Ob Kinder Wagner verstehen? Als Dirigent der Kinderoper der Bayreuther Festspiele interessiert mich vielmehr, was wohl in ihnen nach der Aufführung vorgeht und ob etwas in ihnen weiterarbeitet: eine Frage, eine Melodie, ein Konflikt, eine Irritation oder eine kleine Phrase, für die sie noch keine Worte haben. Oft beobachte ich die Kinder, wenn sie nach der Vorstellung aus dem Kleinen Festspielhaus am berühmten Grünen Hügel kommen und sofort Gespräche beginnen. Da wird gestritten, ob Wotan ein guter Vater war, warum Brünnhilde ihm widersprechen musste oder ob Siegfried mutig oder leichtsinnig war. Die Vorstellung ist längst zu Ende, die Musik verklungen, und doch beginnt in diesen Kindern etwas weiterzuleben.
Dieses Jahr schrieb mir vor einer Vorstellung eine Mutter, dass sie mit ihrem Sohn wieder in den „Ring des Nibelungen“ für Kinder kommen werde. Acht Jahre zuvor hatte er ihn auch unter meiner Leitung sehr jung besucht und sich danach immer wieder mit dieser Geschichte und Wagners Musik beschäftigt. Nun saß er wieder im Zuschauerraum.

Die 2009 auf Initiative von Festspielleiterin Prof. Katharina Wagner gegründete Kinderoper „Wagner für Kinder“ ist für mich mehr als ein Vermittlungsprojekt. Sie eröffnet Kindern eine Welt, die ihnen fremd sein darf und nicht sofort verstanden werden muss. Das Potential liegt darin, ihnen nicht nur das anzubieten, was sie kennen, sondern etwas Größeres, dessen Bedeutung sie erst mit der Zeit für sich selbst entdecken. Richard Wagners „Ring“ ist dafür ein besonders gutes Beispiel. Natürlich geht es um Macht, Schuld, Liebe, Verrat, Freiheit und Verantwortung. Aber die Begegnung mit Wagner sollte sich nicht darin erschöpfen, diese Themen zu verstehen. Es geht um den Zugang zu einer eigenen künstlerischen Welt, zu einer Welt Wagners, in der Musik, Sprache, Mythos und Bühne eng miteinander verbunden sind und die Musik selbst Bedeutung schafft.
Eine Kinderfassung muss kürzen, auswählen und verdichten, Erzählweise und Sprache müssen der Lebenswelt von Kindern entsprechen. Aber sie sollte nicht alles erklären wollen. Es liegt an uns, Kinder behutsam über ihren bisherigen Erfahrungshorizont hinauszuführen und ihnen zugleich die Freiheit zu lassen, diese Welt auf ihre eigene Weise mit Phantasie zu entdecken. Kunst erklärt nicht alles und ermöglicht gerade deshalb etwas, das Wissensvermittlung nicht vermag. Musik kann berühren, bevor wir wissen, warum sie berührt. Eine Figur kann uns widersprechen, eine Geschichte kann Fragen hinterlassen, die erst später beantwortet werden.

Bildung bedeutet für mich auch, die Geduld zu entwickeln, einer Erfahrung Zeit zu geben und ihr zu erlauben, sich erst nach und nach zu erschließen, ohne sie sofort zu bewerten oder einordnen zu wollen. Wir sprechen viel von der verkürzten Aufmerksamkeitsspanne junger Menschen und machen dafür zu Recht die sozialen Medien mitverantwortlich. Dabei werden Erregung und rasche Befriedigung gesucht, häufig in einer zunehmend isolierten Form des Erlebens.
Hört und sieht ein Kind den „Ring“, so eröffnen sich Möglichkeitsräume, in deren Weite sich eigene Phantasien entfalten können. Verwirrende und rätselhafte Emotionen finden tröstliche Formen. Besonders beglückend ist das Gemeinsame im Erleben bisher unbekannter Welten. Man hört dasselbe und erlebt doch etwas Eigenes. Gerade deshalb möchte ich Kunst nicht nur damit rechtfertigen, dass sie bei Kindern Konzentration, Empathie oder Teamfähigkeit fördert. Das kann ihre Wirkung sein, aber nicht ihr Zweck. Ein Musikstück darf uns bewegen, ohne dass daraus ein messbarer Nutzen entsteht. Wir brauchen Erfahrungen, die nicht dem Diktat der Effizienz unterworfen sind.
Es ist für mich schwer nachvollziehbar, wenn der Diskurs über Kultur in erster Linie zunehmend in ökonomischen Kategorien von Einsparungen, Budgets und Schließungen geführt wird. Natürlich müssen Institutionen wirtschaftlich denken, aber es sollte dabei auch beachtet werden, dass ein Theater nicht nur ein Gebäude ist, bei dem es vordergründig um die Reduktion von Betriebskosten geht, und eine Aufführung nicht nur eine Position in einem Budget. Was dort entsteht, kann Jahre später in einem Menschen wirksam sein, ihm eine fremde Welt eröffnen, ihn begleiten oder etwas in ihm verändern. Das lässt sich schwer in Zahlen fassen.
Darum sollten wir uns in der Verantwortung für die kommenden Generationen genau überlegen, was wir verlieren, wenn wir Theater schließen oder kulturelle Budgets schmerzhaft kürzen. Wir sparen dann nicht nur an Vorstellungen, Personal oder Gebäuden, sondern nehmen Möglichkeiten weg, Menschen über den Augenblick hinaus zu erreichen. Dass ein kleiner Junge von 2018 viele Jahre später wieder im Zuschauerraum des Kleinen Festspielhauses am Grünen Hügel sitzt, ist für mich ein leiser, aber deutlicher Grund, warum Kunst und Kultur ihren Platz in unserer Gesellschaft brauchen. Wenn eine Oper die Kinder noch beschäftigt, nachdem sie das Festspielhaus längst verlassen haben, und in ihnen fortlebt, dann ist sie nicht zu Ende. Es ist der Beginn einer Reise.
Azis Sadikovic, geboren 1983 in Wien, ist Dirigent. Seit 2018 leitet er musikalisch die Reihe „Wagner für Kinder“ bei den Bayreuther Festspielen.
