Die von Gott geschaffene großartige Menschheit steht heute vor einer entscheidenden Wahl: Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel, oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen.“ Es ist eine gewaltige Diagnose, die Papst Leo XIV. in seiner neuen Enzyklika zur Künstlichen Intelligenz stellt. Und er ist schon in der ersten Woche oft missverstanden worden.
Denn der Papst spricht über Künstliche Intelligenz weit differenzierter, als viele der ersten Zusammenfassungen vermuten ließen. Im Kern handelt diese Enzyklika weniger von Technologie als von den kulturellen Voraussetzungen menschlichen Zusammenlebens.
Nicht zufällig greift der Papst dafür auf die Geschichte vom Turmbau zu Babel zurück – auf den Traum einer Menschheit, die sich „einen Namen machen“ will und glaubt, bis an den Himmel bauen zu können.
Woran leidet die digitale Moderne wirklich?
Darin geht es nicht um Technikfeindlichkeit. Die Menschen scheitern in der biblischen Erzählung gerade nicht an mangelnden Fähigkeiten. „Wohlauf, lasst uns Ziegel brennen“, heißt es dort mit dem Selbstbewusstsein einer Welt, die glaubt, Fortschritt sei vor allem eine technische Aufgabe.
Die Menschen verfügen über Organisation, Ingenieurskunst, sogar eine gemeinsame Sprache. Nicht an fehlender Vernetzung zerbricht ihr Projekt, sondern daran, dass die Menschen einander nicht wirklich zuhören – und sich zugleich zu wichtig nehmen.
Darin liegt die eigentliche Modernität dieser Erzählung. Die digitale Moderne verfügt über Kommunikationstechnologien von historisch einmaliger Reichweite. Noch nie konnten Menschen schneller Informationen austauschen, Bilder verbreiten, Wissen organisieren und Öffentlichkeit herstellen. Und dennoch wächst in vielen westlichen Demokratien das Gefühl, dass gemeinsame Wirklichkeit brüchig geworden ist.
Aufmerksamkeit als zentrale Machtressource
Douglas Adams, Autor des Kultromans „Per Anhalter durch die Galaxis“, hätte seine Freude an der Babel-Passage dieser Enzyklika gehabt. Sein berühmter Babelfisch, der seinem Träger die sofortige Verständigung mit allen Sprachen des Universums ermöglicht, beseitigt alle sprachlichen Barrieren. Eigentlich müsste damit der alte Menschheitstraum erfüllt sein: keine Missverständnisse mehr, keine Reibungsverluste der Kommunikation, endlich gegenseitiges Verstehen. Genau diese Hoffnung kehrt heute in vielen KI-Visionen wieder.
Stattdessen führt der Babelfisch bei Adams bekanntlich nicht zu Frieden. Nachdem er alle Verständigungsbarrieren niedergerissen hat, habe er „mehr und blutigere Kriege auf dem Gewissen als sonst jemand in der ganzen Geschichte der Schöpfung“.

Man konnte sich plötzlich verstehen – und verstand sich gerade deshalb noch lange nicht. Das ist keine schlechte Beschreibung unserer Gegenwart. Die digitale Moderne leidet möglicherweise nicht an einem Mangel an Information, sondern an einem Mangel an gemeinsamer Wirklichkeit.
Im Zentrum der Enzyklika steht nicht die Maschine, sondern die Frage, was aus dem Menschen in einer zunehmend technisierten Welt wird. Die „großartige Menschheit“ erscheint bei Leo XIV. weder als romantische Verklärung noch als technisches Optimierungsprojekt. Der Mensch ist aus seiner Sicht zugleich schöpferisch und begrenzt, frei und gefährdet, fähig zur Kooperation ebenso wie zur Selbstüberschätzung. Der Papst interessiert sich weniger für die Frage, was Maschinen können, als für die Gesellschaft, die sie hervorbringt.
Plattformen organisieren längst nicht mehr nur Märkte
Der eigentliche Schauplatz der digitalen Moderne sind deshalb nicht technische Innovationen, sondern ihre neuen Machtzentren. Öffentlichkeit, Kommunikation und Aufmerksamkeit werden zunehmend von privaten Plattformen organisiert. Für einen amerikanischen Papst ist das ein deutlicher Befund.
Darin liegt zugleich eine fundamentale Kritik an der Selbstbeschreibung des digitalen Kapitalismus. Plattformen organisieren längst nicht mehr nur Märkte. Sie organisieren Aufmerksamkeit. Wer sichtbar wird. Wer verschwindet. Was Empörung erzeugt. Was als wichtig gilt.
Aufmerksamkeit wird damit zur zentralen Machtressource digitaler Gesellschaften. Daten, Reichweite und Algorithmen erzeugen neue Formen ökonomischer und kultureller Macht. Die alten Fragen der Ordnungspolitik – wie Macht begrenzt und wie freiheitliche Märkte am Menschen ausgerichtet werden können – kehren zurück. Nur diesmal geht es um die institutionellen Regeln digitaler Öffentlichkeiten.
Nicht frei von erwartbaren Spitzen gegen den Markt
Die oft technokratisch klingenden europäischen Regulierungsprojekte, vom „Digital Markets Act“ bis zum „AI Act“, sind deshalb mehr als bloße Marktregulierung. Es geht um die Frage, wie demokratische Gesellschaften Kontrolle über die Infrastrukturen ihrer eigenen Öffentlichkeit behalten können.
Leo XIV. spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer „Entwaffnung“ der Künstlichen Intelligenz. Gemeint ist damit gerade nicht Technikfeindlichkeit. Das Wettrennen um eine immer leistungsfähigere Künstliche Intelligenz erscheint in der Enzyklika vielmehr als neuer bewaffneter Wettbewerb – wirtschaftlich, geopolitisch und zunehmend auch kognitiv.
„Entwaffnen“ bedeutet deshalb nicht, auf Technologie zu verzichten. Die eigentliche Gefahr beginnt dort, wo technische Überlegenheit stillschweigend als kulturelle oder politische Autorität akzeptiert wird.
Natürlich ist auch diese Enzyklika nicht frei von erwartbaren Spitzen eines Papstes gegen Markt. Manche Passagen wirken, als habe man die letzten Jahrzehnte vatikanischer Kapitalismuskritik noch einmal sorgfältig zusammenmontiert.
Ein Gegenmodell zu einem digitalen Babel
Gerade die ersten Abschnitte leiden bisweilen an jener vatikanischen Ausführlichkeit, die Geduld zu einer theologischen Tugend macht. Die zahlreichen Rückgriffe auf die Entwicklungslinien katholischer Soziallehre haben stellenweise eine solche Formelhaftigkeit, dass man sich für einen kurzen Moment fragt, ob nicht bereits die Künstliche Intelligenz selbst an der Abfassung mitgewirkt hat.
Doch bereits dort, wo sie ihre klassischen Sozialprinzipien entfaltet, wird die Enzyklika plötzlich überraschend gegenwärtig. Was bedeuten Gemeinwohl und die allgemeine Bestimmung der Güter in einer Öffentlichkeit, die von privaten Plattformen organisiert wird?

Wie lässt sich Solidarität mit Bezug auf Daten und Algorithmen denken, sodass sie allen und nicht nur einigen wenigen nutzen? Und ist soziale Gerechtigkeit nicht weit mehr als die bloße Verteilung materieller Güter – nämlich vor allem auch die Frage, wer Zugang zu Bildung, Öffentlichkeit und kultureller Teilhabe besitzt?
Leo XIV. denkt diese Prinzipien ausdrücklich als Gegenmodell zu einem digitalen Babel: gegen Machtkonzentration, Vereinheitlichung und technokratische Selbstgenügsamkeit – und zugunsten von Gemeinwohl, Teilhabe und gemeinsamer Verantwortung.
Wahrheiten, Perspektiven, gemeinsame Entscheidungsfindung
Hier erkennt der Papst manche Risiken der digitalen Moderne klarer als viele aktuelle KI-Debatten – und zwar gerade weil er nicht bloß moralisch, sondern auch strukturell denkt. Leo XIV. beschreibt die digitale Moderne nicht einfach als moralisches Problem, sondern als Ordnungsproblem. Freiheit entsteht nicht von selbst. Märkte, Technologien und Demokratien funktionieren nur dort dauerhaft, wo sie kulturell und institutionell eingebettet bleiben.
Technik kann Kommunikation beschleunigen. Vertrauen kann sie nicht erzeugen. Und da ist der dialogische Grundton der Enzyklika bemerkenswert. Leo XIV. spricht auffallend häufig nicht einfach von „der Wahrheit“, sondern von Wahrheiten, Perspektiven, gemeinsamer Entscheidungsfindung und legitimer Vielfalt der Meinungen. Wahrheit erscheint weniger als Besitzstand denn als gemeinsamer Suchprozess. Der Papst formuliert, Wahrheit sei kein „zu verteidigendes Territorium“, sondern ein Gut, „das es miteinander zu teilen gilt“.
Das ist mehr als eine innerkirchliche Nuance. In zunehmend polarisierten Gesellschaften gewinnt dieser Gedanke politische Bedeutung. Demokratische Gesellschaften leben nicht davon, dass Konflikte verschwinden. Sie leben davon, dass Menschen trotz unterschiedlicher Wahrheiten kompromissfähig bleiben.
Verteidigung der menschlichen Begrenztheit
Kompromisse sind kein Verrat an der Wahrheit, sondern Ausdruck der Einsicht, dass niemand die gesellschaftliche Wirklichkeit vollständig besitzen kann – auch nicht datengetriebene oder algorithmisch organisierte Öffentlichkeiten.
Vielleicht unterschätzen wir, wie voraussetzungsvoll diese neue Form des Zusammenlebens ist. Wo digitale Öffentlichkeit nur noch aus moralischer Selbstvergewisserung, algorithmischer Empörung und digitaler Lagerbildung besteht, da wird der politische Gegner schnell nicht mehr als Gesprächspartner, sondern als Feind wahrgenommen.
Demokratien verlieren ihre Stabilität oft nicht nur durch autoritäre Politiker, sondern durch den Zerfall gemeinsamer Wirklichkeit. Sie zerfallen kommunikativ.
Menschen sind nicht vollkommen berechenbar
Noch skeptischer zeigt sich die Enzyklika dort, wo die digitale Moderne beginnt, nicht nur Werkzeuge, sondern den Menschen selbst optimieren zu wollen. Leo XIV. wendet sich ausdrücklich gegen jene posthumanistischen Vorstellungen, die menschliche Begrenztheit vor allem als technisches Problem betrachten. Altern, Verletzlichkeit, Abhängigkeit und sogar Sterblichkeit erscheinen darin zunehmend als Defekte, die sich eines Tages überwinden lassen könnten.
Die Enzyklika verteidigt die menschliche Begrenztheit nicht trotz, sondern wegen der Würde des Menschen. Der Mensch ist aus dieser Perspektive gerade nicht deshalb wertvoll, weil er perfekt, effizient oder unbegrenzt leistungsfähig wäre.
Seine Würde liegt vielmehr darin, dass der Mensch mehr ist als das, was sich messen, optimieren und funktional verwerten lässt – weil menschliche Urteilskraft sich niemals vollständig in technische Intelligenz übersetzen lässt.
Digitale Moderne kennt immer weniger Zwischenräume
In der Tat: Menschen sind nicht vollkommen berechenbar. Menschen zögern. Sie missverstehen einander. Sie ändern ihre Meinung. Sie brauchen Stille, Erinnerung und manchmal sogar Umwege. Nicht jede menschliche Schwäche ist bereits ein technisches Problem.
Die digitale Moderne dagegen kennt immer weniger Zwischenräume. Alles soll sofort verfügbar und auswertbar werden. Künstliche Intelligenz fasziniert gerade durch ihre Geschwindigkeit, ihre Mustererkennung und ihre permanente Betriebsamkeit. Doch Urteilskraft entsteht nicht dort, wo Antworten immer schneller werden, sondern dort, wo Menschen sich die Freiheit bewahren, innezuhalten.
Auch daraus hat Adams längst Literatur gemacht. In seinem Roman berechnet ein gigantischer Supercomputer die Antwort auf die „endgültige Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“. Nach vielen Millionen Jahren Rechenzeit liefert der Computer schließlich die Antwort: 42. Das eigentliche Problem besteht nur darin, dass niemand mehr weiß, wie die Frage lautete.
Demokratische und freiheitliche Gesellschaften brauchen Mut
Womöglich liegt eine der eigentlichen Gefahren der Künstlichen Intelligenz darin, dass Gesellschaften irgendwann auf nahezu alles Antworten finden – und darüber vergessen, warum sie diese Antworten überhaupt suchen.
Der Gegenentwurf zu Babel wäre dann nicht die Abschaffung von Technologie. Sondern eine Gesellschaft, die trotz aller technischen Möglichkeiten menschlich genug bleibt, die richtigen Fragen nicht zu vergessen.
Dazu gehört die Fähigkeit, technologische Macht nicht mit Wahrheit oder politischer Autorität zu verwechseln.
Demokratische und freiheitliche Gesellschaften brauchen den Mut, die Macht digitaler Plattformen zu begrenzen, fairen Wettbewerb zu sichern und ihre Öffentlichkeiten nicht vollständig den Logiken von Geschwindigkeit, Empörung und Optimierung zu überlassen. Und sie brauchen Menschen, die bereit bleiben, auch das eigene Verhalten im digitalen Raum kritisch zu hinterfragen.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Aufgabe im Zeitalter Künstlicher Intelligenz: nicht nur klügere Maschinen hervorzubringen, sondern eine Gesellschaft zu erbauen, in der Menschen lernen, was es heißt, menschlich zu leben.
Nils Goldschmidt ist Direktor des Weltethos-Instituts in Tübingen und Professor für Kontextuale Ökonomik und ökonomische Bildung an der Universität Siegen. Er ist Mitglied im Deutschen Ethikrat.
