Im Leben eines Leistungssportlers hilft es oft, früh dran zu sein. Warum das mit den Pferden bei Raphael Netz aber schon so zeitig anfing, weiß heute keiner mehr. Eine gewisse Anziehungskraft strahlten diese sanften, für ein Kleinkind doch ganz schön großen Wesen schon immer auf ihn aus. Er saß noch im Kinderwagen, da habe er immer zu den Pferden gewollt. „Warum, das kann sich niemand erklären“, sagt er heute, mit 27 Jahren, und zählt sich selbst zur „ersten Generation in meiner Familie, die reitet“.
Inzwischen spielt die Antwort auf die Frage nach dem Warum keine Rolle mehr. Es reicht zu erklären, weshalb Netz einer der Weltbesten seines Sports ist: Er kann hervorragend reiten und stieß in seinem Leben auf die passenden Pferde und Menschen. Bis 2022 dominierte er die Europameisterschaften der Altersklasse U 25. Nach dem Wechsel zu den Senioren wurde er zweimal Fünfter beim Weltcup-Finale und gewann im Juni Bronze bei den nationalen Meisterschaften. Nun ist er jüngstes Mitglied des deutschen Dressur-Quartetts bei der Weltmeisterschaft in Aachen.
Als Zaungast bei den Reitsport-Promis
Seinen Lauf nahm diese Karriere mit einem Haflinger. Die fuchsfarbenen kleinen Pferde mit der blonden Mähne sind landläufig eher als Kutschpferde bekannt oder als Touristenattraktion im gleichnamigen Ort in Südtirol – aber im Dressurviereck? „Aki“ jedenfalls war Netz’ erstes eigenes Pferd und auch sein erster Lehrmeister. Die schweren Dressurlektionen lernten die beiden gemeinsam – nach dem Vorbild der Promis aus der Reitsport-Szene, die Netz als Knirps jedes Jahr an Pfingsten beim Turnier im Schlosspark in seiner Heimat Wiesbaden beobachtete.
Auf der größten Bühne seines Sports ist Netz nun mit dem niederländischen Wallach Camelot angekommen. Ihre gemeinsame Premiere bei den deutschen Meisterschaften war vor wenigen Jahren noch gehörig schiefgegangen: „Wir haben damals erfolgreich den letzten Platz in Balve belegt“, erinnert sich Netz und lacht. „Da wurde mir geraten, Camelot zu verkaufen.“ Allerdings: „Er gehört mir ja gar nicht, deshalb hatte ich darauf gar keinen direkten Einfluss. Aber ein Verkauf war damals definitiv keine Option, deshalb habe ich den Rat nicht einmal an die Besitzer weitergeleitet.“
Kleines Pferd mit großem Herzen
Der Reiter vertraute seinem Pferdchen, das im Vergleich zur vierbeinigen Konkurrenz tatsächlich nicht groß ist: Mit einem Stockmaß von nur 1,65 Metern ist Camelot recht klein. „Wir nennen ihn unser Grand-Prix-Pony“, sagt Netz, „aber er hat das größte Herz.“ Er war sich sicher, dass mehr in ihm steckte: „Camelot hat einen Charakter, wie er im Buche steht.“ Nicht etwa seine großen Bewegungen, die in der Dressur mit hohen Noten bewertet werden, zeichnen das Pferd aus, sondern „sein absoluter Wille, jeden Tag zu performen und sein Bestes zu geben“.
An diesem Dienstag, im Grand Prix der Dressur-Weltmeisterschaft (ab 8.20 Uhr/sportstudio.de), werden die beiden nun als erstes deutsches Starterpaar ins Aachener Reitstadion eintraben. Sie werden Publikum und Wertungsrichtern einen ersten Eindruck von der Equipe des Gastgebers vermitteln, deren Ziel lautet: Mannschaftsgold. Eine Atmosphäre wie in der großen Arena, die Platz für 40.000 Menschen bietet, ist zwar für Camelot neu, für seinen Reiter aber nicht. Schon als Sechzehnjähriger war Netz dort Teil des Show-Programms bei der Eröffnungsfeier zur Europameisterschaft 2015.
Als Teenager von Hessen nach Bayern
Dass Camelot vor dieser Kulisse über sich hinauswächst, ist nicht ausgeschlossen: „Ich habe bei ihm schon oft gedacht: Jetzt haben wir das Limit unserer Möglichkeiten erreicht. Und jedes Mal wurde ich eines Besseren belehrt“, sagt Netz. „Er hat immer noch eine kleine Schippe draufgelegt. Deshalb halte ich es für möglich, dass noch mehr in ihm steckt.“
Es ist längst Raphael Netz’ Beruf geworden, Pferde auszubilden und auf solche Aufgaben vorzubereiten. In die große Welt des Reitsports brachte ihn einst der Zufall: Jessica von Bredow-Werndl, die viermalige Olympiasiegerin, entdeckte ihn in den sozialen Medien – und war von seinem Können im Sattel und im Umgang mit den Pferden so angetan, wie es Bundestrainerin Monica Theodorescu heute ist. Als Teenager zog Netz von Hessen nach Bayern, auf das Gut Aubenhausen der Familie Werndl. Achteinhalb Jahre blieb er dort, lernte alles, was es braucht, um in diesem Sport erfolgreich zu sein.

Mit den Werndls ist Netz noch heute „in Freundschaft verbunden. Nach so langer Zeit ist man über ein normales Angestelltenverhältnis hinaus“. Bei ihnen lernte er auch seine Lebensgefährtin kennen, Selina Söder. Seit zwei Jahren sind die beiden selbständig und betreiben nahe München einen Turnier- und Ausbildungsstall. Die Sechsundzwanzigjährige ist die Tochter des bayerischen Ministerpräsidenten, was auch für Netz mit einer neuen Art des öffentlichen Interesses verbunden ist.
Was er gelassen nimmt: „Für mich macht es keinen Unterschied, ob man eine Pferdezeitschrift aufschlägt und sich lächeln sieht oder die ‚Bunte‘. Das gehört einfach dazu, und ich betrachte es als Teil meines Lebens.“ Aus der Aufmerksamkeit ist eine Art Mission geworden: „Ich sehe es als meine Aufgabe als Spitzensportler an, unsere Philosophie nach außen zu tragen, zu zeigen, wie wir Pferde halten und mit ihnen umgehen.“
Auf Instagram lässt sich das dieser Tage detailliert verfolgen. Auch, dass sich das „Früh-dran-Sein“ weiter durch Raphael Netz’ Leben zieht: Es war noch dunkel am vergangenen Dienstag, als sich der Reiter zusammen mit Camelot und dessen Pflegerin Nathalie Lutz auf die lange Fahrt nach Warendorf machte, wo sich das Dressur-Team auf die WM vorbereitete. Sie waren längst am Ziel, als die anderen Teammitglieder nach und nach eintrudelten.
