Genau 72 Stunden vor Abflug ist der magische Zeitpunkt, zumindest für Passagiere, die ab Hamburg, Frankfurt oder Düsseldorf starten. Von da an kann man seinen Lieblingsslot reservieren für ein Zeitfenster zum zügigen Passieren der Sicherheitskontrolle und hat noch die freie Auswahl. Wer sich neben Online-Check-in-Zeiten oder Umrechnungskursen noch etwas Nützliches merken will, tut gut daran, sich das einzuprägen.
In Hannover allerdings sind es 96 Stunden, volle vier Tage vor dem Start, in Stuttgart dagegen nur 48 Stunden. Wer ab Köln/Bonn verreist, den braucht das alles nicht zu kümmern, weil hier schon hundert Tage vor Abflug gebucht werden kann, für die meisten also gleichzeitig mit Reise- beziehungsweise Flugbuchung. Wo Passagiere bisher vielleicht bei Buchung gegen Aufpreis einen festen Sitzplatz an Bord vorab reserviert haben, gilt es heute, sich den Abflug bequemer und vor allem berechenbarer zu machen und einen Zeitslot an der Sicherheitskontrolle des Abflughafens zu buchen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Das Verfahren entstand im Sommer 2022, als nach dem Höhepunkt der Corona-Krise plötzlich Fluggäste in Massen wieder ins Flugzeug drängten, an Airports aber das Personal für die Sicherheitskontrollen während der Pandemie massiv abgebaut worden war. Unberechenbare, oft stundenlange Wartezeiten, Menschenschlangen bis draußen vor die Terminals und viele verpasste Flüge waren die Folge. Wer fliegt, will ja gerade schneller als Ziel gelangen als am Boden, und dieses Versprechen der Luftfahrt geriet damals in Gefahr.
Der gerade eröffnete, viel gescholtene Hauptstadtflughafen BER war im August 2022 der erste, der mit seinem Angebot BER Runway wieder Verlässlichkeit in die Flugreise bringen wollte. Das war für Nutzer einfach: Von drei Tagen vor Abflug an buchte man für sich und bis zu vier Mitreisende einen passenden Zeitslot von 15 Minuten an einer speziellen Kontrollstelle. Wenn man dann pünktlich erschien, gelangte man mit minimaler Wartezeit zum Abfluggate. Im Gegensatz zu Flughäfen etwa in Großbritannien ist dieses dann schnell populär gewordene Angebot in Deutschland beinahe überraschend fast immer kostenlos.
Einladung auf die Überholspur
Berlin hat es im Mai 2026 wieder eingestellt. Inzwischen ist der Flughafen besser ausgestattet, und alle Kontrolllinien sind mit den neuesten CT-Scannern ausgerüstet. Die beschleunigen die Sicherheitschecks enorm, es gibt kein umständliches Auspacken von Laptops und Flüssigkeiten mehr, Letztere dürfen jetzt sogar in doppelter Menge (zwei Liter statt vorher nur maximal einer in 100-Milliliter-Portionen) mitgeführt werden.
Doch auf anderen Flughäfen erfreuen sich die Vorabzeitfenster für die Durchleuchtung weiter großer Beliebtheit. „Zum Ferienstart haben wir immer eine Vollauslastung gerade durch Familien und bei Messen auch“, sagt die Hamburger Flughafensprecherin Katja Bromm. „Die Nachfrage nach unserem ‚Slot&Fly‘ ist immer noch sehr gut.“ Anders als in Berlin zuvor werden Nutzer dieses Service im Normalfall immer mit CT-Scannern durchleuchtet, die in Hamburg sonst noch nicht überall stehen. So schafft es der Flughafen, bis zu 75 Buchungen pro Viertelstunde entgegenzunehmen und abzuwickeln. Allerdings sind die Hamburger auch streng: Wer zu früh kommt, wartet, bei verspätetem Erscheinen ist der Slot verfallen. Andere Flughäfen sind da kulanter, in Frankfurt erlangt man schon ab 15 Minuten vor der gebuchten Zeit Einlass.

Vorteilhaft ist Planbarkeit vor allem für Reisende nur mit Handgepäck. Wer mit Koffern zum Schalter muss und dann zu spät für seinen Sicherheitsslot erscheint, hat Pech und muss durch die normale Kontrollschlange. Wobei auch deren Längen auf den meisten Flughäfen inzwischen üblicherweise moderat sind. Jeder Fast-Lane-Nutzer kann sich bei der Buchung so viel oder wenig Zeit vor Abflug einplanen wie gewünscht. Familien oder Ältere brauchen oft länger, sie können sich schon mehrere Stunden vor Abflug für das Passieren der Kontrolle einen Slot buchen. Geschäftsreisende, vor allem solche, die in Economyclass oder mit dem Billigflieger reisen und nicht die Priority Lane für Premiumklassen nutzen können, wollen dagegen erst so knapp vorher wie möglich durch die Kontrolle. Meist ist eine Stunde vor Abflug das angebotene Minimum, in Hamburg reicht das Spektrum sogar von knapp drei Stunden bis 40 Minuten vorher.
Macht es einen Unterschied?
Aktuell gibt es in Deutschland Slot&Fly in Hamburg, HAJ Way in Hannover, DUS Gateway in Düsseldorf, CGN Gateway in Köln/Bonn, FRA Smartway in Frankfurt und Smart Lane in Stuttgart. München hat nach einem Test aufgegeben, Dortmund verlangt mit Buchung über einen Drittanbieter 6,99 Euro für den schnellen Zugang. Sonst sind alle Angebote gratis, und in Stuttgart gibt’s sogar noch was obendrauf: einen Gutschein für ein Heißgetränk im Abflugbereich bei gering nachgefragten Slots, wo die Smart-Lane-Kapazitäten noch nicht ausgeschöpft sind. „Seit der Ausgabe der Gutscheine ist die Nachfrage nach der Smart-Lane-Nutzung auch außerhalb der Spitzenzeiten gestiegen“, freut sich ein Flughafensprecher.
Aber macht die Extraabfertigung gegenüber normalen Kontrollspuren überhaupt einen fühlbaren Unterschied? Das Fluggastrechteportal Airhelp hat das jetzt für über 30 europäische Flughäfen plus neun weitere in Deutschland anhand realer Daten untersucht. „Das Ergebnis ist dramatischer, als wir dachten: Fast Track lohnt sich fast überall“, resümieren die Autoren. Airhelp hat den Durchschnittswert der längsten Wartezeiten je Flughafen an jedem einzelnen Wochentag errechnet. Danach kommen sechs Flughäfen in Europa, ausschließlich in Spanien und Großbritannien, zu Stoßzeiten im Mittel auf rund anderthalb Stunden Anstehen an normalen Kontrollspuren – bei nur etwa einer Viertelstunde in der dort teilweise kostenpflichtigen Fast Lane. Ergo liegt die Zeitersparnis dort bei deutlich über einer Stunde.
Deutlich entspannter sieht es in Deutschland aus. München als Spitzenreiter kommt in der Rushhour auf eine Stunde, aber bietet nicht mal eine Fast-Lane-Option. In Frankfurt summiert sich die mittlere Wartezeit an der Sicherheit in Stoßzeiten auf 55 Minuten, in Hamburg sind es 51 Minuten, in Düsseldorf und Stuttgart im schlechtesten Fall 27 Minuten.
Interessant, wie sich die Wochentage unterscheiden, an denen es an deutschen Flughäfen am höchsten hergeht: In Frankfurt ist es der Samstag, in Düsseldorf der Freitag und in Berlin der Mittwoch. Insgesamt ist an allen Wochentagen irgendwo immer am meisten los, den eindeutig ruhigsten Tag gibt es nicht. Umso tröstlicher, dass hierzulande die wichtigen Flughäfen jedem ein kostenloses Angebot machen, die Überholspur zu nutzen.
