Wenigen Künstlern scheint alles, was sie anfassen, zu gelingen. Genki Kawamura ist so einer. Egal, ob als Filmproduzent, Regisseur oder Schriftsteller, was der Japaner sich vornimmt, wird ein Erfolg. Die Liste ist lang und beginnt mit Literatur: Kurz nach seinem Journalismusstudium in Tokio veröffentlichte Kawamura 2012 den Roman „Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden“. Er erzählt die Geschichte eines jungen, schwerkranken Postboten, der einen Pakt mit dem Teufel eingeht.
Für jeden Tag, den der Dämon ihm auf der Erde schenkt, muss er eine Sache wählen, die komplett von der Welt verschwindet. Keine Kleinigkeiten dürfen das sein, immerhin hat man es hier mit dem Teufel zu tun, und der verlangt große Dinge. Der Postbote entscheidet sich zunächst für Telefone, dann Filme, Uhren – und schließlich will sein Mephisto ihm am vierten Tag die geliebte Katze abnehmen.
Das Buch zählt zur Post-Desaster-Literatur, einer Welle von Romanen, die in Japan unter dem Eindruck der Katastrophe von Fukushima entstanden sind. Es wurde in Kawamuras Heimatland ein Bestseller. 1,2 Millionen Exemplare von „Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden“ wurden dort verkauft, der Roman in mehrere Sprachen – darunter Englisch und Deutsch – übersetzt.

Nicht weniger erfolgreich ist Kawamuras Karriere als Filmproduzent. Angefangen hat er im Animationsbereich, brachte 2016 das Coming-of-Age-Drama „Your Name – Gestern, heute und für immer“ heraus, das glatt Miyazakis Klassiker „Chihiros Reise ins Zauberland“ vom ersten Platz der weltweit erfolgreichsten Animes schubste und international mehr als 382 Millionen Dollar einspielte. Die zarte, über mehrere Zeitebenen erzählte Geschwistergeschichte „Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft“ begleitete Kawamura dann 2018 als Produzent zur Premiere auf das Filmfestival in Cannes, und der von ihm produzierte „Suzume“, ebenfalls ein komplex verwobenes Coming-of-Age-Abenteuer, schaffte es 2023 gar in den Hauptwettbewerb der Berlinale, wo Animationsfilmen nur in Ausnahmefällen ein Platz eingeräumt wird. Im gleichen Jahr zeichnete Kawamura zudem als Produzent für Hirokazu Koreedas Drama „Die Unschuld“ verantwortlich, einen Spielfilm über zwei Jungen, deren Freundschaft zueinander romantische Gefühle annimmt, und der im Wettbewerb von Cannes um die Goldene Palme antrat.
Zwei Jahre später kehrte er zurück an die Côte d’Azur, diesmal mit einem eigenen Regieprojekt, das weder mit Animation noch mit zarten Coming-of-Age-Gefühlen zu tun hatte – er präsentierte in der Mitternachtspremierenreihe des Festivals den Horrorfilm „Exit 8“, der nun auch bei uns in die Kinos kommt. Wie entscheidet dieser Mann eigentlich, welchem Projekt er seine Zeit widmet?
„Ich bin ein Geschichtenerzähler“
Beim Interview in Cannes quittiert er die Aufzählung seiner Erfolge mit bescheidenem Lächeln, nippt in der mediterranen Mittagshitze an seinem Iced Coffee und erklärt: „Wenn man’s genau nimmt, bin ich eigentlich ein Geschichtenerzähler. So würde ich mich selbst auch bezeichnen.“ Dabei folge er seinem Stoff, suche das richtige Medium für die jeweilige Geschichte. „Wenn sich etwas am besten für Animation eignet, arbeite ich mit einem Anime-Regisseur zusammen. Habe ich das Gefühl, die Geschichte lässt sich nur in Buchform erzählen, schreibe ich sie als Roman auf. Wenn ich mich aber in den Regiestuhl begebe, will ich meistens noch etwas tun, das über die reine Erzählebene hinausgeht.“
Im Fall von „Exit 8“ sei es eine Designidee gewesen, die ihn faszinierte. Als Vorlage diente dem Film das gleichnamige Escape-Videospiel. Darin befinden sich die Spieler im immer gleichen unterirdischen Gang der Tokioter U-Bahn und müssen Anomalien finden, um den Ausgang aus dem Loop zu erreichen. Ebenso verhält es sich auch in Kawamuras Film: Ein junger Mann mit Rucksack steigt aus einem überfüllten Zug. Den Lärm der Mitreisenden hat er mit Kopfhörern ausgeblendet. Als er sie kurz aus den Ohren nimmt, stört ihn das Schreien eines Babys. Angewidert steckt er die Stöpsel wieder ein. Nun läuft er in Richtung Ausgang. Seine Gedanken sind aber nicht bei der Sache. Gerade hat er einen Anruf seiner Ex-Freundin bekommen. Sie ist schwanger. Sie befindet sich im Krankenhaus. Der Mann sagt nichts. Legt auf. Zieht sein Asthma-Spray panisch aus der Jacke. Und stellt fest, dass er den immer gleichen Gang entlangläuft, ohne am Ausgang 8 anzukommen.
Weiße Fliesen, gelbe Linien. Ein Typ mit Aktenkoffer kommt ihm entgegen – wieder und wieder. Ein Labyrinth, wie M.C. Escher es sich nicht schöner hätte ausmalen können. Irgendwann entdeckt der Mann auf einer Informationstafel die Regeln, die sein Entkommen bestimmen sollen: Entdeckt er eine Anomalie, muss er umkehren. Sieht er keine, soll er weiterlaufen. Macht er dabei einen Fehler, kehrt er zum Ausgangspunkt zurück, und das Spiel beginnt von vorn.
Kawamura fand sowohl an der sauberen, fast klinischen Umgebung als auch an dem Element der ständigen Wiederholung Gefallen. Im Gespräch schwärmt er von den bahnbrechenden visuellen Ideen des „Ghost in the Shell“-Regisseurs Mamoru Oshii und einer langen Kameraeinstellung Kenji Mizoguchis, eines Altmeisters aus der goldenen Zeit des japanischen Kinos. „An so einer langen Einstellung hatte ich mich bereits in meinem Film ‚A Hundred Flowers‘, einem Demenzdrama, versucht – das wollte ich nun unbedingt auch im Horrorgenre umsetzen.“
Was nehmen wir überhaupt aus unserer Umgebung wahr?
Wo Mizoguchi die emotionalen Zustände seiner Figuren allein durch langes Hinsehen deutlich machen konnte, fängt Kawamura mit seinen langen Kamerafahrten durch die U-Bahn-Gänge die Entfremdung des modernen Großstadtmenschen ein. Und stellt ganz nebenbei die Frage: Was nehmen wir eigentlich in unserem Alltag überhaupt aus unserer Umgebung wahr?
Schon Sherlock Holmes warf Doktor Watson vor, er schaue zwar hin, sehe aber das Wesentliche nicht – könne beispielsweise noch nicht einmal sagen, wie viele Stufen die Treppe habe, die er täglich hinauf- und hinabgehe. Ebenso verhält es sich mit dem jungen Mann im U-Bahn-Gang und, das ist der schöne Effekt solcher Filme, auch mit uns. Natürlich saugt man als Zuschauer Details auf, hat gesehen, dass der Mann an Plakaten vorbeigeht, die, wie in jeder Bahn-Station der Welt, diverse Dinge bewerben. Aber hing das Poster mit den Ameisen auf einer Möbiusband-Acht schon in diesem Gang, oder ist es die Anomalie, die den Typen umkehren lassen sollte? Warum starren wir so viel auf unsere Smartphones, obwohl wir durch die Gegend laufen – und wissen dann gar nicht mehr, wo wir sind? Und wieso ist es so schwer, in einer völlig sterilen Umgebung – weiße Fliesen, gelbe Linien – die Ausnahme zu finden, die das Bild stört?
Genau solche Spielereien mit strikter Form sind es, die Kawamura reizen. „Vielleicht ist das auch eine japanische Charakteristik“, sagt er. „Als ich das Videospiel das erste Mal sah, erinnerte es mich an das klassische No-Theater, das auf einer kleinen Holzbühne mit einer sehr begrenzten Zahl an Darstellern aufgeführt wird. Die Bewegungen der Schauspieler sind dort strengen Regeln unterworfen, trotzdem sind sie in der Lage, tiefgründige Geschichten von großer Bedeutung und emotionaler Tragweite zu erzählen.“ Und noch eine Assoziation löste das Videospiel bei ihm aus: „Vielleicht liegt es daran, dass ich Christ bin – aber diese endlosen Gänge ließen mich an Dantes Purgatorium denken, den Ort, an dem wir uns unseren Sünden stellen müssen.“ Wie Dante in „Die Göttliche Komödie“ immer tiefer in die Kreise des Fegefeuers vordringt und dabei die menschlichen Vergehen und ihre Bestrafung zu sehen bekommt, so hält Kawamura es also auch im Film: Jede Anomalie, die unser Panik-Asthmatiker hier entdeckt, ist zugleich ein Ausdruck seiner Schuldgefühle.

Das beginnt mit dem noch harmlos erscheinenden Aktenkoffertypen im weißen Hemd, der wie ein Roboter auf dem Weg zur Arbeit immer wieder und wieder an dem jungen Mann vorbeigeht, ohne ihn wahrzunehmen. „Wenn man in einer Stadt lebt, hat man das schon tausend Mal erlebt“, sagt Kawamura. „Man denkt, die U-Bahn-Fahrt zur Arbeit sei jeden Tag die gleiche. Dabei verändern sich kleine Dinge: Jemand wird laut, weil ihm etwas passiert ist. Ein anderer stößt mit einem zusammen. Und manchmal kommt man an einem Obdachlosen vorbei. Aber viele von uns tun so, als hätten sie das alles nicht gesehen.“ Ist das überhaupt noch ein Mensch, wird sich der junge Mann fragen, als der Aktenkoffer-Typ zum dutzendsten Mal an ihm vorbeiläuft. Der Bürotyp im weißen Hemd antwortet nicht, wenn er angesprochen wird, reagiert nicht auf seine Fragen. Ist das schon die Anomalie? Irgendwann dreht unser schreckhafter Held sich um, und der Aktenkoffertyp steht grinsend genau hinter ihm – immerhin sind wir hier ja in einem Horrorfilm, und der braucht manchmal gar keinen großen Aufwand, um wahnsinnig beklemmend und gruselig zu sein.
Wenn der Aktenkoffermann die Chiffre für die Gleichgültigkeit gegenüber unseren Mitmenschen ist, so wird der Weg durchs Purgatorium bald heftiger. Blut tropft auf die Fliesen. Die Neonlichtröhre flackert. Kinderschreie echoen von den Wänden.
Irgendwann trifft der junge Mann auf ein Mädchen in Schuluniform und fragt: „Sind wir gestorben? Ist das die Hölle? Sieht so die Bestrafung für unsere Sünden aus?“
Wer aus diesem Film kommt, läuft danach auf jeden Fall aufmerksamer durch die unterirdischen Gänge und schaut seine Mitmenschen genauer an.
