
Nach der Insolvenz von Accell ist das Rennen um den Erhalt des niederländischen Fahrradriesen angelaufen. Aus deutscher Sicht stehen die hiesigen Marken Winora, Ghost und Haibike im Mittelpunkt. Für die gesamte Accell-Gruppe in Heerenveen und für die deutschen Marken werden parallel Käufer gesucht. „Beides ist denkbar – je nachdem, wo ein Investor gefunden werden kann“, sagte ein Sprecher von Martin Mucha, dem Generalbevollmächtigten von Accell Deutschland, auf F.A.Z.-Anfrage. Gespräche seien angelaufen. „Die Suche geht weltweit, ist nicht auf Deutschland beschränkt.“ Die deutschen Marken beliefern den Angaben zufolge die Händler derzeit nicht, sollen es aber in Kürze wieder tun.
Nach Jahren der Restrukturierung und finanzieller Schieflage unter dem Eigentümer KKR war der einstige europäische Marktführer am 11. August von einem Amsterdamer Gericht für insolvent erklärt worden. Das Konglomerat führt unter anderem die in der Heimat weithin bekannten Marken Koga, Babboe, Batavus und Sparta – wobei Sparta in der Marke Batavus aufgehen soll; das jedenfalls sieht ein noch vor der Insolvenz vorgestellter Plan vor.
Ehemaliger Radrennfahrer brütet über Gebot
Aus Irland meldete sich nach der Insolvenzmeldung schnell die Investmentgesellschaft Quanta Capital, sie bekundete Mitte August Interesse an der Accell-Gruppe. Ihr Vorstandsvorsitzender Mel Sutcliffe, einst Radrennfahrer für das irische Nationalteam, lobte Accells Portefeuille als „eine hervorragende Kollektion bekannter Marken“, in Europa wie anderswo. „Unser Hauptziel wird es sein, die Gruppe auf ein stabileres Fundament zu stellen, da sie eine ausgesprochen turbulente Geschäftsphase auszuhalten hatte.“
Der Investor evaluiere eine Offerte. „An Quantas Gebot werden eine Anzahl Investoren und eine globale Finanzinstitution beteiligt sein“, hieß es, was auf eine konkrete Absicht deutet. Sutcliffe kennt Accell aus eigener Erfahrung: Vor zehn Jahren verkaufte er sein Unternehmen Eurotrek Raleigh Ireland an die Niederländer. Quanta lehnte am Dienstag per Mail einen Kommentar über den momentanen Stand ab.
Nicht nur aus Irland kommt Interesse: Auch die Dutech-Gruppe aus Singapur tritt wieder auf den Plan. Sie hat Gespräche über Accell wiederaufgenommen, wie ein Berater dem niederländischen Fachportal Nieuwsfiets.nu bestätigte. Dutech hatte sich vor mehreren Wochen – vor der Insolvenz – als wahrscheinlicher neuer Eigentümer abgezeichnet: Die Gesellschaft verhandelte über einen Erwerb von Accell, was durch eine Anmeldung beim Bundeskartellamt in Bonn bekannt wurde. Die Asiaten sind hierzulande keine Unbekannten: Sie erwarben 2023 schon angeschlagene deutsche Fahrradgruppen: Prophete sowie die Cycle Union mit ihren Marken Kreidler, VSF Fahrradmanufaktur und Rabeneick.
Und das deutsche Geschäft?
Was das deutsche Geschäft angeht, laufen Gespräche nun parallel unter Federführung des Generalbevollmächtigten Mucha von der Kanzlei Grub Brugger und der Unternehmensberatung Bachert & Partner. Es habe schon Interessenbekundungen gegeben, bevor der Prozess gestartet worden sei, sagte Muchas Sprecher. Die Gesellschaft und ihre Tochtergesellschaften hatten am 5. August beim Amtsgericht Schweinfurt ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragt. Sie sollten saniert und die Geschäftsbetriebe währenddessen fortgeführt werden.
„Ziel ist eine Investorenlösung unter Herauslösung der deutschen Geschäftstätigkeiten aus der internationalen Accell-Gruppe“, hieß es damals. Die deutsche Seite stimme sich mit den niederländischen Verwaltern dazu ab, „ob es eine Gesamtlösung für die Gruppe unter Einbeziehung von Deutschland geben kann“, hieß es vor wenigen Tagen ergänzend. „Wir verschließen uns einer solchen Gesamtlösung ausdrücklich nicht – dürfen uns aber aufgrund der insolvenzrechtlichen Verpflichtungen nicht allein davon abhängig machen und führen in Deutschland parallel einen Investorenprozess.“
Die Landesgesellschaft mit Sitz in Sennfeld entwickelt und vertreibt unter den Marken Winora, Haibike und Ghost Fahrräder sowie unter XLC Fahrradzubehör und Ersatzteile. In Sennfeld und Waldsassen beschäftigt sie rund 370 Mitarbeiter, die Produktion ist ins Ausland verlagert worden. Löhne und Gehälter seien über das Insolvenzgeld bis Ende Oktober gesichert. Im Geschäftsjahr 2025 erzielte die deutsche Gesellschaft nach eigenen Angaben mehr als 340 Millionen Euro Umsatz, die Accell-Gruppe brachte es nach den jüngsten veröffentlichten Angaben von 2024 auf mehr als eine Milliarde Euro.
Accell war bis zum Jahr 2022 börsennotiert, ließ sich dann für 1,7 Milliarden Euro einschließlich Schulden vom amerikanischen Private-Equity-Haus KKR und dem niederländischen Investor Teslin übernehmen. Das war in der späten Phase der Corona-Pandemie; Verbraucher hatten sich zuvor in hoher Zahl mit Fahrrädern eingedeckt, weil die Bewegung draußen zu den wenigen möglichen Freizeitaktivitäten zählte. „Unmittelbar nach der Übernahme kam es wegen des Abflauens des covidbedingten Fahrradbooms zu einer noch immer andauernden Absatz- und Preiskrise im Fahrradmarkt“, schreibt Accell Germany GmbH jetzt rückblickend.
Um in seiner schwierigen Lage operativ gegenzusteuern, zentralisierte und verlagerte Accell Produktion. Außerdem handelte das Unternehmen einen Schuldenschnitt mit Kreditgebern und Hausbanken aus, ebenso Geldspritzen durch die Eigentümer. Im Februar dieses Jahres aber kam es zum radikalen Schnitt: Eigentümer und Gläubiger handelten ein Geschäft aus, in dem gewährtes Fremdkapital in Eigenkapital umgewandelt wurde. KKR und Teslin stiegen im Zuge dieser Vereinbarung aus dem Unternehmen aus.
Die Kreditgeber wurden zu Eigentümern, eine dauerhafte Eignerstruktur sollte das nach Unternehmensangaben aber nicht sein. Der geplante Verkauf an Dutech kam nicht zustande, es folgte die Insolvenz.
