
Als der Volkswagen-Aufsichtsrat vor knapp zwei Wochen in Wolfsburg zusammenkam, um über ein neues Sparprogramm für den Autokonzern zu verhandeln, war schnell klar: Eine schnelle Einigung ist nicht in Sicht. In einer turbulenten Sitzung hatte das Management im Wolfsburger Markenhochhaus seinen Zukunftsplan für VW zur Abstimmung gestellt – und war wie erwartet am Widerstand der Arbeitnehmervertreter und des Großaktionärs Niedersachsen gescheitert, die sich gegen Entlassungen und Werksschließungen stemmen. In Wolfsburg wird nun weiterverhandelt, die nächste Aufsichtsratssitzung ist für Anfang September geplant.
Auch bei der Tochtergesellschaft Porsche in Stuttgart geht es an diesem Mittwoch im Aufsichtsrat um ein Sparpaket, über das Vorstand und Arbeitnehmer seit Monaten sprechen. Es sind Maßnahmen, die der Sportwagenhersteller schon vor rund einem Jahr angekündigt hat und die ein erstes Programm von Anfang 2025 ergänzen sollen, das den Abbau von rund 3900 Stellen am Stammsitz in Stuttgart-Zuffenhausen und am Entwicklungszentrum in Weissach vorsieht.
Ausgang der Aufsichtsratssitzung ist offen
Wie aus Arbeitnehmer- und Unternehmenskreisen verlautet, hatten sich beide Seiten in den vergangenen Wochen schon angenähert. Am Wochenende sollen sie sogar kurz vor einer Einigung gestanden haben. Demnach wäre ein sozialverträglicher Abbau weiterer 3000 bis 4000 Stellen mit der Zusage an den Betriebsrat verbunden worden, die Beschäftigungssicherung um fünf Jahre auf 2035 auszuweiten. Zudem hätte das Porsche-Management Investitionen zugesagt. Nachdem sich die Fronten am Sonntag und Montag dann wieder verhärtet hatten, wird nun mit Spannung erwartet, wie die Sitzung ausgeht.
Für Porsche-Chef Michael Leiters sind die Beschlüsse Grundlage für seine weiteren Planungen. In den kommenden Wochen muss der Manager, der Anfang Januar den Chefposten in Zuffenhausen übernommen hat, in Abstimmung mit dem Mutterkonzern VW entscheiden, welche Modelle Porsche in den kommenden Jahren in welchen Werken herstellt. Vorstellen will Leiters seine neue Strategie schon auf einem Kapitalmarkttag im Oktober. So hatte es der Manager in den vergangenen Monaten immer wieder bekräftigt, zuletzt auf der Hauptversammlung im Juni.
VW-Arbeitnehmer schauen mit Argusaugen nach Stuttgart
Der Zeitdruck in Stuttgart ist also groß. Gleichzeitig gibt es eine enge Verbindung mit den Strategieplanungen in Wolfsburg. Das Porsche- Management um Leiters muss darauf achten, dass es nicht mit allzu großen Zugeständnissen an die eigene Belegschaft die Verhandlungsposition des Managements im VW-Konzern schwächt. Dort schauen die Arbeitnehmervertreter ohnehin mit Argusaugen auf die Kollegen von Porsche, die mit der am Wochenende skizzierten Lösung vergleichsweise gut wegkämen. Schließlich dringen die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch in Wolfsburg auf ungleich härtere Einschnitte. Drei VW-Werke und eine Fabrik der Marke Audi könnten schließen, mehr als 100.000 Arbeitsplätze stehen im ganzen Konzern zur Disposition.
Porsche-Chef Leiters steht damit zwischen allen Fronten. Ihm geht es um eine grundlegende strategische Neuaufstellung. Er hat das Bild einer „Sportwagen-Schmiede“ im Kopf, will vor allem die in den vergangenen Jahren stark gewachsene Organisation in Entwicklung und Verwaltung reduzieren und weiß, dass er IG Metall und Betriebsrat für eine Einigung etwas bieten muss. Die Arbeitnehmer ziehen rote Linien und sehen vor allem die Beschäftigungssicherung bis 2035 zurzeit als unverhandelbar.
Porsche hat das Problem, dass weder das Stammwerk in Stuttgart-Zuffenhausen, in dem die Sportwagen vom Band laufen, noch die in eine Tochtergesellschaft ausgegliederte SUV-Fabrik in Leipzig ansatzweise ausgelastet ist. Im ersten Halbjahr 2026 ging der Porsche-Absatz im Vergleich zum Vorjahr noch einmal um 16 Prozent auf 122.306 Fahrzeuge zurück.
Welchen Kurs verfolgen die Familien Porsche und Piëch?
Das Verhältnis des Managers zu den Porsches und Piëchs, die den Ingenieur Ende 2025 vom Sportwagenhersteller McLaren nach Stuttgart geholt haben, beschreiben Vertraute aus dem Unternehmensumfeld als gut. Völlig klar ist, dass jeder Schritt von Leiters in den Verhandlungen eng mit den Familien abgestimmt ist. Auch deshalb rätseln in Stuttgart und Wolfsburg viele, welchen Kurs die Familien bei VW und Porsche eigentlich verfolgen. Manche sehen sie zwischen einer harten Gangart in Wolfsburg und einer etwas weicheren Haltung bei Porsche schwanken, dem Unternehmen, das ihren Namen trägt. Andere rechnen damit, dass sich alle Standorte auf härtere Eingriffe einstellen müssen.
Klar ist: Eine Einigung bei Porsche mit einer Beschäftigungssicherung bis 2035 könnte den VW-Konzernchef Oliver Blume in die Bredouille bringen. Ein Abschluss in Stuttgart würde nicht nur die Verhandlungen um das Sparpaket in Wolfsburg fundamental erschweren. Hinzu kommt, dass Porsche – seit jeher auf mehr Eigenständigkeit bedacht – auch jetzt wieder versucht, seine Modell- und Technikstrategie möglichst unabhängig vom Konzern aufzustellen. Blume dagegen hat den Gesamtkonzern im Blick, der auch Kooperationen mit Porsche beinhaltet. So beruht etwa der neue Sportwagen Concept C von Audi auf dem Porsche 718.
Nachdem der Ton in den Verhandlungen zwischen Porsche-Vorstand und Arbeitnehmervertretung zuletzt ruppig geworden war, ist es nicht unwahrscheinlich, dass es wie in Wolfsburg auch in Stuttgart am Mittwoch keine Einigung geben könnte. Dabei hatte sich der Porsche-Chef vor wenigen Tagen noch optimistisch gegeben. „Es waren lange, intensive und an einigen Stellen auch schwierige Gespräche“, hatte Leiters in einem Beitrag im Intranet von Porsche geschrieben. „Jetzt geht es um die Detailarbeit, ehe wir Ende Juli die Ergebnisse vorstellen.“ Das wollte Leiter auf einer Betriebsversammlung am kommenden Montag tun. Möglicherweise muss er sich nun ein anderes Thema für seine Rede suchen.
