In seiner Novelle „Bibliomanie“ von 1836 erzählt Gustave Flaubert die Geschichte des allzu obsessiven Antiquars Giacomo, der selbst vor Mord nicht zurückschreckt, um an äußerst seltene Bücher zu gelangen, indem er andere Buchhändler und Sammler ausschaltet. Auf der laufenden „Rare Book Week Berlin“, die vom 18. bis zum 20. September mit der Messe „Rare Books Berlin“ enden wird, wäre die fiktionale Figur ein gefährlicher Gast, zumal das Angebot beeindruckend und die Konkurrenz groß ist.
Insgesamt 106 Aussteller aus 15 Ländern präsentieren am Wochenende im Kronprinzenpalais Unter den Linden ihre Schätze. Der Verband Deutscher Antiquare hat die erstmals stattfindende Messe organisiert, auf der Objekte vom 15. bis ins 21. Jahrhundert angeboten werden, vor allem aber alte Bücher, Handschriften, Druckgrafiken und Fotografien. Begleitet wird sie in den Tagen davor von einem Kongress, von Ausstellungen, Filmvorführungen, Lesungen und Gesprächen. Die „Rare Books Berlin“ ist größer und internationaler als die traditionsreiche Antiquariatsmesse Stuttgart, die im deutschsprachigen Raum bisher als bedeutendste Veranstaltung für Freunde alter Bücher galt.

Das wohl günstigste Objekt der neuen Messe ist eine Broschüre zu einer Schallplatte der Rolling Stones von 1965 für 70 Euro, das teuerste eine zweibändige Inkunabel von 1470 aus Mainz mit Texten des heiligen Hieronymus für zwei Millionen Euro. Sie enthält zahlreiche Miniaturmalereien des Hausbuchmeisters in höchster Qualität. Angeboten wird das Unikat von Heribert Tenschert, der auf seinem Stand kostbarste Handschriften, seltenste Drucke und illuminierte Stundenbücher des Mittelalters und der Renaissance präsentiert.

Ein ebenfalls beeindruckendes Angebot zeigt Peter Harrington aus London, darunter eine Erstausgabe von Isaac Newtons Buch über die mathematischen Prinzipien der Physik von 1687 für 1,2 Millionen Euro. Es ist eines der wichtigsten Werke der Wissenschaftsgeschichte, denn es beschreibt das universelle Gesetz der Schwerkraft und stellt die Berechnung der Planetenbahnen dar. Harrington hat auch ein anderes Highlight der Messe mitgebracht, für das er 450.000 Euro fordert: den kunsthistorisch höchst bedeutenden, aus 51 Radierungen bestehenden Zyklus „Der Krieg“ von Otto Dix, herausgegeben 1924 von Karl Nierendorf in Berlin. Der Künstler verarbeitete hier auf einzigartige Weise seine traumatischen Erlebnisse im Ersten Weltkrieg.
Mit Pistole in der Universalgeschichte
Falls die finanziellen Möglichkeiten bescheidener sind, lassen sich auch für vierstellige Beträge Schätze erwerben, etwa die 1747 auf Deutsch publizierte „Allerneueste Anweisung zum Kochen“, verfasst von François Massialot, dem Koch Ludwigs XIV. am Hof von Versailles (1550 Euro); das erstmals 1838 in Frankfurt erschienene Märchenbuch „Gockel, Hinkel, Gackeleia“ des Romantikers Clemens Brentano (1800); Charles Darwins in London 1872 veröffentlichte Evolutionstheorie „The Descent of Man“ (4850); die Leipziger Erstausgabe von Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ von 1915 (2800) sowie den New Yorker Erstdruck von F. Scott Fitzgeralds Roman „The Great Gatsby“ von 1925 (2000).
Unter den Autographen sind vier von Ernst Ludwig Kirchner 1926 verfasste Briefe bemerkenswert, in denen er seine tiefe Antipathie gegenüber bestimmten Museumsdirektoren zum Ausdruck bringt und seine Vorstellungen von der perfekten Rahmung für expressionistische Gemälde darlegt (8400).

Des Weiteren lockt die Messe mit allerlei Skurrilitäten: Wie wäre es mit einer handschriftlichen Überweisung auf einem Blatt des originalen Rezeptblocks von Sigmund Freud von 1910 (3800)? Oder vielleicht dem 1828 in Leeds verfassten Bericht über das Auswickeln der Mumie des ägyptischen Priesters Nesyamun, der vor über 3000 Jahren in Theben lebte (1100)? Oder doch eher die in 17 Bänden Mitte des 18. Jahrhunderts in Straßburg erschienene „Histoire Universelle“ von Augustin Calmet, deren 14. Band durch Einschnitt ein Geheimfach mit einer Pistole enthält (2400)?
Wider die Barbarei der Bücher schreddernden KI-Firmen
Die bibliophile Leidenschaft kann sich auf der „Rare Books Berlin“ an fast 300 auf der Homepage ausgewiesenen Sammelkategorien orientieren. Das heißt, es gibt fast nichts, was es nicht gibt. Nicht nur Bibliotheken, auch große Antiquariatsmessen sind Tempel des Wissens.

Wie wichtig gerade heute die Wertschätzung des Buches als physisches Objekt ist, zeigt aktuell die Barbarei der systematischen Massenvernichtung alter Bücher. Schon viele Millionen Exemplare wurden von der US-amerikanischen Firma Anthropic wie auch von anderen KI-Unternehmen aufgekauft, um mit ihnen ihre automatisierten Dialogsysteme zu trainieren. Für die Digitalisierung werden die Bücher brachial ausgeweidet, indem der Buchrücken abgeschnitten und die einzelnen Seiten herausgetrennt werden. Nach der digitalen Erfassung werden sie geschreddert. In einem internen Dokument vom 13. April 2024 umschreibt Anthropic sein Projekt: Es gehe darum, „alle Bücher der Welt zerstörerisch zu scannen“. Jedes in einem Antiquariat oder auf einer Messe privat erworbene und anschließen bewahrte Buch wird zu einem geretteten, dass der zerstörerischen Datengier der KI-Firmen entgeht.
