 und 22.03 Uhr? Auf dem Weg nach Damaskus? Oder in seiner Kabine in der Arena von Fröttmaning? Ist der Heilige Ananias Mitglied beim FC Bayern München e.V.? Ostern ist vorbei. Sie, liebe Leserinnen und Leser, erwarten klare Antworten.
Diese Kolumne muss sie enttäuschen. Wir haben keine. Wir erbitten sachdienliche Hinweise. Der theologische Videobeweis ist bis über beide Ohren mit Donald J. Christ, pardon, Trump beschäftigt. Fest steht: In irgendeinem Herrgottswinkel des farbwandelbaren Stadions am Autobahnkreuz München-Nord fand in der Halbzeitpause des Champions-League-Halbfinales eine Wandlung statt, die sich 40 Minuten später manifestieren sollte: Gelb wurde zu Rot, Eduardo Camavinga musste gehen, der FC Bayern München durfte siegen. Ein Wunder?
Vielleicht löst der Bericht der Münchner „tz“ vom Donnerstag den Fall. Der Reporter begleitete einen szenekundigen Staatsanwalt bei der Arbeit im Stadion: „Wenn er kommt, muss es oft schnell gehen“, heißt es da, der Mann habe Zutritt zu „geheimen Türen und Fahrstühlen“. Schlimmer Verdacht: Wurden Slavko Vinčić in der Pause Arrestzellen im Stadionbauch gezeigt?
Auf Pfiff konvertiert
Fest steht: Die Vertreter des institutionalisierten Unfehlbarkeitsanspruchs, die unterhaltsamen, weil mitteilungsfreudigen Meinungsführeraccounts der FC-Bayern-Fanszene also, beklagten in der ersten Halbzeit noch mit alttestamentarischer Überzeugung die Spielleitung. Jeder Pfiff gegen ihren Verein erschien als Menetekel.
Als sie mitansehen mussten, wie Manuel Neuer bei Arda Gülers Freistoß samt Ball ins Tor plumpste, öffneten sich die Schleusen, spätestens jetzt war ihnen klar, dass ihre Mannschaft von höheren Mächten am Halbfinaleinzug gehindert werden sollte. Schuld war nicht der aus geriatrischer Perspektive interessante Auftritt des Torhüters, Schuld war der Schiedsrichter. Kein Foul, kein Pfiff, kein Neuerfehler. Aber: je schlichter das Glaubensbild, umso leichter die Reformation.
