
Wie im Live-Ticker verfolgen Millionen das Schicksal des Buckelwals, den Boulevardmedien Timmy getauft haben. Nicht nur in sozialen Medien kochen Emotionen seit Wochen hoch, zwischen tränenreicher Anteilnahme und Häme. Was fasziniert am Schicksal eines einzigen Wals?
Schon Kinder staunen über die größten Tiere der Welt, Blauwale sind schließlich schwerer als 30 Elefanten. Im Frankfurter Senckenbergmuseum teilen sich Wal und Elefant einen Ausstellungsraum, das Skelett eines uralten Finnwals erzählt von der Entwicklung, die vor 50 Millionen Jahren beginnt. Solche Begegnungen machen die Geschichte aus Nähe und Nutzung greifbar: Die Inuit haben aus Walen Werkzeuge, Öl für Lampen, Kleidung und Essen hergestellt, lange vor kommerziellem Walfang.
Doch Wale sind nicht nur Phänomene, sondern auch Projektionen: In „Moby Dick“ jagt Kapitän Ahab den weißen Wal nicht aus Profitgier, sondern aus Rache und Angst. Es ist ein obsessiver Abgrund, gespickt mit biblischen Bezügen. In der Bibelgeschichte erscheint der Wal nicht als Monster, sondern als „großer Fisch“, der Jona zwar verschluckt, ihn aber nach drei Tagen wieder ausspuckt. Über Geschmack lässt sich streiten, die literarischen Darstellungen machen aber klar: Anders als Delphine, seit der Antike durchweg freundliche Retter, sind Wale ambivalent. Intelligent, verspielt, aber auch unberechenbar, unergründlich. Viele Bilder von Orcas, die Boote rammen, haben diesen Eindruck zuletzt verstärkt.
Gleichzeitig erzählt die Popkultur von der Sehnsucht. Im Film „Free Willy“ von 1993 freundet sich ein Junge mit einem Orca an. Der reale Wal hieß Keiko und hatte eine von der Gefangenschaft geknickte Flosse; schon damals ein Medienhype, denn Keiko überlebte in Freiheit nicht – es geht also auch immer um die zweifelhafte Interaktion des Menschen mit den Giganten.
Auch die australische Jugendserie „Ocean Girl“ (1994) lässt ein Mädchen mit einem Buckelwal im Meer kommunizieren, über dessen Gesang. Auf viele Menschen wirken die hohen und tiefen Frequenzen meditativ und geheimnisvoll.
Der Buckelwal an der Ostsee ist zum Popstar geworden, ganz ohne eigene Wal-CD. Offenkundig kein neuer Hype: Albrecht Dürer reiste 1520 an die niederländische See, um einen gestrandeten Wal zu sichten, nur um festzustellen, dass der Wal ins Meer zurückgespült wurde. Und Timmy? Der musste sich von einer Privatinitiative abschleppen lassen und sollte danach eigentlich nur eines tun: nicht schon wieder stranden. Denn vielleicht fasziniert uns am Wal auch, dass er nichts von uns will – außer Fans und Hatern zuzurufen: Kennen wir uns eigentlich?
