
Zum ersten Mal ist an der Straße von Hormus auch ein südkoreanisches Schiff getroffen worden. Der Massengutfrachter HMM Namu ist vor Dubai in Brand geraten. US-Präsident Donald Trump nahm das sogleich zum Anlass, Südkorea ein weiteres Mal zur Beteiligung an Amerikas Krieg gegen Iran aufzufordern. In Seoul rief das Präsidialamt am Dienstag eine Krisensitzung ein.
Südkorea steht durch den Krieg gleich mehrfach unter Druck. Erstens zieht Seoul schon seit Wochen den Zorn Trumps auf sich, weil es sich entgegen seiner Forderung im Nahen Osten nicht militärisch beteiligt. Zweitens haben die Vereinigten Staaten vorübergehend hochwertige Rüstungsgüter und Raketenabwehrsysteme von Südkorea an den Golf verlegt, was die eigene Abschreckung in Asien angesichts der Bedrohung durch das kommunistische Nordkorea und des Machtgebarens Chinas zumindest kurz- und mittelfristig schwächt und das politische Vertrauen in Amerika verringert. Drittens und nicht zuletzt leidet Südkorea wie kaum ein anderes asiatisches Industrieland an den Lieferengpässen, die durch den Krieg verursacht wurden.
Fast alle seine Rohstoffe muss das Land importieren. Alleine zwei Drittel seines Öls bezog Südkorea, eine der größten Industrienationen der Welt, zuletzt durch die Straße von Hormus. Schätzungen zufolge reichen die strategischen Erdölreserven Südkoreas für nur noch wenige Wochen des tatsächlichen Verbrauchs. Ebenso wichtig ist zudem Helium, das vor allem die Halbleiterindustrie des Landes zur Kühlung von Siliziumwafern benötigt. Zwei Drittel seines bisherigen Heliumverbrauchs hatte Südkorea zuletzt aus Qatar bezogen.
Obergrenzen für Treibstoffpreise
Die Regierung von Präsident Lee Jae-myung reagierte mit einer ganzen Reihe von Notfallmaßnahmen. Die Südkoreaner werden aufgefordert, kürzer zu duschen, Waschmaschinen am Wochenende laufen zu lassen und öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, um Strom und Benzin zu sparen. Für Kleinunternehmen, die unter den Energiepreisen und der Inflation leiden, kündigte die Regierung Milliardenhilfen an.
Zum ersten Mal seit drei Jahrzehnten führt Südkorea wieder Obergrenzen für Treibstoffpreise ein. Weitere strategische Ölreserven wurden freigegeben. In Wartung befindliche Kernreaktoren werden zusätzlich zu den 16 laufenden Kernkraftwerken schneller als geplant wieder in Betrieb genommen. Seoul verhängte außerdem ein Exportverbot für das zur chemischen Produktion nötige Naphta, von dem Südkorea zuletzt 35 Prozent über die Straße von Hormus bezogen hat. Präsident Lee Jae-myung nimmt die Krise zudem zum Anlass, für den von ihm seit Langem geforderten Ausbau erneuerbarer Energien zu werben, damit sich das Land strategisch unabhängiger von Rohstoffimporten machen kann. Seinem Kabinett sagte er, „das Schicksal der Nation“ hänge von der Energiewende ab.
Gleichzeitig sicherte sich das kaufkräftige Seoul in bilateralen Verhandlungen mit Riad und Dubai Öllieferungen aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Industrieminister Kim Jung-kwan gab bekannt, Saudi-Arabien habe zugesagt, Öllieferungen nach Südkorea über den alternativen Seeweg durch das Rote Meer zu priorisieren. So dringe Südkorea darauf, fünf unter koreanischer Flagge fahrende Schiffe in die saudische Hafenstadt Yanbu an der Küste des Roten Meeres zu entsenden. Es gehe darum, alternative Versorgungswege aufzubauen. „Wir bereiten Maßnahmen vor, um unseren Schiffen die Nutzung der Route durch das Rote Meer zu ermöglichen, einschließlich Begleitoperationen durch den Zerstörer Dae Joyoung“, sagte Kim dem koreanischen Radio im April.
Trumpfkarte ist die eigene Rüstungsindustrie
Im Bieterwettstreit um das Öl am Golf hat Seoul dabei recht gute Karten. Vor allem wegen der südkoreanischen Verteidigungswaffen, auf die die arabischen Golfstaaten im Krieg weiter dringend angewiesen sind. So berichtete das „Wall Street Journal“, dass Riad die koreanischen Rüstungskonzerne Hanwha und LIG Nex1 gebeten habe, eine Bestellung für ihr Flugabwehrsystem Cheongung-II („Himmelsbogen“) vorzuziehen.
Dieses südkoreanische System ist nach koreanischen Angaben bereits von den Vereinigten Arabischen Emiraten eingesetzt worden, um Drohnen und Raketen aus Iran abzufangen. Auch aus den Emiraten gebe es Anfragen nach weiteren Lieferungen südkoreanischer Abwehrraketen.
Zum einen sollen die koreanischen Rüstungsprodukte günstiger sein als amerikanische – bei ähnlicher Qualität: Im März berichtete die Zeitung „Joongang Ilbo“, dass die Rakete 29 von 30 anvisierten Raketen und Drohnen aus Iran über den VAE abgeschossen habe. Zum anderen sind amerikanische Hersteller von Raketensystemen durch den Krieg selbst mehr als ausgelastet und können andere Staaten immer weniger bedienen.
So werden koreanische Waffen längst auch am Golf eingesetzt, während sich Seoul militärisch ansonsten aus dem Irankrieg herausgehalten hat – trotz der wiederholten direkten Aufforderung durch Trump, die Straße von Hormus gemeinsam freizukämpfen. Trump hat Südkorea schon mehrfach kritisiert, ihm dabei nicht zu folgen. Der Konflikt kann für Seoul regionalpolitisch heikel werde. Die USA halten seit Jahrzehnten knapp dreißigtausend Soldaten auf der koreanischen Halbinsel stationiert.
Im April wies Trump genau darauf hin: Südkorea sei den USA gegenüber „nicht hilfreich“ , obwohl die USA ihre Truppen in Südkorea „in Gefahr“ stationieren würden. Schließlich liege Südkorea, so Trump, „direkt neben“ Nordkoreas Atomstreitkräften. Eine Feststellung, die man auch als Drohung auffassen kann.
