Das ist mal ein Aufschlag: eine neue Möbel- und Einrichtungsmarke mit mehr als 60 neuen Produkten in mehr als 300 Varianten, vom Sofasystem über die Leuchte bis zur Wolldecke, und alle sollen von Tag eins online verfügbar sein. Arwenn heißt die neue Marke aus Berlin, der Onlineshop wurde am 12. September freigeschaltet. Das erste Geschäft an der Berliner Friedrichstraße folgt im Oktober.
Hinter dem Aufschlag stehen Ruben Hutschemaekers und Sebastian Schönheit als Gründer und Geschäftsführer. Sie haben Arwenn in rund zwei Jahren von der ersten Idee bis zum Start des Onlineshops entwickelt, zunächst in einem kleinen Büro im Kreuzberger Hinterhof, später in einer ganzen Etage mit Spreeblick in Rummelsburg.
„Ein guter Zeitpunkt, weil jetzt die Karten neu gemischt werden“
Beide kommen aus der Möbelbranche und bringen viel Erfahrung mit, Hutschemaekers als Manager bei Unternehmen wie Hay und Magis und als freiberuflicher Berater, Schönheit als Designer und Mitgründer des Labels New Tendency. Genug Erfahrung, um zu wissen, dass es der Branche nicht besonders gut geht und auch die Aussichten nur mittelmäßig sind, wegen zurückhaltender Käufer, sinkender Exporte und höherer Preise. Doch die Gründer strahlen Zuversicht aus. „Man kann es negativ betrachten und sagen, es ist ein schlechter Zeitpunkt“, sagt der aus den Niederlanden stammende Hutschemaekers. „Ich sehe es anders. Es ist ein extrem guter Zeitpunkt, weil jetzt die Karten neu gemischt werden.“

Die Kundschaft orientiere sich um und suche Alternativen zu den herkömmlichen Anbietern. Deshalb ist für die beiden ein Aspekt zentral: Verfügbarkeit. „Unsere Produkte sind direkt verfügbar“, verspricht Schönheit. Sowohl online als auch im Geschäft sollen alle Produkte vorrätig sein und direkt gekauft werden können – auch Esstische, Sofas und Regale, die flat pack angeboten werden. Jenseits der großen Mitnahmemöbelhäuser ist das noch immer ungewöhnlich: Wer Wert auf eine Einrichtung mit Designanspruch legt, muss normalerweise meistens bestellen und dann mehrere Wochen auf sein neues Stück warten.
Designermöbel sollen hier bezahlbar sein
Die Produkte von Arwenn sollen auch bezahlbar sein. So kostet der Holzstuhl Glow knapp 250 Euro, der gepolsterte Lounge Chair Turn 480 Euro, die tragbare Leuchte Moon rund 160 Euro und der zwei Meter lange Esstisch Solo mit Linoleumplatte etwa 960 Euro. Große Teile der Kollektion sind in Zusammenarbeit mit externen Designern entstanden, unter ihnen Maria Jeglinska-Adamczewska aus Warschau, Moritz Walter und Studio OE aus Berlin, OHA-Studio und Relvãokellermann aus München. Altmeister Jörg Schellmann hat Arwenn sein Entwurfsarchiv überlassen, erste Schellmann-Designs wie ein Tisch und ein Sessel wurden neu aufgelegt. Etwa 30 Prozent der ersten Kollektion basieren auf Inhouse-Entwürfen.
Wie ihnen die Mischung aus Designanspruch und moderaten Preisen gelingt? Sie setzen beispielsweise auf eine vorsortierte Auswahl, etwa bei Textilien und Farben. Anders als bei anderen Marken gibt es bei Arwenn einen gepolsterten Stuhl nur in wenigen Farben und Stoffen. So reduzieren sie den Logistikaufwand und können Ware vorproduzieren. Auch die Zusammenarbeit mit ihren Lieferanten hilft, die Kosten unter Kontrolle zu behalten. Alle Produkte werden in Europa hergestellt. „Der Dialog im Dreieck zwischen Designer, Lieferant und uns sorgt für das effizienteste Produkt“, sagt Hutschemaekers. Da werden beispielsweise die Größen der Tischplatten auf die Maschinen in der Fabrik abgestimmt, um den Materialverbrauch zu minimieren. Oder günstigere Materialien mit gleicher Qualität eingesetzt: Etwa ein dunkleres, unregelmäßigeres Eschenholz, das normalerweise im Möbelbau nicht verwendet wird.
„Ruben und ich glauben daran, dass ein gut gestaltetes Produkt nur dann ein gut gestaltetes Produkt ist, wenn es eine Relevanz am Markt hat“, sagt Schönheit. „Es nützt nichts, wenn wir an strikten Designvorstellungen festhalten, aber sich das Produkt letztlich kaum jemand leisten kann.“ Doch der Preis diktiert nicht alles: So sind die Leuchten mit einem austauschbaren LED-Leuchtmittel und gesteckten, nicht geklebten Kabeln ausgestattet – für den Fall, das etwas kaputt geht, hält Arwenn Ersatzteile vor. Das ist selbst bei vielen hochpreisigen Leuchtenherstellern noch nicht die Regel.
In den Blick genommen als potentielle Käufer haben die Gründer vor allem die Gen Z und die Millennials. Junge Menschen, die sich zeitgemäß einrichten möchten, aber oft noch nicht über große Budgets verfügen. Und die sich dank der sozialen Medien so gut mit Design auskennen wie keine Generation vor ihnen, wie Schönheit sagt. Eine große Rolle spielt deshalb die Bildsprache, mit anspruchsvoller Produktfotografie und unterschiedlichen Bildwelten. Das Geld dafür kommt wie bei anderen Start-ups von Investoren, denn es soll keine Nischenmarke sein, sondern wachsen. Neben dem Geschäft in Berlin wollen sie weitere Läden in anderen deutschen Städten eröffnen. Und danach ins europäische Ausland expandieren. Da reicht Kapital alleine nicht aus: „Wir reden die ganze Zeit über Business Opportunities und Target Audiences“, sagt Hutschemaekers. „Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Möbel etwas sind, wofür wir brennen.“
