Mit einem grellen Sirren gleitet die elektrische Säge durch das Eis. Sie trennt die armdicke Stange in zwei Hälften, schneidet dann eine durchscheinende Scheibe heraus. Der Schnee, der zu diesem Gletschereis gepresst wurde, fiel vor langer Zeit auf das Holtedahlfonna-Plateau in Spitzbergen. Vielleicht vor 300 Jahren, während in den Kesseln der niederländischen Walfang-Siedlung an der Küste der Blubber erlegter Wale vor sich hin köchelte. Vielleicht vor gut 100, als der junge Geologe Olaf Holtedahl auf Skiern die Eislandschaft im Nordwesten durchquerte, die später nach ihm benannt wurde.
Bald wird klar sein, wie alt das schimmernde Stück Eis genau ist. Auch um das festzustellen, ist es hier, in einem wenige Quadratmeter großen Kühlraum, der mitten in einem Labor der Universität Ca‘ Foscari Venezia in Mestre steht. Die zwei Wissenschaftler hinter der Glasscheibe tragen gefütterte Schuhe und Daunenjacken, die davor T-Shirts, es ist ein warmer Tag. Das Funkgerät knistert: „Kommt mal raus“, sagt die Kollegin, die draußen steht, „es wird zu warm“. Die Temperaturanzeige zeigt minus dreizehn Grad, minus zwanzig sollten es sein. Das passiert manchmal, wenn die Kühlung gegen zu viel Körperwärme anarbeitet. Es ist aufwendig, ein Stück Gletscher Tausende Kilometer entfernt von seinem Ursprungsort in seinem Aggregatszustand zu halten. Es war auch aufwendig, es zu bekommen: Elf Wissenschaftler reisten 2023 auf die arktische Insel Spitzbergen, fuhren mit Motorschlitten zu dem Gletscher, suchten per Radarmessung eine Stelle für die Bohrung, schlugen ein Camp auf, trotzten Kälte und Stürmen, hüteten sich vor Eisbären und trieben den Bohrer immer tiefer in das Eis.

Vier Wochen später schickten sie gut zwanzig Kisten per Schiff Richtung Italien, darin zwei je siebzig Meter lange Eisbohrkerne, in Stücke geschnitten. Der eine war fürs Labor bestimmt, seine Analyse beginnt nun. Für den anderen ist Italien nur eine Zwischenstation. Sein Ziel ist eine fünf mal fünfundreißig Meter große Eishöhle in der Antarktis. Dort soll er auch noch liegen, wenn es den Holtedahlfonna nicht mehr gibt, neben dem Eis neunzehn anderer Gletscher aus verschiedenen Weltregionen, die der Klimawandel in einigen Jahrzehnten oder Jahrhunderten zum Schmelzen gebracht haben wird. Im Südpolargebiet entsteht ein Eis-Archiv. Anders als andere Sammlungen für die Nachwelt, wie die Future Library in Oslo, die über 100 Jahre lang Texte von Schriftstellern sammelt, oder die Westinghouse-Zeitkapseln von 1939 und 1965 stellt diese nicht Erzeugnisse menschlicher Zivilisation und Kreativität aus. „Ice Memory“, so heißt das von sechs Forschungsinstitutionen initiierte Projekt, nimmt einen Verlust vorweg, für den derselbe Erfindungsgeist verantwortlich ist, und versucht ihn zumindest für die Wissenschaft etwas zu dezimieren, indem sie winzige Teile dieser Eismassen rettet, und das, was sie beinhalten.
Denn Eis ist mehr als gefrorenes Wasser, es hat ein Gedächtnis. Ein Gletscher wie der Holtedahlfonna, auf einer der nördlichsten Landmassen der Erde gelegen, ist ein abgeschiedener Ort, fern von fast allem, was das Geschehen auf der Weltkugel beeinflusst, und gerade darum ein zuverlässiger Zeuge von Ereignissen, die Spuren in der Atmosphäre hinterlassen. Gletschereis entsteht aus Schnee, und bereits, wenn der sich in der Wolke bildet, setzen sich Partikel in die Kristallgitter: Sulfate, Pollen, Schwermetalle, Ruß. Auf ihrem Weg nach unten sammeln die Schneeflocken dann noch mehr auf. Auf dem Gletscher werden sie zur porösen Decke mit einladenden Zwischenräumen, in die sich vor allem Luft legt.
Wie dehnte sich das Meereis in den vergangenen Jahrhunderten aus?
Unter dem zunehmenden Gewicht nachkommenden Schnees wird all dies zu einer Abfolge von Momentaufnahmen gepresst, die nachweist, wie sich Natur- und Menschheitsgeschichte zunehmend verschränken: Es ist der menschengemachte Anstieg von Treibhausgasen, der weltweit die Gletscher schmelzen lässt. Diese Treibhausgase stecken in Luftblasen, umso mehr davon, je jünger das Eis ist. In den Schichten des Holtedahlfonna-Gletschers, die sich vor Beginn der Industrialisierung bildeten, fände man eine CO₂-Konzentration von 280 ppm, in der obersten Schicht eine von 430 ppm.
An einer Stelle des Eiskerns ist wahrscheinlich ein dunkler Strich zu erkennen: Schwefelpartikel, beim folgenreichen Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora 1815 in die Stratosphäre geschleudert und wieder herabgesunken. In 60, 70 Jahre alten Schichten fände man radioaktive Nuklide, Spuren amerikanischer Atomtests. Diese Informationen stecken in den meisten Eisbohrkernen, dazu kommen regional unterschiedliche. Beim Eis des Holtedahlfonna interessieren die Wissenschaftler vor allem Meersalz-Aerosole. Die helfen zu rekonstruieren, wie sehr sich das heute rasant schwindende arktische Meereis in den vergangenen Jahrhunderten ausdehnte.

Damit Eiskerne ihre Informationen preisgeben, werden sie zersägt, geschabt, geschmolzen und verkabelt wie ein Patient, dessen Vitalwerte man nicht aus den Augen verlieren will. Im Labor des Instituts für Umweltwissenschaften der Universität Ca‘ Foscari Venezia stehen Bildschirme, auf denen Graphen und Tabellen zu sehen sind, und kühlschrankgroße Geräte, in denen winzige Schläuche verschwinden. Sie führen in die Kältekammer, wo sie das Wasser auffangen, zu dem ein Gerät namens Schmelzkopfanalysator gerade ein Stück Eis zerfließen lässt. Es ist nur ein Testlauf, damit alles funktioniert, wenn das kostbare Gletschereis geschmolzen und durch die Schläuche zu den einzelnen Instrumenten gesaugt wird.
Auch die Ergebnisse der Laboranalyse sollen für die Nachwelt bewahrt werden, als Referenzwerte für die Wissenschaftler, die irgendwann an den Stangen aus dem Eiskeller in der Antarktis forschen und etwa Alpengletscher nicht mehr kennen werden. Bei einer Erderwärmung von gut drei Grad, mit der zu rechnen ist, werden diese bis zum Ende des Jahrhunderts verschwunden sein, wie jeder zweite der aktuell noch 200.000 Gletscher weltweit. Schon jetzt ist die Gewinnung der Eiskerne ein Kampf gegen die Zeit. Auf Spitzbergen musste der erste Versuch abgebrochen werden, als der Hohlbohrer plötzlich auf eine weiche, wässrige Schicht stieß: Schmelzwasser, das sich mit der Signatur des Eises mischt und sie zerstört. Eine neue Stelle wurde gesucht, doch erst die Untersuchung wird zeigen, wie intakt das mitgebrachte Eis noch ist.

Seit Januar ist das Eisdepot mehr als eine Vision. Die ersten zwei Eisbohrkerne kamen in der Antarktis an, einer vom Col du Dôme im Mont-Blanc-Massiv, einer vom Grand Combin in der Schweiz. Acht weitere warten in Europa auf den Transport. In einer Liveschaltung glitt die Kamera über eine Landschaft größtmöglicher Reduktion: weiße Weite, blauer Himmel, keine Spuren menschlicher Anwesenheit, bis auf eine in den Schnee gegrabene Schneise, die vor einer Tür endet: Der Eingang zu der Eishöhle, in der die natürlichen Archive zu einem menschengemachten zusammengeführt werden sollen. Mitarbeiter der nahegelegenen Forschungsstation Concordia traten vor die Kamera und erklärten, wie sie die Höhle gebaut haben: Pistenraupe und Schneefräse wühlten sich in den Schnee, in dem entstandenen Raum wurde ein riesiger Ballon aufgepumpt, der ausgehobene Schnee darauf geschaufelt. Als der hart war, wurde die Luft aus dem Ballon gelassen.
In der Übertragung aus der Antarktis sah man die Wissenschaftler die Kisten in den schummrigen Schacht tragen, die Stimmung war feierlich. Das Eis findet Obdach im Eis, kostenlos und konstant gekühlt bei -52 Grad, auf absehbare Zeit jedenfalls. Auch in der Antarktis macht sich der Klimawandel bemerkbar, die meisten Eisschilde verlieren an Masse, lange aber trotzte der Kontinent der Erderwärmung weitgehend, vor allem dank der ihn abschirmenden Antarktischen Zirkumpolarstroms im Ozean und der hohen Reflexionskraft des Eises, das die Landflächen vollständig bedeckt. Das Eis am südlichen Pol ist im Durchschnitt gut zwei Kilometer dick und so alt wie nirgends sonst. Gerade wird in mehreren Instituten, auch an der Ca‘ Foscari, ein Eiskern untersucht, der mindestens 1,2 Millionen Jahre weit zurückreicht. Ein Rekord.
Nicht nur in Eiskernen notiert der Planet Teile seiner Geschichte, auch in Korallen, Tropfsteinen, Seesedimenten, Baumringen. Eis, mehr Zustand als Materie, ist dabei das fragilste der natürlichen Archive und dasjenige, das mit den eingeschlossenen Luftblasen das direkteste Fenster in die Vergangenheit birgt. Dieses sich öffnen zu sehen, berührt. Als eine Glaziologin vor einigen Jahren bei einem Vortrag in Berlin ein Stück Gletschereis schmelzen ließ und mit leisem Knacken 200 Jahre alte Luft entwich, wurde es still im Saal.
Die Kryosphäre, also alle Bereiche, in denen Wasser in fester Form vorliegt, beeinflusst und reguliert das Erdsystem seit Millionen Jahren und ist zugleich eine für den Menschen unwirtliche Zone, er betrat sie meist als Abenteurer. Heute sind die schmelzenden Gletscher der Gebirgsregionen das eindrücklichste Symbol für den Klimawandel. Was mit ihnen verloren geht, ist jedoch kaum bekannt. Auch das will die als Stiftung organisierte Initiative Ice Memory ändern, deren Arbeit durch Kooperationen mit den beteiligten Institutionen und durch Spenden möglich wird. Ihr Vorsitzender, der Klimaforscher Thomas Stocker, zieht zum Vergleich gern zerstörte Bibliotheken heran, wie die von Alexandria oder Leuven. So ein Verlust mache Menschen betroffen, sagt er am Telefon. Mit Gletschern müsste es eigentlich genauso sein.
Gerade wird nach einem Trägermodell gesucht, das sicherstellt, dass die Idee, die Eiskerne den Forschern und Analysemethoden der Zukunft zugänglich zu machen, auf Generationen gewahrt bleibt. Anders als das von überallher zusammengetragene Saatgut im Global Seed Vault auf Spitzbergen sollen sie nicht jeweils dem Land gehören, aus dem sie stammen. Sie sollen zu einem gemeinsamen Erbe der Menschheit werden, das auch die Antwort birgt auf die Frage, warum dies alles ist, das von den Gletschern blieb.
