Oskar Negt, während der Tage der Frankfurter Karl-Marx-Universität um 1968 Mentor der protestierenden Studenten und Assistent von Jürgen Habermas, hatte nicht damit gerechnet, Professor zu werden. Er sah seine Zukunft eher in der gewerkschaftlichen Erwachsenenbildung. Aber der niedersächsische Kultusminister Peter von Oertzen berief ihn 1971 auf den soziologischen Lehrstuhl der Technischen Universität Hannover, wo der linke Sozialdemokrat eine geistes- und sozialwissenschaftliche Fakultät einrichtete, die durchaus als „rote“ Hochburg gedacht war.
Negt brachte eine Horde seiner SDS-Leute mit, um den Frankfurter Spirit zu reloaden. Der neue Professor wollte in der Institution der Universität den antiinstitutionellen Impuls der Neuen Linken verankern und sich erklärtermaßen den Problemen eines zeitgenössischen Marxismus widmen. Mit der Wiederholung Frankfurter Verhältnisse klappte es freilich nicht wie gewünscht, doch Negt glänzte in Hannover mit Großvorlesungen, die seit 2019 unter dem Titel „Politische Philosophie des Gemeinsinns“ von der Hans-Böckler-Stiftung herausgegeben werden. Der vierte Band widmet sich dem „Erbe des Marxismus“.
Text- und theoriehungrige Menschen
Anders als die ersten drei Bände besteht er nicht allein aus Vorlesungen, denn das Material aus den Jahren 1977 bis 1979 war zu umfangreich und inhomogen. Deshalb entschloss sich Hendrik Wallat, der seit 2016 der persönliche Assistent des 2024 verstorbenen Negt war, dem Vorlesungsmaterial unveröffentlichte Manuskripte und verstreute Publikationen zum Komplex „Marx und Marxismus“ beizufügen. So kann man Negts legendenumwobenes Marx-Referat aus einem Adorno-Seminar von 1959 lesen, mit dem der Student Adornos Assistenten Jürgen Habermas verblüffte, der ihn später als seinen eigenen Assistenten für seine Zeit in Heidelberg und später wieder in Frankfurt engagierte. Der Vortrag „Über das Verhältnis von Ökonomie und Gesellschaftstheorie bei Karl Marx“ zog sich über zwei Sitzungen hin, weil Habermas eine Kürzung für unnötig hielt.

Das waren andere Zeiten, sozusagen eine kritisch-theoretische Antike, in der text- und theoriehungrige junge Menschen es „zurück zu Marx und seinen Quellen“ drängte. Dieser Weg musste erst gefunden werden, unter dem poststalinistischen Massiv des Realsozialismus hindurch. Der Marxismus-Leninismus, die „Legitimationswissenschaft“ des Sowjetmarxismus, war ein großes Problem für die Leute vom SDS, zu denen der Student Negt selbst gehörte. Kritik und Autonomie waren Impuls, die dialektische Methode sollte im Sinne Karl Korschs auf den Marxismus selbst angewandt werden. Gleichwohl entstand auch in diesen Kreisen nach 1968 ein fetischisierter Tanz um den richtigen Begriff von Wissenschaft und Gesellschaft, um politische Ökonomie und historischen Materialismus, um Warentausch und Wertcharakter, um Arbeitsform und Kapitalakkumulation.
Das „Erbe des Marxismus“ lag für Negt in den Siebzigerjahren also dreifach vor: in der zu kritisierenden Perversion, in der Entdeckung der verloren gegangenen Tradition und in ihrer Aktualisierung in sozialen Kämpfen. Der Marxismus sollte dabei als epochale kritische und revolutionäre Theorie neu belebt werden. Sozialismus bedeutete für Negt zuerst Selbstverwaltung von unten nach oben. Dem Dogmatismus wurde in Hannover also eine gewisse neu begründete Orthodoxie und vor allem Praxis entgegengesetzt.
Erneuerung des Marxismus
Die Texte des Bandes dokumentieren die damalige Suche nach dieser Erneuerung des krisenhaften Marxismus. Der bisher unveröffentlichte und fragmentarische Text „Phänomenologie des Marxismus“ (vermutlich Mitte der Siebzigerjahre entstanden) reflektiert Entwicklungslinien von Kritischer Theorie und Organisationsformen sozialer Bewegungen jenseits der sozialistischen Internationalen – eine solche Theorie und Praxis zusammenführende Perspektive ist wohl ein genuines Erbe Oskar Negts selbst, ebenso seine Kant-Interpretation zur Erneuerung marxistischen Denkens. Auch in der theoriegeschwängerten Zeit der Siebzigerjahre keineswegs Massenware waren seine „Zehn Thesen zur marxistischen Rechtstheorie“ (1973), denn das staatlich garantierte Recht war doch ein blinder Fleck der Marxisten seit jeher.
Beeindruckend ist das dreißigseitige Nachwort des Herausgebers Hendrik Wallat, der 2023 mit „Dyspraxia. Kritische Theorie im Sog der Negativität“ selbst eine Schrift vorlegte, der man die Hannoveraner „Orthodoxie“ ablesen kann, die eben alles andere als Dogmatismus ist, sondern der fortwährende Wille zur Kritik, von der auch der Vordenker Oskar Negt nicht ausgespart wird: Er habe ein unzerstörbares materiell-widerständiges Fundament im sinnlichen Wesen und Arbeitsvermögen des Menschen unterstellt, was falsche Hoffnungen geweckt habe. Noch zu Lebzeiten musste Negt demnach die Illusion einer Reaktualisierung des revolutionären Marxismus aufgeben. Stimmt diese Beobachtung, dann musste Negt also die Erfahrung seiner Lehrer Horkheimer und Adorno wiederholen, allerdings in einer sehr spezifischen Verarbeitungsweise inmitten einer Zeit, die in Hannover als „zweite Restauration“ empfunden wurde, nämlich der Abwicklung und Zurückdrängung der Neuen Linken.
Was Negt an der Technischen Hochschule, die sich nach und nach zur Volluniversität entwickelte, gleichwohl mitbewirkte: dem Philosophen wie Kritiker der politischen Ökonomie Karl Marx die wissenschaftliche Staatsangehörigkeit in der Bundesrepublik zu verschaffen. Bis dahin war Marx ja allein prominenter Genosse und Überprofessor im SED-Staat nebenan gewesen. Auch Negts Frankfurter Lehrer hatten ja eine eher dezente Marx-Philologie gepflegt, während die Marburger Kollegen sich der DKP verschrieben. Nun kann man diesen Teil des Hannoveraner Einbürgerungsverfahrens nachverfolgen.
Oskar Negt: „Politische Philosophie des Gemeinsinns“. Band 4: Das Erbe des Marxismus: Revolutionäre Theorie, Legitimationswissenschaft, Krise und Erneuerung. Steidl Verlag, Göttingen 2026. 544 S., geb., 38,– €.
