Autobiographien von Geisteswissenschaftlern sind selten. Die Gründe mögen vielfältig sein, vielleicht haben sie aber auch zu tun mit einer gewissen Skepsis gegenüber dem agierenden Subjekt und seinem Verhältnis zum Gegenstand. Umso größere Aufmerksamkeit kommt daher dem Buch „Sepp. Leben auf Halbdistanz“ auf sich, das Hans Ulrich Gumbrecht in diesem Frühjahr bei Suhrkamp veröffentlicht hat. Und solche Aufmerksamkeit war und ist ihm dabei sicher, erkennbar an einer Reihe von prominenten, umgehend erschienenen Rezensionen. Zu diesen gesellen sich großformatige Interviews, die der Verfasser in der „Welt“ und in der „Neuen Zürcher Zeitung“ gegeben hat. Dort hat der Autor sein Anliegen nochmals zugespitzt.
Hier allerdings hält man verblüfft inne. In der „Welt“ wird das „etwas absurde Kompositum der Geisteswissenschaften“ ganz offen kritisiert, ihr „Angeben mit großen Wissensbeständen“ – verbunden mit der Hoffnung, dass das alles endlich verschwinden möge, zugunsten von wenigen „Superstars“. Nonchalant fügt der Befragte hinzu, dass dies auch sein struktureller Ratschlag an den Präsidenten der Universität Stanford gewesen sei.
Die Glücksfallgeschichte einer Karriere
Man reibt sich erstaunt die Augen, stammt die Erklärung doch von jemandem, der als Geisteswissenschaftler an einer bedeutenden Universität Karriere gemacht hat, wenn auch, wie er gleich zu Beginn seines Buches gestehen muss, als ein Literaturwissenschaftler, der nie gerne gelesen habe.. Ein Autor, der, wie er gleichfalls zu Beginn des Buches festhält, „im letzten Lebensabschnitt“ steht, erklärt, dass dann wohl auch jene Wissenschaft, der er doch wenigstens sein berufliches Leben zu verdanken hat, ebenfalls ihrem Ende entgegeneilen müsse. Diese Engführung von Innerem und Äußerem wirkt befremdlich.
Und sie verlängert sich in biographische Details. Für den Autor war gewiss die Prägung durch Hans Robert Jauß zentral, den Konstanzer Romanisten und Protagonisten der Rezeptionsästhetik, doch dessen erst spät bekannt gewordene NS-Vergangenheit entlockt ihm nicht mehr als ein Achselzucken, da Jauß, so Gumbrechts Bekenntnis in der „Welt“, „karrieretechnisch“ ein Glücksfall für ihn gewesen sei. Ich erinnere mich gut an ein Gespräch mit dem Musikwissenschaftler und Komponisten Peter Cahn in jenen Tagen, als die nationalsozialistische Geschichte des vormaligen SS-Hauptsturmführers Jauß erstmals öffentlich thematisiert wurde – und an den nüchternen Kommentar Cahns, der sechs Jahre jünger war als Jauß, dass ihn dies nicht verwundere.

Biographische Ambivalenzen sind gewiss nicht vermeidbar, auch nicht in Fragen von persönlichen Prägungen, Laufbahnen und beruflichen Konstellationen. Aber sie sollten nicht, jedenfalls nicht in gravierenden Fällen (zu denen bei Gumbrecht auch Karlheinz Barck zählt, Romanist an der Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften), im Gestus eines So-war-es-nun-einmal beiseitegeschoben werden. Schon bei Wilhelm Dilthey kann man lernen, dass ein ewiges Problem der Geisteswissenschaften darin besteht, eine erkennbare, oder besser: definierbare Grenze zwischen dem handelnden Subjekt und seinem Gegenstand, seinem wissenschaftlichen Gegenüber zu ziehen. Nur weil dies schwierig ist, ist es nicht völlig unmöglich. Und es sollte jedenfalls nicht zum Gegenteil führen, also dazu, Biographie und Gegenstand unlösbar miteinander zu verschmelzen. Denn sonst entsteht jene Vermischung von Wissenschaft und Weltanschauung, die Gumbrecht in seinen Interviews mit nachvollziehbarer Entschiedenheit kritisiert.
Trügerischer Zugzwang der Zahlen
Die Definition eines Gegenübers, eines Objekts war und bleibt zweifellos eine Herausforderung in den Geisteswissenschaften. Schon Emil Staiger beharrte 1963 auf der Verflechtung von Kommentar und Interpretation, weil eine Deutung nur dann stichhaltig (und mitteilbar) ist, wenn sie auf der Grundlage eines klar herbeigeführten Wissens beruht. An diesem Problem hat sich auch zwei Generationen später nichts geändert. Die existenzielle Beunruhigung, die von einem Gemälde Leonardos, einem Drama Molières, einem Streichquartett Mozarts oder einem Gedicht Bachmanns ausgehen kann, ist nicht beiläufig und nicht beliebig. Die Tatsache, dass die Studentenzahlen der Geisteswissenschaften rapide sinken, macht diese Wissenschaften nicht obsolet, und die Reduktion auf Tagespolitik oder „Superstars“ ist keine Rettung, sondern eine Flucht ins Diffuse, Ungenaue und Vorübergehende.

Die Dinge haben sich im ersten Viertel des einundzwanzigsten Jahrhunderts gravierend verändert, aus sehr verschiedenen Ursachen. Unsere instabilen, beunruhigenden Zeitläufte sollten nicht zu einer voreiligen Preisgabe der Geisteswissenschaften führen. Im Gegenteil, die wenigstens idealtypische Trennung von Subjekt und Objekt in Kunst, Musik und Literatur könnte sogar weit über den Gegenstand hinausweisen und Modellcharakter auch in anderen Bereichen von Wissen und Leben erlangen. Dann würden aber persönliche Biographie und äußere Lebensumstände gerade nicht in einen fortwährenden Einklang geraten, sondern in einen produktiven, beunruhigenden Konflikt – selbst oder gerade dann, wenn Unwägbarkeiten und Ambivalenzen die eigene Biographie erschüttern sollten.
Dieser Konflikt ist nicht nur herausfordernd in den Geisteswissenschaften und ihren „Wissensbeständen“ selbst, sondern reicht weit über sie hinaus. Bachs Matthäuspassion ist eben kein identitäres Musikstück, nicht einfach fromme Musik für religiöse Menschen, sondern sie bleibt dreihundert Jahre nach ihrer Entstehung und zweihundert Jahre nach ihrer Wiederentdeckung eine unabsehbare Herausforderung, die mit dem zeitlichen Abstand sogar unablässig größer und unwägbarer wird. Es wäre die Aufgabe der Geisteswissenschaften, solche Herausforderungen auch und gerade in einer ungewissen Zukunft weiterhin gegenwärtig zu halten, in der zwar illusorischen, aber doch wenigstens anzustrebenden Trennung von Subjekt und Objekt, von Biographie und Zeitumständen, von Wissen und Deutung. Die Instrumentarien, die dazu dienen, können und sollen sich verändern; sie sind aber alles andere als überflüssig.
