
„Zum dritten Mal in weniger als zwei Jahren wird Präsident Trump von Schüssen bedroht. Diesmal ist die Washingtoner Presse im Raum“, schrieb die „Washington Post“ zu den Schüssen, die beim White House Correspondents Dinner in Washington Hilton fielen. Für die sechzig Jahre alte Veranstaltung, in der Journalisten und Regierungsmitglieder sich ein Stelldichein geben und sich gegenseitig in launigen Ansprachen durch den Kakao ziehen, hatte Donald Trump erstmals seine Teilnahme zugesagt. Aber dann kam das Attentat, bei dem der schwer bewaffnete Cole Tomas Allen durch die Sicherheitskontrolle stürmte und mehrere Schüsse abgab, bevor Sicherheitskräfte ihn niederringen konnten.
„Das ist, was Journalisten tun“
Wenige Sekunden später waren die anwesenden Journalisten im Arbeitsmodus, im Galadress. Die Präsidentin der White House Correspondents Association, Weijia Jiang, bemerkte bei ihrem Sender CBS, „wie viele Journalisten live aus dem Ballsaal berichteten, obwohl sie nicht wussten, ob ihr Leben in Gefahr waren. Das ist, was Journalisten tun, und es war hier auf eindrucksvolle Weise sichtbar.“
Der CNN-Moderator Wolf Blitzer war in einer Live-Schalte im Hotelflur vor dem Ballsaal zu sehen, wie er am Handy seinen Augenzeugenbericht abgab. „Ich war nur Meter entfernt von dem Schützen“, sagte er im schwarzen Anzug mit Fliege, während er sich mit der anderen Hand das Ohr zuhielt. „Ich hörte diese lauten, sehr lauten, sehr beängstigenden Schüsse neben wir. Dann riss mich ein Polizeibeamter zu Boden. Ich dachte bei mir, ob ich wohl das Ziel bin?“ Blitzer war sichtlich erschüttert, er konnte gar nicht aufhören zu reden und überhörte mehrere Nachfragen der Moderatorin Laura Coates, die gemeinsam mit John Berman im Studio saß.
„Gott segne Amerika“
Seine Kollegen Caitlan Collins und Jake Tapper filmten nur Minuten nach den Schüssen auf ihren Handys, wie Sicherheitsbeamte mit gezogenen Waffen durch den Saal hasteten, während auf der Bühne, von der soeben Donald Trump und J.D. Vance evakuiert worden waren, schwer bewaffnete Männer mit kugelsicheren Westen, Helmen und Maschinenpistolen im Anschlag standen und die Gäste verunsichert um sich blickten. „Sie bringen Minister Kennedy raus“, hörte man jemanden sagen, dann eine Frauenstimme: „Warte mal, hatte er Gesundheitsprobleme?“. Irgendjemand rief: „Gott segne Amerika“, und „USA, USA!“
Der „New York Times“-Korrespondent Shawn McCreesh schilderte, wie er von der Toilette zurückkehrte und auf die Waffen mehrerer Sicherheitsbeamter blickte, die „runter! runter!“ riefen; er filmte mit seinem Handy, wie Kabinettsmitglieder den Ballsaal verließen. Gary O´Donoghue, Amerika-Korrespondent der BBC, berichtete aus dem sich leerenden Saal, „diese Schüsse aus einer automatischen oder halbautomatischen Waffe waren ziemlich unverwechselbar, und wir duckten uns alle unter die Tische und blieben dort, weil wir ja nicht wussten, ob da einer durch den Raum ging und im Begriff war, erneut loszuschießen.“ Reporter von MS Now und Fox News berichteten, die Schüsse hätten für manche geklungen wie ein zu Boden gegangenes Tablett. Aber dann, sagte der Fox-Reporter, Griff Jenkins, habe er „shots fired“ gehört, „und da wurde klar, das hier ist echt.“ Mehrfach wurde auf verschiedenen Sendern Videoaufnahmen einer weinenden, aus dem Saal eilenden Erika Kirk gezeigt – die Witwe des im vergangenen September bei einer Veranstaltung in Utah ermordeten Charlie Kirk.
„Was wir gerade beobachtet haben“, sagte die Journalistin und Autorin S.E. Cupp bei CNN, „ist extrem verstörend. Ich bin im Studio, und ich zittere.“ Vor ihr lagen zerknüllte Taschentücher. „Ich kann mir nicht vorstellen, was Erika Kirk gerade durchmacht, schon wieder“, so Cupp mit bebender Stimme. „Es ist so ermüdend, über wieviel Gewalt wir berichten müssen, Gewalt gegen Journalisten, gegen Politiker.“
Verschwörungstheorien auf Social Media
CNNs Medienreporter Brian Stelter, der ebenfalls „unter einem Tisch ausharrte, während Sicherheitsleute von einem Stuhl zum nächsten sprangen“, schrieb: „Tausende aus der journalistischen und politischen Elite des Landes haben nun das durchgemacht, was zahllose andere Amerikaner in ihren Schulen, Büros, Einkaufszentren und Kirchen miterleben mussten.“
Viele Presseleute sind schockiert, nicht wenige auch ernüchtert. Man werde im Nachgang sicher viel über Sicherheitsmaßnahmen sprechen, sagte CNNs Sicherheitsreporter Jim Sciutto. „Aber es wird mal wieder keine richtige Diskussion über den Zugang zu Waffen geben.“
Das steht zu befürchten. Auf Social Media geht es nämlich in eine ganz andere Richtung. Da melden sich Leute, die meinen, der Anschlag sei inszeniert oder eine „False Flag“-Operation gewesen – das Stichwort „staged“ (inszeniert) macht auf den Plattformen gerade Karriere. Inszeniert sei das Ganze, um von Trumps miserablen Umfragewerten und dem Krieg gegen Iran abzulenken. Verschwörungstheoretiker verweisen schon auf Israel.
Das führe vor Augen, „welche Probleme wir zu lösen haben“, sagte der Moderator Eugene Daniels bei MS Now mit Blick auf den Anschlag und dessen Infragestellung. „Wenn Sie dem, was wir Ihnen erzählen, nicht trauen können, dann ist das meiner Meinung nach kein Problem des Journalismus, sondern ein Problem der amerikanischen Gesellschaft“, fügte sein Kollege Jonathan Capeheart hinzu. „Was gestern Abend passiert ist, war real.“
