
In den vergangenen Monaten hat eine Reihe ranghoher Manager Open AI verlassen. Das prominenteste Beispiel war im Juli Fidji Simo, die erst im vergangenen Jahr zu Open AI gekommen war und damals einen großen Teil des Tagesgeschäfts von Altman übernommen hatte. Simo begründete ihren Weggang mit fortdauernden gesundheitlichen Schwierigkeiten, sie leidet seit einigen Jahren an einer Erkrankung des Nervensystems und hatte im April eine medizinische Auszeit genommen. Im April kündigten auch der frühere Produktchef Kevin Weil und einige andere Manager ihren Weggang an.
Unzufrieden mit geschäftlicher Entwicklung?
Der jetzt publik gewordene Abschied von Dresser ist besonders bemerkenswert. Zum einen weil sie so kurz im Unternehmen war, zum anderen weil ihre Rolle als Verantwortliche für Umsatzstrategie mit Blick auf den geplanten Börsengang eine besondere Bedeutung hat. Die Personalveränderung wirft also die Frage auf, ob Open AI mit seiner geschäftlichen Entwicklung unzufrieden ist. Im Frühjahr berichtete das „Wall Street Journal“, das Unternehmen habe interne Ziele für Umsätze und Nutzerzahlen verfehlt.
Open AI hat dies zwar nicht bestätigt, allerdings hat Altman zugegeben, dass er Verbesserungsbedarf sieht. Im Juli schrieb er auf der Plattform X: „Wir hatten nicht die besten zwölf Monate aller Zeiten, was vor allem meine Schuld ist, aber wir stehen vor unseren bislang besten zwölf Monaten.“ In einem Podcast konkretisierte er kurze Zeit später, Open AI sei „nicht fokussiert genug“ gewesen und habe „zu viele Dinge auf einmal“ getan. Er fügte aber auch hinzu, mittlerweile habe es „bemerkenswerten Fortschritt“ gegeben. Open AI hat in diesem Jahr seine Produktpalette gestrafft und zum Beispiel angekündigt, die Videoplattform Sora wieder einzustellen.
Anthropic holt auf
Nach der Einführung von ChatGPT im Jahr 2022 schwamm Open AI zunächst auf einer Erfolgswelle, in jüngster Zeit sieht sich das Unternehmen aber verstärkt unter Konkurrenzdruck. Vor allem der Rivale Anthropic hat Boden gut gemacht. Anthropic hat seinen Schwerpunkt stärker als Open AI auf Unternehmenskunden gelegt, zum Beispiel mit erfolgreichen Angeboten wie Claude Code, einem KI-Programm, das speziell für Softwareentwicklung gedacht ist. Mittlerweile versucht auch Open AI zunehmend, sein Geschäft mit Unternehmenskunden auszubauen, und dies war Dressers wichtigste Aufgabe als Chief Revenue Officer. Open AI hat das Ziel ausgegeben, bis zum Jahresende die Hälfte seines Umsatzes mit Unternehmen zu erzielen.
Dresser kam vom Softwarekonzern Salesforce, wo sie zuletzt den Bürokommunikationsdienst Slack geführt hatte. Ihr Zuständigkeitsgebiet wurde im April ausgeweitet, als sie einen Teil der Aufgaben von Brad Lightcap übernahm. Lightcap legte damals sein Amt als Chief Operating Officer nieder und bekam eine neue Rolle als Verantwortlicher für „besondere Projekte“, bevor er sich jetzt ganz verabschiedete. Dressers Nachfolger als Chief Revenue Officer wird Dali Rajic, der ebenfalls von außen kommt. Er war zuletzt Präsident von Wiz, einem Spezialisten für Cybersicherheit, der seit Kurzem zum Internetkonzern Google gehört.
Open AI hat im Juni seinen Börsenprospekt bei der Aufsichtsbehörde SEC eingereicht, was einen Börsengang noch in diesem Jahr möglich machen würde. Allerdings berichtete die „New York Times“ unlängst, dass das Unternehmen dazu tendiert, bis 2027 zu warten. Auch Anthropic hat seinen Börsenprospekt eingereicht, und in der Branche wird damit gerechnet, dass der Börsengang in diesem Herbst stattfindet. Die „Financial Times“ berichtete in dieser Woche, dass Anthropic-Investoren mit einer Börsenbewertung von zwei Billionen Dollar rechnen. Das wäre die höchste Bewertung, die jemals bei einem Börsengang erzielt wurde. Elon Musks Raumfahrtunternehmen Space X hatte bei seinem Börsendebüt im Juni eine Marktkapitalisierung von knapp 1,8 Billionen Dollar.
In seiner jüngsten außerbörslichen Finanzierungsrunde im Mai ist Anthropic mit 965 Milliarden Dollar bewertet worden. Open AI erreichte bei seiner letzten Finanzierungsrunde Ende März 852 Milliarden Dollar. Damals sagte das Unternehmen, es erziele zwei Milliarden Dollar Umsatz im Monat, seither wurden keine weiteren Zahlen genannt. Anthropic teilte im Mai mit, der aufs Jahr hochgerechnete Umsatz liege mittlerweile bei 47 Milliarden Dollar.
