
Österreich hat den belgischen Intendanten Peter de Caluwe lange nicht haben wollen. Schon vor etwa zehn Jahren hatte er seinen Hut in den Ring geworfen, um Dominique Meyer an der Spitze der Wiener Staatsoper abzulösen. Doch damals entschied man sich in Wien gegen ihn und für Bogdan Roščić, den früheren Manager der Plattenfirma Sony Classics. Auch jetzt scheint man sich in Österreich nur im zweiten Anlauf für de Caluwe erwärmt zu haben. Nach österreichischen Medienberichten habe das Kuratorium der Salzburger Festspiele bei der Neubesetzung der Intendanz zunächst eine Doppelspitze aus der Amsterdamer Opernintendantin Sophie de Lint und dem Regisseur Barrie Kosky favorisiert. Doch die Verhandlungen scheiterten an der vertraglichen Ausgestaltung der Aufgabenteilung.
Peter de Caluwe machte in Brüssel exzellente Arbeit
Wer im März in Amsterdam das Opera Forward Festival und die Tagung des Netzwerks Opera Europe erlebt hat, konnte bemerken, dass Kosky und de Lint bei aller demonstrativen Herzlichkeit ästhetisch geradezu konträr zueinander stehen: Kosky vertritt ein sinnliches Theater, das im singenden Menschen seinen Ausgangspunkt sieht und intellektuelle Reflexion nicht überpädagogisch transportiert. De Lint verfolgt eine deutliche gesellschaftspolitische Agenda, die verschiedensten sozialen Gruppen zur Repräsentationsgerechtigkeit verhelfen will. Wahrscheinlich wäre das eine Doppelspitze geworden, die die Festspiele in verschiedene Richtungen gleichzeitig hätte ziehen wollen.
Peter de Caluwe kommt ganz aus der Schule von Gerard Mortier, der die Salzburger Festspiele 1991 nach der langen Karajan-Zeit neu ausgerichtet hatte. Schon 1986 hatte Mortier den 1963 geborenen Literatur- und Theaterwissenschaftler ans Théâtre de la Monnaie nach Brüssel geholt, wo er fast vierzig Jahre blieb, die letzten achtzehn bis 2025 als Generalintendant. Er ist ein ausgewiesener Opernfachmann, der etwas von Stimmen, Stücken, Dirigenten und Regisseuren versteht. Die Brüsseler Oper hielt er über Jahre hinweg an der europäischen Spitze.
Seine Ernennung zum Intendanten bedeutet für Salzburg gewiss keine neue Sicht auf das, was klassische Musik oder was Europa sein könnte. Es sieht nach einer Fortsetzung der alten karolingischen Dominanz, also der Definition des Europa-Begriffs durch die Nachfolgestaaten des Reiches Karls des Großen, aus; nach einem Festhalten an aktualisierendem Regietheater und nach weiterer Förderung Neuer Musik, wie sie durch die Avantgarden in Frankreich, Deutschland und Italien definiert wurde.
Das bedeutet Kontinuität aber auch im Sinne von handwerklicher Exzellenz und strengem Kunstbegriff, der sich an Kenntnis, nicht an Umfragen, tagespolitischen Agenden oder Klickraten bei Spotify orientiert. Man hätte sich andere Lösungen denken können, aber diese ist bei Weitem nicht die schlechteste.
