Digitale Methoden eröffnen auch in der Archäologie ganz neue Möglichkeiten der Rekonstruktion und Erforschung. „Die vor allem für Computerspiele entwickelten Methoden digitaler Dokumentation und Rekonstruktion erlauben uns, die antike Lebenswelt neu zu erschließen und sie somit auf neue Weise begreifbar und auch erforschbar zu machen“, sagt Susanne Muth, Professorin für Klassische Archäologie am Winckelmann-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin.
Seit Februar 2025 kooperiert sie mit dem archäologischen Park in Pompeji und Gabriel Zuchtriegel. Die Zusammenarbeit mit Pompeji hat an der HU schon Tradition. Unter dem Motto „Pompeii Reset“ und mithilfe der Förderung der „Stiftung Humboldt-Universität“ wollen die Forscher eine virtuelle 3D-Rekonstruktion Pompejis erarbeiten.
Digitale Zwillinge erlauben eine genaue Rekonstruktion
Pompeji sei für die Archäologie insofern ein Glücksfall, als das tägliche Leben einer ganzen Stadt in einem einzigen Moment eingefroren und konserviert wurde, sagt Muth. Allerdings ist nur die Architektur der Erdgeschosse erhalten, die Obergeschosse fehlen und fielen dem Vulkanausbruch zum Opfer. Die Obergeschosse sollen durch das Projekt wieder „sichtbar und begreifbar“ gemacht werden, denn die Treppen sind nach wie vor als Ruinen sichtbar. „Die Spuren sind da, wir müssen sie nur ernst nehmen“, meint Muth.
Dazu nutzen die Berliner Forscher zum einen Laserscans für die exakte Vermessung der Gebäude, aber auch LiDAR-Scans und LiDAR-Drohnen. Sie liefern 3D-Punktwolken in Zentimetergenauigkeit. Außerdem wird die Baustruktur mithilfe von Detailfotos erfasst und kleinere Objekte wie Gefäße, Möbel oder Geräte mit Streifenlichtscans dokumentiert. Aus der Kombination der verschiedenen Dokumentationsverfahren entstehen dann digitale Zwillinge, in denen noch so kleine Spuren des überlieferten Befundes digital belegbar sind.

Auf der Grundlage der digitalen Zwillinge kann die digitale Rekonstruktion beginnen. Sie findet in Berlin statt und braucht nach Muths Angaben ein Vielfaches der Arbeitszeit im Vergleich zur Dokumentation vor Ort. „Unter sorgfältiger Analyse, Prüfung und Abwägung aller Spuren im digitalen Befund werden Schritt für Schritt dann Rekonstruktionen der verlorenen Architektur im 3D-Modell erprobt und erarbeitet.“ Das Haus des Thiasos mit seinem spektakulären Dionysos-Megalograph, eine der jüngsten, noch nicht öffentlich zugänglichen Ausgrabungen in Pompeji, ist ein Beispiel dafür.
Offenbar gab es einen zwölf Meter hohen Turm, dessen oberes Geschoss wohl für prächtige Gelage des Hausherrn genutzt wurde. Mit der Rekonstruktion des architektonischen Erscheinungsbildes ist noch längst nicht das Ziel des Projekts erreicht, vielmehr geht es den Berliner Forschern auch darum, die antike Wahrnehmung und Nutzung des Gebäudes im digitalen Modell zu simulieren. Deshalb wurde die künstliche Beleuchtung mit Öllampen virtuell erzeugt, die möglicherweise diejenigen wahrnehmen konnten, die es sich auf den Ruheliegen bequem gemacht hatten.
Ein Lehr- und Forschungsprojekt
„Pompeii Reset“ trage erstens zum Schutz des Kulturerbes bei, indem sensible Befunde in Pompeji digital dokumentiert würden. Es leiste zweitens einen zentralen Beitrag zur wissenschaftlichen Erforschung und römischen Stadtkultur, und drittens fördere es die Wissensvermittlung, indem die digitalen Modelle und Simulationen der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, fasst Muth zusammen.
Davon haben auch der Parco Archeologico und dessen Besucher direkt etwas. Aber Muth sieht noch einen ganz anderen Gewinn in ihrem Projekt: „Wir binden unsere Forschung gezielt in die Lehre ein.“ Studenten könnten mit auf Dokumentationskampagnen kommen, um das Potential einer zukunftsweisenden digitalen Archäologie kennenzulernen und darin ausgebildet zu werden. Umgekehrt profitiere das Forschungsprogramm von der engagierten Mitarbeit der Studenten, die in kurzer Zeit mehr dokumentieren und rekonstruieren könnten.
Wer sich die Arbeitsergebnisse dieser innovativen Archäologie anschaut, kann nur hoffen, dass ihre Zukunft an der Humboldt-Universität (HU) gesichert wird und weiterhin die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden. Die Finanzierung ist derzeit nur für zwei Jahre gesichert. Gerade weil das Vorhaben so innovativ ist, braucht es das Vertrauen der Kooperationspartner, der Studenten und der Geldgeber. Allein die gegenwärtige Diskussion um die Schließung des Instituts für Archäologie an der HU und das Ende eines eigenständigen Studiengangs Archäologie gefährden das Vertrauen.
Die digitalen Dokumentationen und 3D-Rekonstruktionen müssen gepflegt, zugänglich gemacht, verwaltet und bearbeitet werden. Wie soll also die Bewahrung der Forschungsdaten gesichert werden, wenn die zugehörige Institution geschlossen wird und die Studenten lieber an andere Universitäten gehen, die ihre Archäologie auch in Zukunft als Fach erhalten wollen?
